Beziehung mit einer Frau

Falk Steinborn Von Falk Steinborn
Beziehung mit einer Frau
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"Ich bin schwul!"  Diese Erkenntnis haben die meisten homosexuellen Menschen bereits während ihrer Pubertät. Was aber, wenn man die eigene Sexualität erst später entdeckt? Dann geht es erst einmal den heterosexuellen Lebensweg entlang: mit Freundin, Kindern und einem späten Coming-out.

"Ich bin 19 Jahre alt und zur Zeit bereits ein halbes Jahr mit meiner zweiten Freundin zusammen", schreibt Marko* im Internet. Einen guten Grund dafür kennt er selbst nicht. Er hat nur das getan, was andere auch tun: "Wie schon bei meiner ersten Freundin, kamen wir eigentlich nur zusammen, weil ich mir auch eine Freundin suchte, als die meisten meiner Freunde anfingen ihre ersten Freundinnen zu haben."

Marko mag seine Freundin. Aber ist es wirklich Liebe? Und wo ist die Lust? Sex jedenfalls haben sie beide eher selten und in Zukunft auch immer weniger. Denn Marko ist gerade nach Berlin umgezogen und hat die kleinstädtische Idylle seiner Heimat verlassen. Aber kaum in der Großstadt angekommen stellt er fest: "Ich ertappe mich ständig dabei wie ich Männern hinterherschaue. Ich gehe stark davon aus, dass ich schwul bin." Trotzdem ist sich Marko noch unsicher und will sich vorerst nicht von seiner Freundin trennen.

Fällen wie solchen begegnet auch Jürgen Rausch vom schwul-lesbischen Jugendzentrum Sunrise in Dortmund hin und wieder. Der Hauptgrund für so ein spätes Eingeständnis der Homosexualität sieht er im gesellschaftlichen Klima: "Wenn wir Schuleinsätze haben, dann sagen die Jugendlichen zwar, dass sie mit Schwulsein kein Problem hätten, aber gleichzeitig ihre Eltern oder Mitschüler das nicht akzeptieren würden."

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Immer ein offenes Ohr für die Sorgen und Nöten junger Schwuler: Jürgen Rausch vom Jugendzentrum Sunrise in Dortmund.

Immer ein offenes Ohr für die Sorgen und Nöten junger Schwuler: Jürgen Rausch vom Jugendzentrum Sunrise in Dortmund.

"Hört auf euer Bauchgefühl"

Die Folge kann sein: Schwule Jugendliche unterdrücken ihr eigenes Empfinden so lange bis sie selbst damit im Reinen und halbwegs unabhängig sind. "Die Mehrheit der Jungen kommt erst zwischen 18, 20 oder mehr Jahren heraus", sagt Rausch. Manche haben dann auch die Erfahrung einer ersten Freundin gemacht. Ihnen rät der Sozialpädagoge: "Hört auf euer Bauchgefühl. Es geht nicht ums Denken und schon gar darum, was andere denken."

Dem Ratschlag einen Sozialpädagogen ist auch Daniel gefolgt. Lange hatte er sein Interesse für Männer als eine Phase abgetan. Und Ebenso wie Marko lebte auch er in einer Beziehung mit einer Frau. Für ihn war das der Beweis, dass er nicht schwul sein könne. Das redete er sich zumindest ein. Erst mit 23 Jahren wagte er dann den wichtigsten Schritt seines Lebens:  "Trennung, Outing und dbna das waren die ersten Dinge, die ich damals getan habe und ich bereue bis heute keinen", schreibt er im dbna-Forum.

Ein Coming-out ist wie Bergsteigen
Das späte Outing hat Daniel selbstbewusst und offener gemacht. Er empfiehlt deshalb anderen jungen Männern wie in seiner Situation, sich zu trauen: "Der Weg über den "Achttausender", der vielleicht auf dem Weg ins Schwule Leben steht, mag steinig erscheinen   aber die Aussicht von oben ist wunderbar."

