Nicht nur privat "offen" leben

Redaktion Von Redaktion
Nicht nur privat "offen" leben
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Das Coming-out am Arbeitsplatz ist mitunter genauso schwer wie im privaten Bereich. Der eine hat Bedenken, ein anderer sieht es eher lässig. Kann es vielleicht sogar mitunter zu Benachteiligungen nach einem Coming-out im Job kommen?

16 Jahre war Matthias alt, als er seinen ersten Freund hatte. Er ging auf die Realschule und mit seinem kompletten Coming-out hätte er sich gerne noch etwas Zeit gelassen. Doch ein langes Versteckspiel war nicht möglich. Eines Tages, als ihn sein Freund von der Schule abholte, wurde er beobachtet. Und wie ein Buschfeuer verbreiteten sich die Gerüchte.

Dabei blieb es aber nicht, drei Klassenkameraden versuchten ihn zu mobben. Doch Mathias hatte vorgesorgt und vorher zwei Mitschüler eingeweiht, die für eine starke Rückendeckung sorgten. "Die Mobbingversuche wurden durch meine Freunde, die ich schon vorher eingeweiht hatte, abgemildert und das Gros der Klasse stellte sich eher hinter mich. So war den Mobbern die Luft genommen", erzählt der heute 25jährigen Mathias von dieser schweren Zeit.

Soziale Interaktion im Betrieb zwangsläufig

Die Schulzeit jedoch ist nur ein vermeintlich kurzer Zeitabschnitt. Wer in dieser Lebensphase mit sich selbst noch nicht soweit ist, der kann sein Innerstes noch gut verschließen. Doch neun, zehn oder auch dreizehn Jahre Schulzeit sind im Gegensatz zu gut fünfzig Jahren Berufstätigkeit überschaubar, vor allem wenn die Auseinandersetzung mit der sexuellen Orientierung ohnehin erst nach der ersten Hälfte der Schulbildung einsetzt.

Nach dem ersten Schulabschluss führt für viele der weitere Weg hinein in einen Ausbildungsbetrieb. Das Lebensumfeld wandelt sich, quasi von heute auf morgen sieht man sich mit neuen Menschen, neuen Aufgaben, neuen Herausforderungen konfrontiert. Klassenkameraden gibt es lediglich in der Berufsschule und im Betrieb arbeitet der Auszubildende mit Kollegen unterschiedlichen Alters und Geschlechts zusammen. Soziale Interaktion erfolgt fast zwangsläufig durch Teamarbeit, gemeinsamen Fortbildungen oder geselligen Veranstaltungen im Betriebsrahmen oder am Ende des Arebitstages. Ein ständiges Ausweichen über Fragen nach dem Privatleben ist daher unmöglich.

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Drei Beispiele: Keine Generalisierung möglich

Wer mit offenen Karten spielen will, braucht dafür noch häufig eine ordentliche Portion Mut. Diese Erfahrung hat Mathias nach seiner Realschulzeit gemacht. Für ihn sei eine neue soziale Umgebung anfangs ein Hindernis, sich erneut zu outen. Habe man dagegen schon Unterstützung, so sei das weniger dramatisch. Dies hatte sich auch während seiner Realschulzeit durch die Rückendeckung der meisten Mitschüler gezeigt. "In einem festen Bezugsrahmen, wo man schon Leute hat, die einem den Rücken stärken ist das nicht so schlimm", so der 25jährige Student.

Dabei kommt es aber nicht nur auf die Unterstützung durch Kollegen, die man besser kennt, an. Auch die Sozialstruktur des Arbeitsumfelds spielt eine Rolle. So arbeitet der 21- jährige Patrick als Angestellter in einem Betrieb und ist sich unsicher, wie die Reaktion wohl aussehen könnte. Bezieht er sich jedoch auf seine jetzige Stelle, dann stünden die Chancen auf eine positive Reaktion relativ gut. "Das liegt wohl an den eher noch jungen Arbeitskollegen und modernen Berufsgruppe. Allerdings gibt es auch ein, zwei Kollegen, die auch etwas älter sind, bei deren Reaktion ich mir nicht ganz so sicher wäre." so Patrick.

Letztlich geht jeder Schwule anders mit seiner Sexualität um. Ein Teil hält sich lieber bedeckt, bindet es nicht jedem auf die Nase und achtet genau darauf sich nicht zu verplappern. Ein anderer Teil ist dagegen diesbezüglich sehr viel offener so wie beispielsweise der 28jährige Enrico, der als Verkäufer größtenteils mit Frauen zusammen arbeitet. "Irgendwann habe ich mal erwähnt, dass ich einen Freund habe. Das ist mir ganz von alleine aus dem Mund gerutscht beim Erzählen unter Kollegen", so der Verkäufer. Enrico konnte weder eine positive noch negative Änderung im Arbeitsalltag feststellen.

