Sascha (20) aus Zürich

Fabian Schäfer Von Fabian Schäfer
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Der Flugbegleiter ist für seinen Job in die Schweiz gezogen. Er erzählt, wieso er die Entscheidung nicht bereut, ob wirklich so viele Kollegen schwul sind – und wo er seinen Freund kennengelernt hat. Mit ihm ist er seit zwei Monaten glücklich.

Sascha, nach dem Abi bist du Flugbegleiter geworden. Wie bist du darauf gekommen?

Ich wollte eigentlich immer ins Cockpit, aber ich war zu jung dafür. Erst mit 21 kann man sich als Pilot bewerben. Dann wollte ich eben einen Zwischenschritt machen und habe mich über offene Stellen in Deutschland informiert. Ich hatte eine Zusage in Frankfurt, aber auch in Zürich. Da habe ich mich für Swiss entschieden.

Du bist immerhin in ein anderes Land gezogen. Ist dir die Entscheidung schwergefallen?

Mir war sofort klar, dass ich es machen will und machen werde. Dennoch hatte ich Zweifel, immerhin ging alles ganz schnell. Außerdem ist da ein Haufen Bürokratie von deutscher und Schweizer Seite. Das hat sich erst nach zwei Monaten gelöst – und es hat sich gelohnt. Man braucht ja eine Aufenthaltsgenehmigung, neue Versicherungen, der Führerschein wird gewechselt. Das ist ein riesiges Prozedere, weil sich das alles anhäuft. Allein das Schweizer Bankkonto, das man nicht einfach so eröffnen kann.

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Sascha hatte ein tolles Coming-out: Seine Eltern und Freunde hatten keine Probleme.

Sascha hatte ein tolles Coming-out: Seine Eltern und Freunde hatten keine Probleme.

Flugbegleiter ist ja für viele ein Traumjob. Wie gefällt es dir?

Es ist ein Traumjob in jeder Hinsicht, das kann ich nicht leugnen. Aber es gibt auch anstrengende Facetten, dafür aber auch abwechslungsreiche und erholsamere. Mir fällt es besonders schwer, mit der Müdigkeit zu kämpfen. Ich mache Kurz-, Mittel- und Langstreckenflüge, da hat man oft Jetlag. Gerade im Sommer sind die Flugpläne sehr eng und man sammelt massig Überstunden. Die Erholung ist dann der Layover, wenn man zwei Tage lang bezahlt in Miami am Strand liegt. Da kann ich mich nicht beklagen (lacht).

Wo warst du denn zuletzt?

Vorgestern kam ich aus Rom, weil ich gerade einen Kurzstreckenblock habe. Die letzte Langstrecke war Singapur, als nächstes geht’s nach Chicago.

Gibt’s denn eigentlich wirklich so viele schwule Flugbegleiter?

Ja, das stimmt. Und es ist auch so, wie soll ich sagen, dass es sexuell in der Firma heiß hergeht. Es ist wirklich so, dass da die Größe des Kollegiums und die Anonymität ausgenutzt wird. Dass Kollegen im Layover miteinander Spaß haben, kommt vor. Aber ich darf nichts sagen, ich habe meinen Freund auch so kennengelernt?

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Sascha ist Flugbegleiter. Dass viele Kollegen schwul sind, ist kein Klischee, sondern Realität.

Sascha ist Flugbegleiter. Dass viele Kollegen schwul sind, ist kein Klischee, sondern Realität.

Aha? Jetzt wird es interessant...

Ja, wir sind zusammen geflogen, und am Ende des Tages waren haben wir in Nizza übernachtet. Wir haben uns gut verstanden, aber jeder hat in seinem eigenen Zimmer geschlafen (lacht). Wir haben schon im Flugzeug miteinander geliebäugelt und waren ein wenig flirty drauf. Zwei Tage später haben wir uns dann privat getroffen und das weitergeführt. Es ist noch gar nicht lange her. Seit Juli sind wir zusammen, es ist also noch ganz frisch. Es ist wirklich angenehm, weil wir oft zusammen fliegen können. Das ist dann immer wie ein kleiner Urlaub. Das genieße ich sehr.

Ist es nicht auch schwierig? Du bist viel unterwegs, auch mal tagelang nicht zu Hause, hast unregelmäßige Arbeitszeiten?

