Nils (21) aus Münster

Fabian Schäfer Von Fabian Schäfer
© Ralf Emmerich

Nils will Schauspieler werden – und ist bereits auf dem besten Wege dahin. Sogar für sein Coming-out hat er sich eine Bühne ausgesucht. Dass er keine Modelmaße hat, macht den Plan jedoch schwieriger. Er will es trotzdem schaffen.

Nils, du willst Schauspieler werden. Wie gehst du das an?

Ich habe im Frühjahr Abi gemacht und mache jetzt erst einmal einen Bundesfreiwilligendienst am Jugendtheater „Cactus“ in Münster. Da habe ich auch angefangen mit dem Schauspielern. Jetzt kann ich die Arbeit drum herum kennenlernen, habe viel Zeit für mich neben der Arbeit, die großen Spaß macht. Hier kann ich mir auch überlegen, was ich danach mache und kann mich auf Bewerbungen an Schauspielschulen vorbereiten.

Wie hast du mit dem Theater angefangen?

In meinem Dorf gibt es gar nichts, was mit Theater zu tun hat, aber es hat mich immer schon interessiert. Dann kam mal eine Theaterpädagogin zu uns an die Schule, die ein Stück inszeniert hat. Da war ich sofort dabei und habe gemerkt, das ist es! Ich habe vorher lange nach einem Hobby gesucht, das mich erfüllt. In der Oberstufe musste ich dann ein Praktikum machen, das habe ich ganz spontan im Jugendtheater „Cacatus“ absolviert. Da habe ich sofort gemerkt, dass die familiäre Art am Theater einfach meins ist. Danach habe ich sofort im nächsten Projekt weitergespielt, dann im nächsten – und jetzt mache ich hier meinen Bundesfreiwilligendienst.

Die Theaterpädagogin von dem Projekt hast du neulich sogar wieder getroffen.

Ja, und sie hat erzählt, dass sie wieder so einen Workshop in meiner alten Schule anbieten wollte, aber die Schulleitung hat ihr gesagt, dass der Fokus eher auf Sportveranstaltungen liegt. Das finde ich eine bodenlose Frechheit! Ja, Sport ist wichtig, und viele Schüler sind nicht sportlich genug, aber es gibt eben auch viele, die damit nichts anfangen können. Schüler haben nun mal verschiedene Interessen – und nur Sport als Ventil reicht da nicht. Wenn Pädagogen das nicht sehen, finde ich, dass das Schulsystem an dieser Stelle versagt.

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© Nils
"Das ist so die klassische Geschichte: Ein münsterländisches Dorf und ein junger Homosexueller", sagt er über seine Jugend.

"Das ist so die klassische Geschichte: Ein münsterländisches Dorf und ein junger Homosexueller", sagt er über seine Jugend.

Auch für dein Coming-out hast du dir die Bühne ausgesucht…

Zuallererst habe ich es meiner besten Freundin, einigen wenigen anderen Freunden und meinen Eltern erzählt. Aber im Frühjahr letztes Jahr bekam ich vom Theater die Anfrage, ob ich nicht eine kleine Stand-up-Comedy-Nummer machen will im Rahmen eines größeren Programms. Dann habe ich mit dem Regisseur und dem Autor gesprochen, Christoph Tiemann, einem tollen Kabarettisten aus Münster, worüber ich reden könnte, was Stoff bieten würde, witzig zu sein. Dann habe ich einfach gesagt, dass ich schwul bin. Der Autor war begeistert, weil man das super verwenden kann.

Was hast du in deinem Programm gesagt?

Mein Text hat so angefangen: „Kennen Sie den? Treffen sich ein Katholik, ein Übergewichtiger, ein Schwuler und ein Rothaariger. Kennen sie nicht? Ich schon! Das sehe ich jeden Morgen, wenn ich in den Spiegel sehe.“ Im Publikum saßen einige Freunde und auch meine Tante, die das nicht wussten. Und das habe ich dann drei Abende vor jeweils 180 Leuten gesagt. Und ich habe sehr gutes Feedback bekommen. Viele haben gesagt, wie toll, mutig und auch witzig sie das fanden. Denn das Thema kann man auch mit witziger Art angehen.

Warst du davor denn aufgeregt? Hattest du Angst?

Ich war natürlich ein bisschen aufgeregt. Das war aber das kleinere Problem. Am Anfang von meiner Nummer habe ich über mein Dorf an sich gesprochen, später dann übers Schwulsein im Dorf. Da war eine Passage dabei, die mir ein bisschen unangenehm ist (lacht). Ich sage, dass einem auf dem Dorf immer alle in den Einkaufswagen schauen. Und dass ich deshalb in die Stadt fahren musste, um einen Dildo zu kaufen. Das war natürlich überspitzt, aber ich rede vor fast 600 Leuten darüber, dass ich mir ein Analspielzeug kaufe… (lacht).

© Ralf Emmerich
"Ich bin der kleine dicke schwule Künstler."

"Ich bin der kleine dicke schwule Künstler."

Wie geht deine Schauspielkarriere weiter?