Persönliche Faktoren können Einfluss nehmen

Mit dem Coming-out in der Berufswelt hat sich Dominic Frohn auseinandergesetzt. Frohn ist Diplom-Psychologe und hat in seiner Studie "Out im Office?!" herausgefunden, dass persönliche Faktoren die Offenheit der Befragten an ihrem Arbeitsplatz beeinflussen können, wobei sich jedoch Frauen und Männer kaum in ihrer Offenheit unterscheiden. Frohn hat dabei 2.230 Personen befragt.

Es ist beispielsweise ein Unterschied im Punkt Lebensstand zu erkennen. Die Studie macht deutlich, dass ledige Personen verschlossener bezüglich ihrer sexuellen Identität sind. Ganz anders verhält sich dies bei den verpartnerten Homosexuellen. "Nur 13% der ledigen Befragten, aber 23% der Personen in einer Partnerschaft und sogar 44% der nach Lebenspartnerschaftsgesetz verpartnerten Befragten sind offen", so Frohn.

"Out im Office?!" zeigt, dass nur knapp ein Viertel (22,5%) der befragten Personen keine Diskriminierung erfahren mussten. Hingegen erlebten 77,5% Diskriminierungen, von denen 10% besonders stark waren. Das zeigt, dass die Angst vor einem Coming-out am Arbeitsplatz nicht unbegründet ist. Unterstrichen wird dies auch dadurch, dass 52% der Befragten kein Coming-out wagen.

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Reaktionen überwiegend positiv

Es muss aber nicht immer zu den befürchteten Diskriminierungen kommen. Im Rahmen der Studie wurden die 1.067 Personen, die offen mit ihrer Homosexualität am Arbeitsplatz umgehen, bezüglich ihrer Akzeptanzerfahrung befragt. Resultat: In 92% Prozent der Fälle reagierten die Arbeitskollegen überwiegend positiv reagierten. Bei den Führungskräften lag das Akzeptanzniveau etwas niedriger.

Laut Dominic Frohn gibt es kein Patentrezept für ein erfolgreiches Coming-out am Arbeitsplatz. Doch es gibt einige grundsätzlich Dinge, die für ein gelingendes Coming-out ausschlaggebend sind. Dazu zählen ein guter Kontakt zu den Kollegen und langsames indirektes Herantasten an die Thematik, um vorzufühlen. Faktoren also, die man beeinflussen und aktiv gestalten kann. Dem eigenen Einflußbereich ist dagegen weitestgehend die Branche entzogen. Hat man sich einmal für einen Berufsweg entschieden, ist ein spontaner Wechsel kaum möglich.

Fakt ist einfach: Im Bereich der Gastronomie, der Medien und der Kultur geht man mit Homosexualität weitaus offener um, als in der (Schwer-)Industrie, Landwirtschaft oder im Bauwesen. Dies hat auch Frohns Studie erwiesen.

Zudem weist der Diplom-Psychologe daraufhin, dass das Coming-out am Arbeitsplatz mit einer Selbstverständlichkeit erfolgen muss und nicht von einem Schamgefühl begleitet werden sollte. Ein selbstbewusster Umgang mit der eigenen Sexualität sei ausschlaggebend für die Reaktion des Gegenübers und damit für den Erfolg des Coming-outs. Falls es unerwartet zu negativen Reaktionen einzelner Kollegen kommen sollte, so empfiehlt frohn, bestünde dann die Möglichkeit mit dem Vorgesetzten zu sprechen oder sich den Rücken durch tolerante Kollegen stärken zu lassen.

"Weiterhin befinden sich in einigen größeren Betrieben auch spezielle Anlauf- und Beschwerdestellen", erläutert Dominic Frohn weiter, "an die sich die Betroffenen im Falle einer Diskriminierung wenden können. Darüber hinaus gibt es auch einige rechtliche Informationen bei den Antidiskriminierungsstellen der Länder oder des Bundes."

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Ein Lösungsschema für jedermann gibt es nicht

Am Ende gibt es aber nur Personen mit ganz individuellen Problemen, die situationsgerechter Gespräche oder auch eine individuelle Beratung bedürfen. Eine allgemeingültige Lösungsschablone gibt es nicht.
 
Dennoch gibt es eine Art "Leitfaden":

  • Beachte die Besonderheiten deiner Branche.
  • Sprich mit deinen Freunden und deiner Familie, besonders, wenn sie deine Kollegen kennen sollten aber auch grundsätzlich.
  • Taste dich, wenn du dir wegen der Reaktionen unsicher bist, indirekt an das Thema heran.
  • Suche Dir Stück für Stück Vertrauensleute, wofür sich bei einem Coming-out Frauen eher eignen als Männer. Je länger und besser ihr euch kennt, desto leichter gestaltet sich der Rest.
  • Sei selbstbewusst und gehe möglichst normal mit Deiner Sexualität um. Je beiläufiger und selbstverständlicher die Lebenssituation dargestellt wird, desto einfacher akzeptieren es Kollegen.

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Weitere Quellen: Gesetze-im-Internet.de, Lambda, Studie "Out im Office?!"/Dominic Frohn