Ade schwules Jugendzentrum?

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Ade schwules Jugendzentrum?
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Hamburgs schwarz-grüner Senat steht in der Kritik: die angekündigteErrichtung eines Jugendzentrum für Schwule und Lesben liegt brach, ein Fortschritt ist nicht erkennbar.

"Mit Symbolpolitik, die nichts kostet, ist der Senat schnell zur Hand, aber was Resourcen kostet, dauert viel zu lang!" So bringt die SPD-Bürgerschaftsabgeordete Gabi Dobusch ihre Kritik an der Politik des Hamburger Senats auf den Punkt. Besonders unzufrieden ist sie mit der GAL (Grün-Alternative Liste, Hamburgs Landesverband der Grünen), die sich öffentlich gerne so darstelle, als würde sie besonders viel für Hamburgs Schwule und Lesben tun.

Seit bald zwei Jahren regiert nun der schwarz-grüne Senat in derHansestadt Hamburg. Im Frühjahr 2008 schlossen CDU und GAL einenKoalitionsvertrag, von dem sich anfangs auch Schwule und Lesben mehrerhofften.

Schwules Jugendzentrum, Forschungsprojekt, Gleichstellung

Darinkündigte Schwarz-Grün die Errichtung eines schwulen Jugendzentrums - "nachEvaluation der bestehenden Beratungsangebote" - an, die weitereUnterstützung der Arbeit des Magnus-Hirschfeld-Centrum (mhc), sowie dieFörderung eines Forschungsprojekt zur Aufarbeitung der Verfolgungschwuler Männer aufgrund des §175 StGB in Hamburg; zudem versprach dieKoalition die Unterstützung einer Bundesratsinitiative zursteuerrechtlichen Gleichstellung. Einigkeit bezeugte man in derForderung nach der Gleichstellung von homosexuellen Paaren undEhepartnern im Falle von Hinterbliebenenversorgung und Beihilfe. Auchbekundeten Union und Grüne, dass "Jugendliche bei der Entwicklung ihrersexuellen Identität in der Schule und in Jugendeinrichtungen (...)umfassende Hilfestellung" erhalten sollten.

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Die Flagge der Stadt Hamburg.

Die Flagge der Stadt Hamburg.

Fakt ist aber, dassgerade wichtige Projekten für junge Schwule wie das angekündigteSchulaufklärungsprojekt, das die Bürgerschaft schon im Januar 2008einstimmig beschloss, und das Jugendzentrum hinken. Meist würden ausSicht Dobuschs dafür fadenscheinige Formalgründe vorgebracht, wie dassder Beschluss damals nicht bindend gewesen sei.

mhc ist einzig geförderte Einrichtung für schwule Jugendarbeit

DenUntätigkeitsvorwurf Dobuschs kann Steve Behrmann von derBeratungsstelle des Magnus-Hirschfeld-Centrum (mhc) nicht ganz teilen.Das mhc ist ein lesbisch-schwules Zentrum für Beratung, Kommunikation,Kultur und Jugend, dessen Trägerverein die Unabhängige HomosexuelleAlternative (UHA e.V.) ist. Jeden Freitag kommen 30 bis 50 schwuleJugendliche zum mhc - die einzige Hamburger Einrichtung, die schwuleJugendarbeit betreibt und die seit 2002 staatlich gefördert wird. 2009besuchten Freitag für Freitag insgesamt knapp 2000 Jugendliche das mhc.Von diesen war jeder Zehnte zum ersten Mal anwesend. Die Einschränkungauf den einen Wochentag ergibt sich aus der finanziellen Ausstattungdes mhc, die nur eine halbe Stelle für den Jugendbereich ermöglicht.

DerDiplompädagoge Behrmann stellt die vielen Diskussionen und Gespräche,die er in den letzten beiden Jahren immer wieder geführt hat, heraus.Aber auch er muss zugeben, dass das Aufklärungsprojekt bisher ebennichts vorangebracht und auch sonst nichts entschieden wurde. Ohne Geldfunktioniere keines der Konzepte, die es bereits beim mhc gäbe. "Aberwir machen nicht die Arbeit der Politik", betont Behrmann.

