Coming-Out am Arbeitsplatz

Redaktion Von Redaktion

Das Arbeitsleben beginnt: neues Umfeld, neue Kollegen. Jetzt fängt das Prozedere von vorne an. Outing ja oder nein? Ist es denn überhaupt sinnvoll, mich bei meinen Kollegen zu outen? Und wie bekomm ich das am besten hin?

Wer kennt das nicht: Du kommst Montag Morgen nach einem tollen Wochenende wieder ins Büro, ins Werk, ins Labor, auf deine Station, in die Uni oder wo wo du auch immer arbeiten magst und alle Kollegen unterhalten sich angeregt über das Wochenende: Wo sie mit ihren Freundinnen oder der Frau waren und was die Kinder mal wieder angestellt haben. Du würdest jetzt so gerne mitreden - erzählen, wie du mit deinem Freund oder deinen schwulen Freunden am Samstag in der Disco getanzt hast. Erzählen, wie gemütlich der Brunch am Sonntag Vormittag war. Du möchtest deine Kollegen auch ein bisschen an deinem Leben teilhaben lassen - so wie sie es gerade untereinander tun. Es klingt alles so selbstverständlich, was sie erzählen. Aber du traust dich nicht mitzumachen, denn du bist ungeoutet. Dieser Zustand stört dich? Dann tu was dagegen!

Warum soll ich mich denn outen?

Diese Frage wirst du dir wahrscheinlich schon bei deinen Eltern oder deinen Freunden öfter gestellt haben. Und wie hast du sie dir damals selbst beantwortet? Wahrscheinlich damit, dass dadurch hoffentlich endlich dieser innere Druck nachlässt. Dass du offener mit deiner Sexualität umgehen kannst. Dass die Leute endlich wissen, wie es in dir aussieht. Dass du auch ohne einen CSD und ohne den Schutz einer Schwulendisco oder eines schwulen Cafes für deine Rechte und Interessen als Homosexueller einstehen kannst. Du als Individuum. Weil du einfach nicht mehr der versteckte Schwule sein willst. Alles Gründe, die wohl jeder hier sehr gut verstehen kann.

Nur bleibt dann immer noch die Ungewissheit, wie es deine Kollegen aufnehmen werden. Haben sie Verständnis dafür? Werden sie weiterhin ganz normal mit dir umgehen? Jeder, der ein Outing plant, wird sich schon einmal diese Fragen gestellt haben. Aber eine Universalantwort darauf gibt es nicht. Ebenso wenig wie es ein Patentrezept dafür gibt, wie du es deinen Kollegen am besten beibringst. Als ersten Schritt kannst du aber versuchen herauszufinden, wie die Leute in deiner Firma oder in deiner Abteilung über Homosexualität denken.

Wie soll ich das denn anstellen?

Bau doch zum Beispiel bei einer Montag Morgen Unterhaltung so einen Satz ein: "Ich war am Samstag mit ein paar Freunden unterwegs. Lustig an dem Abend war, dass wir in einer Schwulendisco gelandet sind. Total nette Leute, sag ich euch!" Und schon wirst du sehen, was daraufhin zurück kommt. Außerdem ist kein Wort in diesem Satz gelogen. Nur die Tatsachen sind vielleicht etwas verdreht.

Falls auch ein paar negative Äußerungen kommen, lass dich davon nicht entmutigen. Es gibt immer ein paar Leute, die schneller sprechen als sie denken, es im Grunde aber gar nicht so meinen. Und wenn auf deine Aussage vermehrt positive Äußerungen kommen, wäre das doch eine gute Gelegenheit, ein Outing anzuknüpfen. Natürlich nur, wenn du dir das vor einer größeren Gruppe zutraust.