Hätte ich jemanden, der nicht fliegt, wäre es sicher ein Problem. Aber wir haben vollstes Verständnis füreinander. Und wir schauen, wann es Lücken gibt, dass wir doch mal zusammen zu Abend essen oder dass ich ihn begleiten kann. Dann fliege ich einfach als Passagier mit ihm mit, das ist für uns ja total günstig. Das ist echt wunderbar, auch wenn ich dann noch mehr unterwegs bin als eh schon. Aber für mich passt der Job und der Lebensstil. Ich bin einfach rastlos.

Der Job gefällt dir so gut, willst du denn überhaupt noch Pilot werden?

Im Moment habe ich erst einmal die Bewerbung zum Kabinenchef laufen. Das ist eine mega Herausforderung, weil ich gerade einmal das Mindestalter erfülle. Aber ich will zeigen, dass es auch im jungen Alter möglich ist, in eine Führungsposition zu gehen. Pilot kann ich mit 22 oder 23 immer noch werden, das läuft ja nicht davon.

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Mit der schwulen Szene konnte er wenig anfangen: "Ich brauche das nicht."

Mit der schwulen Szene konnte er wenig anfangen: "Ich brauche das nicht."

Oft werden Flugbegleiter ja als Saftschubse belächelt. Hast du das auch erlebt?

Andauernd! Viele fragen, was einem Spaß macht, Leuten Apfelsaft einzuschenken. Aber es ist ja mehr als das. Wir sind für die Sicherheit verantwortlich. Wir wissen, wie man Brände löscht, wie man das Flugzeug evakuiert und lernen sogar, wie man ein Baby auf die Welt bringt. Natürlich gehört der Service dazu, wir sind ja das Aushängeschild der Airline. Auch ein Teil meiner Familie ist dagegen. Immer wenn ich daheim bin, fragen sie, wie lange ich das noch machen will.

Wo wir schon bei deiner Familie sind: Wie lief denn dein Coming-out ab?

Das ist super gelaufen. Ich hätte mir das nicht besser wünschen können. Ich habe es schon relativ früh gemerkt. So mit 13 habe ich mich in meinen besten Freund verknallt, aber ich hatte Glück, dass er sich auch in mich verknallt hat. Wir hatten zwei Jahre lang so eine Art Techtelmechtel. Das ging so lange, bis er sich entschieden hat, lieber nach Frauen Ausschau zu halten.

Das war mein erster Liebeskummer, und das habe ich mit meiner Mutter geteilt. Meinem Vater habe ich es auch gesagt. Als ich gesagt habe, ich müsse ihm etwas erzählen, hat er schon gefragt, ob ich denn einen Freund habe. Meine Schwestern haben sich sogar gefreut, einen schwulen Bruder zu haben, und meine Omas hatten auch nie ein Problem.

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Seinen Freund hat er im Flugzeug getroffen: Er arbeitet als Kabinenchef.

Seinen Freund hat er im Flugzeug getroffen: Er arbeitet als Kabinenchef.

Hattest du denn trotzdem Angst vor dem Coming-out?

Auf jeden Fall! Bei meiner Mutter zwar nicht, aber bei meinem Vater schon. Da macht sich jeder irgendwie Gedanken, oder? Aber nein, es lief dann erstaunlich einfach.

Du kommst aus der Nähe von Frankfurt. Warst du dort denn oft in der Szene?

Erstaunlicherweise überhaupt nicht. Das war nie so meins. Es war mir zu krass, was da abging: Alle waren so aufdringlich. Natürlich war ich mal dort, aber ich brauche das nicht.

Wo siehst du dich denn in zehn Jahren?

Ja, die schöne Frage (lacht). Da bin ich dann 30 … Hoffentlich im Cockpit und nicht mehr in einer WG. Bis dahin will ich mir was Eigenes aufgebaut haben. Kein Haus, aber eine Wohnung. Idealerweise auch nicht alleine, aber auf jeden Fall in der Fliegerei.

Möchtest du denn Kinder haben?

Ja, unbedingt. Leider ist es auch in der Schweiz noch nicht möglich, aber da ist gerade eine Volksinitiative dran. Ich sage schon immer zu meinen Schwestern, dass sie sich beeilen sollen, weil ich Patenonkel werden will.

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Artikel veröffentlicht: 16.09.2016