Bisherige Förderstruktur und Befindlichkeiten wichtig

Umder Politik entgegen zu kommen und sie anzuregen, wurde unterFederführung Behrmanns ein Exposé zur Umsetzung eines schwulenJugendzentrums in Hamburg gefertigt. Auch sollte dieses offene Fragenklären, um was für ein Jugendzentrum es sich handeln soll: Nur zurBeratung, wie im Koalitionsvertrag vorgesehen? Nur schwul oderschwullesbisch oder auch mit trans*-Bezug? Dies sei aufgrund derbisherigen Förderstruktur und der Befindlichkeiten in Hamburg wichtigzu klären, so der Diplompädagoge.

Die Reaktion der HamburgerPolitiker darauf sei durchweg positiv gewesen, für die Recherchen undden deutschlandweiten Vergleich sprach man auch Dank aus. WirklicheFolgen gab es keine, ein Konzept steht immer noch aus. Allerdings hatdie GAL auf ihrem Jahresempfang angekündigt, im Frühjahr ein Konzeptvorlegen zu wollen. "Darauf bin ich schon gespannt", meint SteveBehrmann dazu.

Schwullesbische Einrichtungen sind unterfinanziert

Aufdas Exposé des mhc folgten auch Besuche von Teilen der SPD und der GALbeim mhc. Eine der Besucherinnen des mhc in diesem Rahmen war auchDobusch. Hier sei ihr deutlich vor Augen geführt worden, wie knapp diebisherige Finanzierung der bestehenden Institutionen sei. "DieEinrichtungen sind absolut unterfinanziert!" berichtet Dobusch. Sielehnt es auch ab, den gedanklichen Rotstift bei jedem Ausbau derFinanzierung gleich mitanzusetzen - auch in Zeiten der Krise. DieseGefahr sieht auch Behrmann, der warnt, dass der Errichtung einesJugendzentrums nicht die Streichung von Geldern an anderer Stellefolgen dürfte.

Das angedachte Jugendzentrum will die Abgeordneteso auf jeden Fall ohne Kostenreduzierungen im schwullesbischen Bereichverwirklicht sehen. "Wir müssen hierbei auch ganz klar darauf schauen,was die Jugendlichen wollen und was wünschenswert ist", unterstreichtDobusch. Und diese Wünsche hat man beim mhc mittels einer Befragungausfindig gemacht. Eine Mehrheit der Jugendlichen sprach sich für dasmhc als Standort des Jugendzentrums aus. Sie wollen nicht in den BezirkMitte, in die Nähe der Szene oder sogar hinein in die eher verrufenenKieze. Wichtig ist ihnen ein geschütztes Umfeld, ein lebendigesWohngebiet und gute Erreichbarkeit. "Zudem sind auch die Eltern einFaktor, die ihr Kinder sicherlich nicht in der Nähe des Hauptbahnhofs,der Drogenjunkies und Prostituierten schicken wollen", hebt derPädagoge Behrmann hervor.

Erst Klärung von Bedarf, danach von Standort

FaridMüller, GAL-Bürgerschaftsabgeordneter und Sprecher für Lesben- undSchwulenpolitik, der als Initiator des Jugendzentrums gilt, überraschtdieses Ergebnis nicht. Wichtiger als die bisherigen Besucher einesZentrums sind ihm die Personen, die den Weg bisher nicht gefundenhaben. Außerdem: "Erst einmal ist zu klären, welchen Bedarf es gibt,dann, ob dafür ein Jugendzentrum erforderlich ist und dann kann mansich über Standorte unterhalten."

Auch fachlich spreche ausSicht Behrmanns und Dobuschs nichts für den Bezirk Mitte als Standort. Diesbezüglich habe auch Müller keine Argumente, meint Dobusch. Dieservermische derzeit eher die Debatten um Jugendzentrum undAufklärungsprojekt, was sehr hinderlich sei. Es sei auch bezeichnend,dass dieser das Jugendzentrum immer "wie eine Fahne vor sichhergetragen" habe, aber die Verwirklichung des Jugendzentrums bishernicht vorankam. Dass Müller ein neues Zentrum fordere, liegt fürDobusch in der Hand, denn so könne er dieses als "sein Baby" verkaufen.