Natürlich kannst du die ganze Sache auch locker angehen. Es gibt bestimmt einen direkten Kollegen oder eine Kollegin, mit welchem oder welcher du dich sehr gut verstehst. Fang doch bei ihm/ihr an. So kannst du dich langsam in die richtige Richtung vorantasten. Aber lass den Leuten auch etwas Zeit zum Nachdenken. Fordere nicht gleich eine Reaktion auf dein Outing. Denn für deine Kollegen ist es wahrscheinlich etwas völlig Neues und wahrscheinlich müssen sie sich erst einmal an den Gedanken gewöhnen, fortan mit einem Schwulen zusammenzuarbeiten. Und du kannst wohl davon ausgehen, dass sie gerade auch das erste Mal in ihren Leben direkt mit dem Thema konfrontiert wurden.

Und was mache ich nach den ersten Outings?

Wenn du ein paar Leute eingeweiht hast, wirst du sicher auch reicher an Erfahrung sein und abschätzen können, wie die anderen Kollegen reagieren. Überleg dir, bei wem du dich noch persönlich outen willst und bei wem es dir relativ egal ist, dass er/sie es über den Flurfunk mitbekommt. Überleg dir auch, ob du es deinem Chef persönlich sagst oder ob auch dieser es per Tratsch erfahren soll. Die ganze Firma muss es ja schließlich auch nicht wissen. Hier gilt die Faustregel: Ob Kollege oder Chef - mit wem du persönlich nichts zu tun hast beziehungsweise nichts Privates beredest, der braucht auch nicht zu wissen, wie du fühlst.
Und wenn du die Outings bei den Kollegen nicht immer nach der Brechstangenmethode "Ach, übrigens, ich bin schwul!" machen möchtest, erzähl doch einfach mal, wie lustig es gestern mit deinem Freund im Kino war. Deine Kollegen werden schon nachfragen, wie du das jetzt gemeint hast. 

Reaktionen

Natürlich hat jeder von uns, der sich schon einmal geoutet hat, unterschiedliche Reaktionen bekommen - ob nun positive oder negative. Du solltest dir auf jeden Fall im Klaren darüber sein, dass beides vorkommen kann. Falls einige Leute auf dein Outing nicht allzu gut reagieren, versuch die Probleme sachlich in einem Gespräch zu klären. Rückendeckung kannst du von Leuten bekommen, die schon bescheid wissen und dir zur Seite stehen, wenn es darum geht, Vorurteile und schlechte Outing-Reaktionen zu beseitigen. Und wenn gar nichts mehr weiterhilft, dann wende dich an eine Beratungsstelle oder besuch unsere dbna-Beratungsseite, die unter diesem Artikel verlinkt ist. Viele Firmen und Instituationen haben auch einen Vertrauensmann, Betriebsrat, Personalrat oder sogar eine betriebliche Sozialberatung. Dort kann dir auch geholfen werden.

Fazit

Es ist nicht immer einfach abzuwägen, was denn nun richtig oder falsch ist. Du musst dir auch im Klaren darüber sein, dass du mit deinen Kollegen vielleicht noch viele Jahre zusammenarbeitest. Mach dir Gedanken darüber, wie das aussehen könnte - entweder als Ungeouteter, weil es dir nichts ausmacht bei privaten Gesprächen nur zuzuhören oder du Berufliches und Privates prinzipiell trennst, oder als Geouteter, weil du auch beruflich dein Leben nach deinen Bedürfnissen ausrichten möchtest und diese selbstverständliche Akzeptanz einforderst. Beide Wege haben ihre Vor- und Nachteile. Bedenk aber immer, dass du nichts verbrochen hast. Du hast das Recht darauf, dass deine Belange in der Gesellschaft Beachtung finden

Egal, ob dein Outing am Arbeitsplatz gut oder schlecht verlaufen wird: Halt immer am Glauben an dich selbst fest. Du wirst es schaffen, wenn du es willst. Und dann wirst auch du das bekommen, wovon wohl jeder Schwule träumt: Ein offenes Leben in der Gesellschaft. Aber jeder von uns sollte dafür auch seinen Beitrag leisten. Zeig der Welt, wer du bist! Zeig der Welt, wie und vor allem was du bist! Schwul - und trotzdem ganz normal.

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Weitere Quellen: Bilder: photocase.com