Nachdem wir mit dem Programm ein bisschen getourt sind, hat mich ein freier Regisseur aus Münster angesprochen, der mich für ein Stück über den Amoklauf in Columbine haben wollte. Das konnte ich aber leider nicht wahrnehmen. Ich war nicht immer der fleißigste Schüler und hätte ich das gemacht, hätte ich mein Abi knicken können. Jetzt während meinem Freiwilligendienst spiele ich wieder in einem Projekt mit, aber das ist eher ein Hobby neben der Arbeit.

Und dann bewerbe ich mich auf Schauspielschulen, mit dem Wissen, dass es sehr, sehr schwer ist. Aus Erfahrung von anderen weiß ich, dass viele drei Jahre lang warten, um angenommen zu werden. Eine Alternative wäre für mich die Theaterpädagogik, weil mir die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen auch sehr viel Spaß machen würde.

Du hast gesagt, dass du wegen deines Körpers Nachteile haben könntest…

Ja, denn bei Bewerbungen muss man nicht nur Texte sprechen. Da wird auch viel mit dem Körper gearbeitet, um zu sehen, was der Einzelne leisten kann. Auch wenn es wehtut, mache ich da weiter, um zu zeigen, dass man es trotzdem schaffen kann. Ich will anderen jungen Leuten, die in einer ähnlichen Situation sind, Mut machen.

Die schwule Community gilt ja auch als oberflächlich. Was hast du da erlebt?

Mir hat noch niemand ins Gesicht gesagt, dass ich zu fett bin. Aber ich kriege schon mit, dass es in Clubs oder Dating-Apps sehr oberflächlich zugeht. Es fällt schon auf, dass man da weniger Kontakte bekommt als Leute, die Modelmaße haben.

Wie fühlt sich das an?

Wenn man eine starke Persönlichkeit hat, lässt man sich von so etwas weniger runterziehen. Ich habe Talente und Qualitäten, die ganz unabhängig von meinem Körpergewicht sind. Die Partnersuche kann deprimierend werden, aber ich mache auch Witze darüber, ich kann da offen drüber reden. 

© Nils
„Kennen sie den? Treffen sich ein Katholik, ein Übergewichtiger, ein Schwuler und ein Rothaariger. Kennen sie nicht? Ich schon! Das sehe ich jeden Morgen, wenn ich in den Spiegel sehe.“

„Kennen sie den? Treffen sich ein Katholik, ein Übergewichtiger, ein Schwuler und ein Rothaariger. Kennen sie nicht? Ich schon! Das sehe ich jeden Morgen, wenn ich in den Spiegel sehe.“

Weil du zufrieden mit deinem Körper bist?

Wenn ich wählen könnte, würde ich den vitaleren Körper wählen, aber ich bin auf jeden Fall zufrieden. Wenn ich könnte, würde ich was ändern. Aber ich bin einfach stinkenfaul, ich habe einen sehr, sehr schwachen Geist, was zum Beispiel Fast Food angeht. Es ist auch ein bisschen krankheitsbedingt, weil ich eine Schilddrüsenunterfunktion habe. Aber alles darauf zu schieben, wäre wohl zu einfach.

Wie war es für dich, als schwuler Teenager auf dem Land aufzuwachsen?

Das ist so die klassische Geschichte: Ein münsterländisches Dorf und ein junger Homosexueller (lacht). In der Realschule habe ich schon gemerkt, dass ich mehr weibliche Freunde habe und dass ich einfach andere Interessen habe als die Hetero-Jungs. Ich wurde damals auch richtig gemobbt wegen meines Übergewichts und weil alle dachten, dass ich schwul bin. Das Wort wird da ja nur als Beleidigung verwendet. Deshalb habe ich mir eingeredet, dass das nicht stimmt. Unter dem Mobbing habe ich nicht gelitten, weil ich immer viele Freunde hatte, die bei mir standen, da war es mir egal, was andere reden.

Recht spät habe ich mir dann eingestanden, dass ich schwul bin. Schritt für Schritt habe ich es in der Oberstufe meinen Kumpels erzählt. Für die war das auch alles voll okay. Die studieren heute BWL oder Lehramt, und ich bin der kleine dicke schwule Künstler. Das finde ich einen schönen Gegenpol. In meinem Dorf selbst wurde ich wenig darauf angesprochen, aber meine Mutter hat mir erzählt, dass einige Male jemand danach gefragt hat. Im Dorf wird halt geredet.

Wie haben deine Mutter und dein Vater reagiert?

Einmal hat mich meine Mutter um Rat gefragt, und da habe ich gemerkt, dass wir ein richtig, richtig gutes Verhältnis haben. Da habe ich ihr es einfach gesagt. Und sie hat sich Vorwürfe gemacht, dass sie das gar nicht gemerkt hätte, und dass sie mich alleine lassen würde. Sie hatte Angst, mir damit nicht geholfen zu haben, was aber ja gar nicht so war. Sie hat es total positiv aufgenommen. Bei meinem Vater war es eher so: Oh, okay. Er ist ein Mensch, der bei so etwas immer sehr technisch reagiert. Es war erst schwierig ihm klarzumachen, dass es wirklich so ist. Er hat ein bisschen Zeit gebraucht, das zu verstehen, aber heute ist alles gut.

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Artikel veröffentlicht: 15.12.2016