Bezirkskoalition von SPD und GAL will Jugendzentrum in Hamburg Mitte

Müllerberuft sich bei der Frage um den Standort auf den Koalitionsvertrag vonSPD und GAL, die zusammen im Bezirk Hamburg-Mitte regieren. Hierbeistünde vor allem die optimale Erreichbarkeit im Vordergrund.

Beider Frage des Standorts zeigte sich die SPDlerin letztendlichbeweglich. Sie will wissen, was in der Evaluation zum Jugendzentrumherauskam. Auch Müller hatte bisher keinen Zugang zu dieser Evaluation,auf die sich die schwarz-grüne Koalition verständigt hatte. AlsErgebnis könne er sich vorstellen, dass die bestehenden Strukturen desmhc nicht ausreichend seien. Sollte dies stimmen, so hat die Evaluationaußer Acht gelassen, dass die bisherige Jugendarbeit imMagnus-Hirschfeld-Centrum bereits auf 320 m² stattfindet, was eineabsolut akzeptable Größe ist, wenn man es mit dem Kölner Anywayvergleicht (280 m²). Fakt ist allerdings, dass von diesen 320 m² nur 40m² öffentlich gefördert werden. Dies könnte bei einer möglichennegativen Beurteilung des mhc durch die Evaluation den Ausschlaggegeben haben.

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Hamburger Innenstadt mit Michel

Hamburger Innenstadt mit Michel

Direkter Zugang zur Szene oder Andockung an das mhc?

FürDobusch ist die Evaluation wichtig, um herauszufinden, was mehr Sinnergibt als Standort: die Mitte mit dem direkten Zugang zur Szene oderdie Andockung an das mhc, das davon abseits liegt? Hier müsse man dieAbwägung ansetzen. Die Vorteile des mhc sieht sie aber auch: "Hierliegen Kompetenzen, die das Projekt auch durch ein gutes Konzeptumsetzbar machen." Es sei unbegreiflich, warum der Senat hier bisherkein Interesse zeige und Geld in die Hand nehme.
 
Bezüglich derErrichtung eines komplett neuen Jugendzentrum unterstreicht Behrmann,dass dieses Jahre brauchen würde, ums ich zu etablieren. Daher seiendie Gelder bei bereits bestehenden Einrichtungen, die sich durchgesetzthaben, wohl besser angelegt. "Zudem würde ein Jugendzentrum, das nichtmit dem mhc verbunden ist und in einem anderen Bezirk liegt, auchKonkurrenz bedeuten eine unschöne Situation für beide", gibt derPädagoge zu Bedenken.

Müller: "Gefährdung der mhc-Jugendarbeit ist Spekulation"

EineGefährdung der bisherigen mhc-Jugendarbeit durch ein neuesJugendzentrum ohne Beteiligung des mhc weist Müller als Spekulationzurück. Daran wolle er sich nicht beteiligen: "Erst muss der Bedarfgeklärt werden, dann das richtige Instrument, dann der Standort." Soist für den GAL-Abgeordnetent die Situation insgesamt weiter offen.Denn vor der Veröffentlichung der Evaluation steht für ihn nicht sicherfest, ob ein schwules Jugendzentrum sicher gebraucht wird. Falls diesaber der Fall sein sollte, hielte er es für falsch "im Vorfeld einender Vereine, die sich um die Trägerschaft des Zentrum bewerben könnten,zu bevorzugen oder zu benachteiligen."

DieBürgerschaftsabgeordnete Dobusch wünscht sich jetzt auf jeden Falleinen schnellen Anfang: "Der erste Schritt muss jetzt gemacht werden,zum einen weil die Situation in Hamburg immer schwieriger wird, zumanderen aber gerade weil die schwulen Jugendlichen unsere Unterstützungbrauchen! Alles andere ist unverantwortlich!" Mit Behrmann ist sie sicheinig: "Wenn 2010 nichts passiert, wird es kein schwules Jugendzentrumgeben" - eine Befürchtung, der sich Müller nicht anschließen will unddie ihm so auch nicht bekannt sei.

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