Dein Coming-Out

Redaktion Von Redaktion

Irgendwie will niemand so wirklich, aber dann machens doch so viele: das Outing. Sicherlich hast du auch schon darüber nachgedacht. Ist ein Coming-Out überhaupt sinnvoll? Und wie kriegst du diese drei Worte nur über die Lippen?


Warum muss ich mich überhaupt outen?

Sicherlich eine berechtigte Frage. Kam schon mal jemand total aufgelöst auf dich zu und hat dir unter Tränen gestanden, dass er sich nun endlich als Hetero outen möchte? Nein? Nun, in Anbetracht dieser Tatsache ist es wichtig zu fragen, warum unsereins überhaupt unter den Druck stehen soll, seine Sexualität offen verkünden zu müssen. Dieser Gedankengang hat natürlich seine Berechtigung und ist moralisch gesehen auch absolut legitim. Wir sind niemandem Rechenschaft schuldig! Das gilt doch auch für Heterosexuelle, warum also nicht auch für uns?

Die Antwort ist nicht so einfach. Historisch betrachtet scheint es in der Natur des Menschen zu liegen, dass Andersartige und Minderheiten ausgegrenzt, übergangen und aus dem öffentlichen Bewusstsein auch gern verdrängt werden. Und so traurig es auch sein mag: Wir sind eine Minderheit. Mehr noch: eine Randgruppe. Und um noch einen draufzusetzen: eine versteckte Randgruppe. Denn trotz aller Klischees und Vorurteile sieht man uns unsere Neigung nun mal nicht an. Diese Tatsache verstärkt den Drang der homogenen, heterosexuellen Gesellschaft uns zu missachten, Vorurteile unterschwellig beizubehalten und unsere Interessen und Begehren über Generationen hinweg zu ignorieren nur noch weiter, denn in großen Teilen unserer schönen Republik tauchen Homosexuelle nun mal nicht im Alltagsleben auf. Wir hüpfen vielleicht ein paar mal im Jahr verkleidet, geschminkt und gut gelaunt - wie Homos ja nunmal immer sind - bei Straßenfesten durch's Bild einer Fernsehkamera und denken, der typische Heterosexuelle würde das in irgendeiner Art und Weise mehr honorieren, als dass er nicht seine Vorurteile bestätigt sehen würde, um dann gelangweilt wegzuschalten.

Wie änderst du diese Situation? Die Antwort liegt auf der Hand. Wenn du im Leben mehr willst als das Minimum, welches dir von der heterosexuellen Gesellschaft zugestanden wird, dann musst du für deine Rechte und Interessen als Individuum einstehen. Du musst mehr sein wollen als der versteckte Homosexuelle, der sich nicht outet, um ein integriertes Mitglied der Gesellschaft zu bleiben, welches keine Spannungen zu erzeugen hat. Du musst aufstehen. Du musst zeigen, dass Homosexuelle nicht nur am CSD existieren. Du bist ein realer schwuler Mensch und du hast Bedürfnisse - wie jeder andere Mensch auch. Du hast das Recht, dass diese Bedürfnisse Beachtung finden. Dies ist ein hinreichender Grund für ein Coming-Out.

Und wie genau soll ich das jetzt anstellen?

Das hängt ganz von deiner individuellen Lage ab. Ist dein Umfeld aufgeschlossen und liberal? Dann kannst du auch mal die Brechstange anwenden. Ist dein Umfeld eher konservativ und christlich geprägt? Dann solltest du um einiges behutsamer vorgehen. Aber egal wie du es machst: Sei dir immer bewusst, dass du kein Schwerverbrecher bist und im Wesentlichen nur eine Selbstverständlichkeit einforderst. Dennoch ist eine innerliche und emotionale Vorbereitung auf den entscheidenden Moment sicherlich nicht verkehrt.

