Beim Adel zu Gast

Redaktion Von Redaktion

Die Weissenburg in Stuttgart, die mehrere homosexuelle Gruppen der Stadt beherbergt, darf sich über Nachwuchs freuen. Zwei dbna-Mitarbeiter wurden in die neu gegründete Jugendgruppe "Prinzen" eingeladen, um das Geschehen mitzuerleben.

"Will jemand Kaffee?" Markus Doster, Leiter der Gruppe, schaut fragend in die Runde. Alles schweigt. Schließlich rafft sich dbna-Redakteur Alex auf:"Ich würde einen nehmen." Markus (29) erhört seinen Wunsch und schon wird die Aufgabe an die anderen Leiter delegiert: Einer holt Wasser, der nächste Tassen und schon entsteht Bewegung im Raum. Der unbeteiligt Rest schweigt peinlich berührt. "Naja", denken sich die beiden dbnaler, "das taut noch auf", und lächeln aufmunternd in die Runde.

Matthias und Alex sind in Stuttgart bei der neuen Jugendgruppe "Die Prinzen". Es ist noch nicht lange her, daß sich diese Gruppe formiert hat. "Zwischen Weihnachten und Neujahr hatten wir eine enorme Nachfrage nach einer neuen Gruppe für Jugendliche", weiß Bastian zu berichten. Und aus dieser Nachfrage sowie der positiven Reaktion innerhalb der Königskinder, wuchs eine Idee, die schnell umgesetzt wurde. Schon Ende Januar trafen sich die ersten Interessenten und gründeten formal die neue Gruppe unter dem Projektnamen "Teens" - erst am Tage des Besuchs nahmen sie ihren neuen Namen an.

Zu zweit stärker: KöKis und "Die Prinzen"

Aber Moment Königskinder? Ist das nicht auch eine Stuttgarter Jugendgruppe? Markus nickt. Das sei richtig. "Die Strukturen sind aber andere. Man darf sich das also nicht als Konkurrenz vorstellen." Tatsächlich sind die Königskinder (KöKis) für alle Schwulen bis 27 Jahre offen, der Altersdurchschnitt liegt bei circa 22 Jahren und zum Stammtisch trifft man sich jeden Donnerstag. Einmal kam ein vierzehnjähriger Junge mit seiner Mutter und einer Lehrerin während seiner Coming-Out-Zeit zu dem Treffen, fand aber offenbar aufgrund des Altersunterschiedes zu den Anderen keinen echten Anschluss, und kam nach ein paar Treffen nicht wieder. Und auch weil für die vielen Jüngeren, die noch zur Schule gehen, und ein Abend unter der Woche gerade auch für Leute aus dem weiteren Umland unpraktisch ist, entschloss sich der ihs-Vorstand die Dinge in die Hand zu nehmen. Nun trifft sich eine Leiterrunde mit den Jüngeren jeden Samstag in der Weissenburg.

Markus erklärt den dbnalern den Träger der Gruppe: Seit etwa 1971 existiert die ihs und war anfangs im Liberalen Zentrum Stuttgarts untergebracht. Sie ist damit eine der ältesten derartigen Initiativen in ganz Deutschland und unter anderem der Träger der homosexuellen Jugendarbeit in Stuttgart. Als basisdemokratischer Verein, in dem mehrere Gruppen bestehen, die sich wieder selbst organisieren, zählen sowohl die KöKis als auch die Prinzen. Die ihs als Verein ist Mitglied der Weissenburg, einem weiteren Verein, der von der ihs und anderen Vereinen gegründet wurde, um ein Gebäude als Treffpunkt zu unterhalten.

Freizeitgestaltung an erster Stelle

Die ihs garantiert den Prinzen eine hohe Kontinuität und Kompetenz in der Jugendarbeit dafür spricht auch das Alter der KöKis: knapp 13 Jahre gibt es die jetzt schon. Die Prinzen sollen betreut werden, aber nicht nur in Richtung Coming Out, sondern im Rahmen von Freizeitgestaltung. "Wir steuern das CO nicht, wollen das auch nicht, aber wenn einer Rat und Hilfe bei diesem Thema braucht, dann stehen wir selbstverständlich zur Verfügung", unterstreicht Markus. Dadurch wollen sich die "Prinzen" von den "Königskindern", die eher einen lockeren Stammtisch darstellen, abgrenzen und trotzdem die Kooperation beider Gruppen auf hohem Niveau halten.