Einen solchen Ratschlag hätte sich auch Uwe gewünscht.  Er ist 53 Jahre alt, hat eine erwachsene Tochter und ist schwul. Aber das war ihm nicht immer bewusst. Zunächst war er mit einer Frau verheiratet nicht aus gesellschaftlichem Zwang, sondern "weil wir das so wollten." Ein Jahr nach der Hochzeit kam die gemeinsame Tochter zur Welt, sie waren eine glückliche Kleinfamilie.

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"In der Beziehung mit meiner Ex-Frau ging es mir immer schlechter. Ich entwickelte eine starke Migräne, die sich immer dann einstellte, wenn sie mal wieder sex wollte", sagt Uwe. Er war verheiratet und hat eine erwachsene Tochter.

"In der Beziehung mit meiner Ex-Frau ging es mir immer schlechter. Ich entwickelte eine starke Migräne, die sich immer dann einstellte, wenn sie mal wieder sex wollte", sagt Uwe. Er war verheiratet und hat eine erwachsene Tochter.

Keine Lust mehr auf Sex mit der eigenen Frau
Irgendwann aber merkte Uwe, dass "mit mir was anders ist und mir die Sexualität mit der Mutter meiner Tochter immer weniger Spaß machte." Er horchte auf seine Gefühle, sein Begehren und stellte dann fest, dass er schwul ist. Das war sein inneres Coming-out. Danach sagte er es seiner Frau, trennte sich vier Jahre später von ihr und weihte auch den Rest der Familie ein. Das alles bewältige Uwe fast allein. Nur seine Patentante unterstützte ihn. Eine Selbsthilfegruppe kannte er damals nicht.

Für Männer, die sich erst ab einem gewissen Alter ihrer Homosexualität bewusst werden, gibt es in der Tat kaum professionelle Beratungsangebote. "Da gibt es einen Bedarf, der nicht gedeckt ist", sagt Jürgen Rausch. Wer nicht mehr ins Jugendzentrum passt, der hat vielleicht beim Schwulenreferat an der Uni Glück, in größeren Städten findet sich vielleicht noch ein Schwulenzentrum. Dennoch ist das nicht ausreichend, sodass auch Jürgen Rausch nicht oft, aber immer wieder mal auch Endzwanziger und Dreißigjährige berät. "Ich würde niemanden abweisen", sagte er. 

Manche Männer haben sich mit dem Doppelleben arrangiert
Zunächst muss man jedoch den Schritt wagen, auch für die Botschaften eines Coming-out-Beraters zugänglich zu sein. Denn nicht jeder Mann in einer heterosexuellen Beziehung bringt die Kraft wie Uwe auf. "Ab einem gewissen Alter haben sich manche Männer mit ihrem Doppelleben arrangiert", sagt Rausch. Im Klartext heißt das: Das schwule Verlangen wird neben der Ehe ausgelebt. Wer diese Situation beendenentrinnen will, findet auch Hilfe bei den "Schwulen Vätern", einem Netzwerk aus Selbsthilfegruppen in ganz Deutschland.

Auch Uwe ist nach seinem Coming-out auf eine solche Gruppe gestoßen. Dort habe er gelernt, dass wahrscheinlich die größte Zahl schwuler Männer hinter einer Heterofassade lebt. "Das ist eine Motivation auch bundesweit in Selbsthilfegruppen aktiv mitzuwirken." Und das ist nötig. Denn solange nicht jeder so leben kann, wie er möchte, wird es noch viel Arbeit auf dem Weg zur Akzeptanz von Schwulen geben. Denn nur eine offene Gesellschaft ist eine Gesellschaft, in der jeder so sein kann, wie er möchte und nicht erst über den Umweg einer Heterobeziehung.
*Name geändert.

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Weitere Quellen: privat, queerblick e.V.