Das Frischfleisch-Problem

Redaktion Von Redaktion

Wie so viele schwuLesBische Jugendgruppen hat auch die Würzburger Jugendgruppe DéjàWü mit dem Vorurteil der "Frischfleischtheke" zu kämpfen. Dennoch existiert sie nun seit fünf Jahren.

Die Gläser klirren, Gelächter erschallt aus der Küche, in der noch fleißig Schnittchen geschmiert werden. Langsam tröpfeln die üblichen Verdächtigen herein, sogar neue Gesichter sind dabei. Heute auf dem Programm: Bilderrätsel, Karaoke und ein Rückblick; denn in diesen Tagen feiert die Würzburger Jugendgruppe DéjàWü ihren fünften Geburtstag und ist damit eine der ältesten durchgängig bestehenden Jugendgruppen für junge Homosexuelle in Bayern.

Marc (22), einer der drei  Jugendgruppenleiter, erklärt, dass man den jungen Schwulen mehr als eine dauerhafte Anlaufstelle und Betreuung böte, sondern auch Geborgenheit und Nähe. Freundschaften seien dabei kein Muss, das sei auch zuviel erwartet. Es sei aber doch immer wieder schön, wenn sich solche ergeben würden.

Ein Blick zurück in die Vergangenheit zeigt, daß DéjàWü nicht die erste Jugendgruppe in Würzburg war, was auch durch den Namen verdeutlicht werden soll. So kann schwule Jugendarbeit auch in dieser sehr katholischen Gegend auf ältere Wurzeln blicken. Der Vorgänger Gaywürz zerbrach aber an internen Differenzen. Kurz darauf war die Geburtsstunde DéjàWüs. Wie schon die erste Gruppe zuvor kooperiert man bis heute eng mit dem Würzburger Schwulenzentrums WuF (Werdet unsere Freunde), erhält sich aber die Selbständigkeit. So nutzt man zum Beispiel deren Räumlichkeiten.

Michi (19) ist das erste Mal hier. Er ist gerade für sein Studium nach Würzburg gezogen und von einem Bekannten zur Feier mitgenommen worden. "Es ist hier sehr schön. Ich werde sicherlich wiederkommen. Nicht, weil ich bisher keinen Anschluss in der Stadt gefunden habe, sondern weil mir die Leute einfach sympathisch sind", stellt er fest. Sympathie steht bei allen im Vordergrund. "Würde das nicht passen, dann wäre keiner von uns hier", bemerkt Marc.

Inzwischen ist DéjàWü gut aufgestellt. Nicht nur eine fähige und motivierte Mannschaft steht der Jugendgruppe vor, sondern man ist auch gut ins WuF, in den Stadtjugendring und in lambda::bayern integriert. Aufgrund der in den letzten Jahren wieder steigenden Ressentiments gegenüber Schwulen legen auch die Würzburger mehr Gewicht auf Öffentlichkeitsarbeit: Man veranstaltet ein jährliches Benefiz-Konzert, nimmt an der Erstsemester-Messe der Universität wie auch am CSD mit eigenem Stand teil, besucht spezielle Lambda-Schulungen und betreibt Aufklärung an den Schulen der Umgebung. Es sei aber noch mehr möglich, betont Marc. Man wolle genereller Ansprechpartner für die Schulen sein und Vorurteile abbauen. Das ist auch notwendig, weil der bayerische Lehrplan nicht zwingend Aufklärung über Homosexualität vorsieht, der Lehrer kann das Thema also umgehen, wenn er will. Eine Präsenz der Jugendgruppe an der Schule würde auch den ungeouteten jungen Schwulen und Lesben das Leben leichter machen. Marc, der Realschullehrer werden will, weiß, dass die Vorurteile vor allem in den Altersgruppe von 12 bis 14 und von 16 bis 18 Jahren stark bis sehr stark zugenommen haben. Deswegen sieht er dringenden Handlungsbedarf.

Marc macht dies aber nicht an der katholischen und sehr ländlichen Umgebung Würzburgs fest. "Probleme sind vorhanden", sagt er, "aber Würzburg hat eine relativ große Schwulencommunity, die eine gewisse Akzeptanz durchsetzen konnte." Zwischenfälle gibt es hin und wieder mit den Schülern des Berufsbildungswerks, das direkt neben dem WuF liegt. "Da fällt schon mal das eine oder andere Schimpfwort, aber zu Handgreiflichkeiten kam es bisher nicht", berichtet der Leiter.

Allerdings hat die Jugendgruppe nicht nur mit externen Vorurteilen zu kämpfen, sondern auch mit Klischees in der eigenen Zielgruppe. Wie viele Jugendgruppen für Homosexuelle wird DéjàWü von den ganz jungen Schwulen skeptisch als "Frischfleischtheke" betitelt ein Vorwurf, gegen den sich Marc wehrt: "Vor allem wir Jugendgruppenleiter grenzen uns hiervon ganz klar ab. Die Jugendgruppe ist in erster Linie keine Dating-Börse." Beziehungen der Leiter zu Teilnehmern über eine Freundschaft hinaus seien nicht nur für das Außenbild schädlich. "Das Ganze hat auch eine rechtliche Problematik, da jedes Mitglied der Jugendgruppe, egal in welchem Alter, ein Schutzbefohlener ist. Daher kann und darf zwischen den Leitern und den Mitgliedern nichts laufen", unterstreicht Marc.

Toni (21) ist schon seit 2 Jahren regelmäßig dabei. "Es ist einfach eine Abwechslung zur dauernden Partystimmung bei den 'normalen' Szeneveranstaltungen. Und hier steht eben nicht im Vordergrund, wer wen abschleppt." Er genießt die lockere Atmosphäre, die Zeit für den persönlichen Austausch und die doch etwas andere Freizeitgestaltung, seien das jetzt Spiele- oder Kochabende, ein Ausflug ins Hallenbad, in einen Freizeitpark oder ein Info-Abend über HIV. "Ich kann hier sein, wie ich bin, und kann ungezwungen Spaß haben", sagt Toni. Die ausgelassene Stimmung des Abends beweist das. Zusammen feiert man durch die Nacht, um dann mit einem gemeinsamen Brunch die Feier abzurunden.

Man blickt auf die vergangenen fünf Jahre zurück und wirft einen Blick auf die nächsten fünf. Die Gruppenleiter sind positiv gestimmt. Natürlich sei der Zeitaufwand groß, bedingt durch die Öffentlichkeitsarbeit, die Jugendgruppentreffen, die Seminare und die Präsenz in den Gremien, aber es sei zu dritt gut machbar. "Wie jedes Ehrenamt ist es natürlich stressig, aber es ist ein Aufwand, den wir gerne betreiben. Immerhin helfen wir anderen, so wie uns auch geholfen wurde", beschreibt Marc seine Haltung. Er ist sicher, dass die Jugendgruppe weiter fortbestehen wird. "Nirgends kann man leichter Kontakte knüpfen und sich bei Problemen an die Gruppenleiter wenden, die sich mit diesen aus eigener Erfahrung auskennen." Und so stößt man auf der Party ausgelassen auf die nächsten fünf Jahre an.

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Weitere Quellen: deja-wue.de