Nach Markus' Monolog wird nun auch die Gruppe reger, man greift zum Kuchen, den die Leiter mitgebracht haben selbstgebacken, versteht sich! Dann beginnt Fabian ein wenig zu erzählen. 15 Jahre ist er, der Jüngste in der Gruppe aber älter wirkt er definitiv. "Nach meinem inneren Coming Out habe ich im Netz Kontakte zu Gleichgesinnten gesucht und die ihs mit den KöKis gefunden."  Gleich darauf wurde er Gründungsmitglied der Prinzen. Auch wenn das erste Treffen im Januar eher schleppend verlief, so ist er jetzt stolz darauf, daß sich die Idee zu dieser Gruppe durchgesetzt hat. "Wir sind keine Selbsthilfegruppe auch wenn man uns von außen gerne so wahrnimmt!" betont Fabian. Mit seinem eigentlichen Outing bei seiner Familie und seinen Freunden will er aber noch warten.

Gute Atmosphäre und Abwechslung

Bei Mehmet* ist das ein wenig anders als bei Fabian. Der Junge, dessen Vater aus Tunesien stammt und dessen Mutter Deutsche war, ist inzwischen bei Bruder und Schwester, aber auch Freunden geoutet. Sein Vater ist außen vor: "Der braucht es noch nicht zu wissen, auch wenn wir keine streng religiöse Familie sind." Spaß hat er bei den Prinzen auf jeden Fall.

Letztendlich sind sie eine ganz normale Jugendgruppe, fast schon so etwas wie eine Clique. Man kocht zusammen, schaut Filme, geht Eisessen und vieles mehr. Dabei bringen die Leiter den Jungen auch die Szene durch Szenenkneipentouren näher. "Das ist alles ganz harmlos, weil die Jungen ja meistens unter 18 sind. Wir klären das dann auch vorher mit den Betreibern ab," erläutert Markus.

Langsam wächst die Gruppe immer mehr, aber: "andere Jugendliche müssen erst einmal über ihren eigenen Schatten springen, bevor sie hierher kommen", weiß Fabian aus eigener Erfahrung. Dennoch: "Die Atmosphäre ist immer gut, es lohnt sich also!", verkündet er überzeugt. Und zurückgezogen lebt die Gruppe auch nicht: Man pflegt Kontakte nach außen, so auch mit den Jugendgruppen SchwuB aus Biberach und Tübian in Tübingen.

Jungen aus dem gesamten Umland Stuttgarts gehören dazu

Einem Phänomen, von dem viele SchwuLesBische Gruppen in den Großstädten Deutschlands berichten, können sich auch die "Prinzen" nicht entziehen: Viele Besucher kommen aus dem weiteren Umland. Die Stuttgarter zählen unter anderem Jugendliche aus dem Schwarzwald und dem Filstal, ländlicheren Gegenden in Baden-Württemberg, zu ihren Gästen. Ein klarer Fall: Ein junger Großstadtjunge wagt sich wahrscheinlich viel eher in die schwulen Clubs und Cafés seiner Stadt, während Boys in kleineren Gemeinden oft erst einmal einen geschützten Raum suchen, um über ihr Schwulsein zu sprechen. Ein Umstand, der dem jungen Adel in der Weissenburg sicherlich weiterhin Zulauf beschert.

Zur einfacheren Kommunikation mit Interessierten - aber auch Mitgliedern - nutzen die "Prinzen" die ihs-Website sowie ein GayRomeo-Profil, so dass man auch erstmal anonym Kontakt aufnehmen kann. Letzten Endes freut sich die Gruppe aber in erster Linie auf "offline"-Besuch - "geadelt" werden dort dann alle bis 21.

Nachdem der Kaffee getrunken und der Kuchen gegessen ist, entsteht langsam Aufbruchstimmung. "Ihr geht jetzt schon heim?" wird von Seiten dbnas irritiert gefragt. "Nein", lacht Markus, "jetzt geht es in die Stadt bei Laura noch was trinken!" Schnell wird aufgeräumt, gespült und zusammen marschiert die Gruppe durch die Innenstadt zu Laura, um dort den Abend ganz gemütlich ausklingen zu lassen. Die Gespräche gehen weiter und von dem bisschen Regen lässt sich die Gruppe nicht stören. Als Alex sich dann verabschiedet, meint Fabian mit einem leichten Seufzer: "Ich würde mir wünschen, daß es bald mehr Gleichaltrige in der Gruppe gibt." Vielleicht wird sein Wunsch wahr?

*Name von der Redaktion geändert?

dbna.newsletter
Bleibe immer up-to-date.
Abonniere unseren wöchentlichen Newsletter!
Weitere Quellen: Matthias Mundel, istockphoto.com - HendrikDB & Alija