Die Sache mit dem richtigen Zeitpunkt

Patrick Fina Von Patrick Fina

Viele schwule Jugendliche warten mit ihrem Coming-out auf den "richtigen" Zeitpunkt. Bis sie merken, dass es den gar nicht gibt. Stattdessen gibt es viele falsche Zeitpunkte, über die man beim Coming-out stolpern kann.

Wer für sich selbst herausgefunden hat, dass er schwul oder sie lesbisch ist, trägt erst einmal ein großes Geheimnis mit sich. Der Gedanke ist noch neu und die Gefühle zu ungewohnt, um sie direkt in die Öffentlichkeit zu posaunen. Das ist auch gar nicht nötig. Wichtig ist, dass du dich wohl fühlst und das darf ruhig eine Weile dauern. Aber irgendwann kommt ein Punkt, an dem du dich mitteilen möchtest. Schließlich verheimlichst du deinen Freunden und deinen Eltern einen wichtigen Aspekt deines Lebens.

Auch wenn der innere Druck groß ist, jemanden in dein Geheimnis einzuweihen, bleibt die Angst vor den Reaktionen. Wie werden deine Freunde reagieren, wenn du ihnen sagst, dass du schwul bist? Werden sie weiterhin deine Freunde bleiben? Was werden deine Eltern sagen? Werden sie sich Vorwürfe machen oder dich für deine Sexualität bestrafen?

Diese Angst lässt dich erst einmal zögern. Du wartest auf den "richtigen Zeitpunkt", um es deinen Freunden zu sagen. Aber welcher Zeitpunkt ist schon richtig und welcher Moment passend für solch ein Gespräch? Es gibt im Grunde keinen richtigen Zeitpunkt, es gibt nur eine Faustregel: Erzähle es deinen Freunden oder Eltern erst dann, wenn du dich mit dem Gedanken an deine Sexualität wohlfühlst und wenn du viele Fragen, die dir andere stellen werden, beantworten kannst.

Das Warten auf den richtigen Zeitpunkt lässt viele junge Schwule verzweifeln. Frank war 14 Jahre alt, als er wusste, dass er schwul ist. Geoutet hat er sich, als er 16 Jahre alt war. "Eigentlich hätte ich mich schon mit 15 locker outen können", sagt er heute. Aber Frank hat gewartet, auf den passenden Moment. "Dabei habe ich übersehen, dass es schon so viele passende Momente gegeben hatte. Aber ich dachte immer, dass es einen noch passenderen Moment geben muss", sagt Frank. Irgendwann platzte es dann aus ihm heraus, der Druck war einfach zu groß geworden.

Falsche Zeitpunkte vermeiden

Anstatt auf den "richtigen Zeitpunkt" zu warten, solltest du lieber darauf achten, falsche Zeitpunkte zu vermeiden. Denn die gibt es zahlreich. Ein Coming-out-Gespräch ist ein sehr wichtiges und ernsthaftes Gespräch, deshalb solltest du dir dementsprechend Zeit nehmen. Wenn du dein Coming-out zwischen Tür und Angel hast, dann kann das nur für Unmut sorgen. Schließlich geht es ja nicht nur darum, dass du Freunden oder deinen Eltern sagst, dass du schwul bist. Du wirst auch ihre Fragen beantworten und ihnen versichern müssen, dass du dir deiner Sache sicher bist.

Deshalb solltest du dein Coming-out auch nicht per Telefon oder Chat regeln. Besser ist ein persönliches Gespräch, bei dem du deinem Gegenüber in die Augen schauen kannst. So kannst du seine oder ihre Reaktionen besser einschätzen und gegebenenfalls darauf reagieren. Wenn du genau weißt, dass dir dein Gegenüber verbal überlegen ist und dich im Zweifelsfall in Grund und Boden redet, dann kannst du ausnahmsweise einen Brief schreiben, früher oder später wirst du aber auch dieser Person erneut gegenüber treten.

Auch, wenn es dir viel Arbeit erspart: Ein Coming-out vor einer großen Gruppe ist nicht sinnvoll. Deinen Freunden solltest du besser einzeln von deiner Sexualität erzählen, denn in der Gruppe kann sehr schnell eine Dynamik entstehen, die es dir schwer macht. Es muss nur irgendein blöder Kommentar fallen, dann könnte ein anderer auf den Zug aufspringen und sofort gerät das Gespräch für dich außer Kontrolle.

Wenig ratsam ist auch ein Coming-out, wenn du dich mit deinem Gegenüber bereits in einer Auseinandersetzung befindest. Während eines Streits kann ein so ernsthaftes Gespräch nur nach hinten losgehen. Ebenso solltest du darauf achten, dass es dir selbst nicht schlecht geht, denn dann könnte schnell der Eindruck entstehen, dass du dich mit deiner Sexualität nicht wohlfühlst.

Sei einfach du selbst!

Klar - manchmal lassen sich Coming-out-Gespräche auch in diesen ungünstigen Situationen nicht vermeiden. Beispielsweise dann, wenn es einer deiner Freunde schon dem Rest der Clique verraten hat und sie dich dann als Gruppe fragen, ob du schwul bist. In einem solchen Fall brauchst du taktisches Geschick und vor allem Fingerspitzengefühl. Egal, was dann passiert: Sei du selbst und fühle dich nicht schuldig, schlecht oder minderwertig. Solltest du mit der Situation nicht fertig werden, dann verlasse den Raum und suche das Gespräch später erneut. Rückzug ist kein Zeichen der Schwäche, vor allem nicht bei so ernsthaften Gesprächen.

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Weitere Quellen: istockphoto.com