Hier ein paar Tipps:

1. Das innere Coming-Out: Bevor du deine Mitmenschen mit der Tatsache deines Schwulseins konfrontierst, solltest du sicher gehen, dass du auch vor dir selbst geoutest bist. Vor dir selbst geoutet? Genau! Bist du dir deiner Gefühle wirklich bewusst? Akzeptierst du dich selbst genau so wie du bist? Weißt du wirklich was du willst? Bis du dir aller Konsequenzen deines Handelns bewusst? Erst wenn du mit dir selbst im Reinen bist, kannst du auch von anderen Leuten verlangen, dass sie dich so hinnehmen wie du es eben bist. Denk bitte daran, dass du auch bitter enttäuscht werden kannst und auf Feindseligkeit stoßen könntest. Und: Du selbst hast wahrscheinlich Jahre dafür gebraucht, dein Schwulsein zu akzeptieren. Erwarte also nicht, dass andere Menschen nach einer Schocksekunde unbedingt schon wieder lächeln müssen. Im Falle des Falles ist es klug, sich schon jetzt zu überlegen, wie du darauf reagieren willst. Wenn du denkst, du bist so weit, dann gehts weiter.

2. Sich schlau machen: Wenn du noch keine richtige Vorstellung davon hast, wie genau du dein Vorhaben in die Tat umsetzen willst, dann greife doch auf die Erfahrungen anderer Jungs zurück. Frag ein paar Chatterfreunde, die geoutet sind, wie es bei ihnen so gelaufen ist oder lies dir ein paar Coming-Out-Berichte (über 100 Stück davon findest du alleine auf dbna) durch. Dort erhältst du einen Überblick, wie so etwas ablaufen kann. So kannst du dir eine grobe Struktur zurecht legen, wie du am besten vorgehen könntest. Das dient mehr dazu, dass du dir eine symbolische Sicherheit gibst, als dass du dich wirklich daran festhalten musst. Solche Situationen lassen sich nur sehr schwer planen. Am besten ist es, wenn du flexibel und spontan agieren kannst.

3. Auf den Busch klopfen: Du solltest erstmal in Ruhe die Runde machen und bei deinen Bekannten und Verwanden die Lage sondieren. Wie ist ihre grundsätzliche Einstellung zu dem Thema ? So kannst du sie eventuell auch langsam damit vertraut machen und es wird dadurch vielleicht ein nicht ganz so großer Schock für sie werden - es sei denn natürlich, dass du genau diesen Schock erzeugen willst.  Du solltest auf jeden Fall beachten, dass du diesen Schritt nicht allzu offensichtlich angehst. Auch wenn es oft so scheint: Ganz so verbohrt und vernagelt, wie man leicht glauben mag, sind die meisten Menschen gar nicht. Deinen Ergebnissen entsprechend legst du nun endgültig fest, wann, wo und wie du vorgehen möchtest. Es eignet sich in aller Regel am ehesten ein ruhiger, privater Ort - sicherlich wird es einige Fragen geben, deshalb solltest du auch genügend Zeit einplanen. Übrigens ist für den Fall der Fälle ein "Fluchtweg" - also eine Möglichkeit dich schnell zurückzuziehen, wenn es dir zu viel wird oder nicht alles so läuft, wie du es dir gedacht hast - nicht unbedingt die schlechteste Idee. 

4. Das Finale: Jetzt gehts los. Und zwar bei der nächstpassenden Gelegenheit - egal wie bald die schon sein mag! Denn wenn du es dann nicht tust, dann tust du es nie oder quälst dich nur unnötig ein paar weitere Jahre mit der Last auf den Schultern.

Egal ob es gut oder schlecht laufen wird: Der Wille versetzt Berge. Du wirst es schaffen, wenn du nur daran festhältst, was du eigentlich willst: Ein freies Leben - ohne Zwänge und Diskriminierung. Steh auf und steh dafür ein! Du bist schwul! Du bist Deutschland/ Österreich/die Schweiz! ;-)

dbna.newsletter
Bleibe immer up-to-date.
Abonniere unseren wöchentlichen Newsletter!
Weitere Quellen: Bilder: Photocase.de, dbna e.V.