"Routine gibt es nicht"

Redaktion Von Redaktion
"Routine gibt es nicht"
Anyway

Europas erstes Jugendzentrum für junge Lesben, Schwule und Bisexuelle befindet sich in Köln. dbna sprach mit den hauptamtlichen Mitarbeitern Thomas Haas und Tany Ney über schwierige Phasen, die alltägliche (Öffentlichkeits-)Arbeit, aktuelle Themen und Zukunftsprojekte.

Thomas, vor fast genau vier Jahren kam das Jugendzentrum anyway nicht gerade positiv in die Schlagzeilen: Besucher des Zentrums veranstalten eine Protestaktion, um gegen den damaligen Träger "Sozialwerk für Lesben und Schwule e.V." und dessen Personalpolitik zu protestieren. Was hat sich seitdem geändert?
Thomas Haas: Ja, das war keine einfache Zeit gewesen! Gott sei Dank hat sich seit dem vieles geändert. Die wichtigste Veränderung für das Team ist sicher die, dass die Konflikte produktiv beendet wurden und das anyway letztlich in einen eigenen Trägerverein ausgegliedert worden ist. Der eigene "Jugendverein" anyway e.V. kann sich nun auf die Arbeit des anyways mit all seinen Facetten konzentrieren. Dazu gehört z.B. auch, dass  ein Teil des Vorstandes aus Personen unter 27 Jahren bestehen muss. Damit sollen die Belange der Jugendlichen besonders im Mittelpunkt stehen.

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Thomas Haas ist der Leiter des Anyway.

Thomas Haas ist der Leiter des Anyway.

Wie wurde das überhaupt von den Jugendlichen angenommen? Wie seht ihr die Entwicklung des anyways?
Thomas Haas: Die Veränderungen im Trägerbereich des anyway e.V. werden für viele Jugendliche eher sehr abstrakt sein, denn für sie zählt ja vor allem das Ergebnis: Es muss eben laufen und es soll Spaß machen hier zu sein!

Nach meiner Ansicht haben wir zumindest schon mal ein sehr harmonisches Team mit Hauptamtlichen! Im Moment ist es für uns wichtig, dass wir noch mehr Jugendlichen den Weg ins anyway ebnen wollen. Wir legen uns dafür mit einem so vielfältigen Angebot wie möglich ganz schön ins Zeug dafür.

Unser Ziel ist es den jungen Leuten "da draußen" zu vermitteln, dass hier eine lockere und nette Atmosphäre herrscht und  unser Ehrgeiz ist es, für Jugendliche eine Art "zweites Wohnzimmer" zu sein. Unser neueingerichtetes Café ist insbesondere am Freitagabend einen Besuch wert, um mal bei einem Longdrink vorbeizuschauen.

Tanja, wie muss man sich als Ausstehender eure Arbeit als Hauptamtliche eigentlich vorstellen?
Tanja Ney: Tja, das ist eine gute Frage... Man sagt ja immer, sozialpädagogische Arbeit sei dann gut, wenn man sie nicht sieht. Und so ungefähr ist das dann sicherlich bei uns auch. Nicht erst einmal ist es uns passiert, dass Jugendliche uns im anyway Café gefragt haben: "Und, was machst Du eigentlich beruflich?" Das ist häufig schon recht subtile Arbeit.

Wir sind einfach da, das ist zunächst einmal unsere Hauptaufgabe mit Blick auf unsere Besucher. Egal ob man uns sieht oder nicht, wir sind immer ansprechbar und haben ein offenes Ohr für  die Sorgen und Anliegen der Jugendlichen.

Das bedeutet im Grunde: Um 17h geht die Tür des anyway Café auf und man weiß nie so genau was einen erwartet. Wir Hauptamtlichen mischen uns dann unters Volk, trinken auch mal 'nen Kaffee gemeinsam mit Jugendlichen und machen damit schon deshalb oft gute Arbeit, da sich das ein oder andere "Thekengespräch" auch schon mal in ein Beratungsgespräch entwickeln kann.

Darüber hinaus haben wir aber natürlich auch viel Büroarbeit zu erledigen wovon die meisten Jugendlichen gar nichts mitbekommen: von der Beantwortung von E-Mails über  die Planung von Projekten bis hin zum Schreiben von Verwendungsnachweisen. Mit letzteren müssen wir belegen, was wir eigentlich mit dem ganzen Geld tun, das wir von der Stadt Köln für unsere Arbeit bekommen. Darüber hinaus müssen die Webseite und facebook gepflegt, Pressetexte geschrieben, Ehrenamtlerteams koordiniert, Beratungsanfragen beantwortet, Termine auch politische wahrgenommen werden und, und, und... Da kommt so einiges zusammen.

Gibt es bei Eurer Arbeit eigentlich so etwas wie Alltag und Routine?
Tanja Ney: Da sind wir wieder bei der Tür, die um 17h geöffnet wird. Eigentlich ist das die einzige Routine.

Denn: Wir sind ja offen für alle Jugendlichen, die sich durch das anyway angesprochen fühlen und so wissen wir nie, ob es einfach nur ein entspannter Caféabend wird. Da kann man dann nett mit den Jugendlichen quatschen. Oder aber es steht doch möglicherweise ein Jugendlicher vor der Tür, der von zu Hause rausgeworfen wurde, weil er schwul ist.

Alles ist hier in diesem Job möglich. Aber gerade das macht ihn auch so spannend. Also, Routine? Nein, nicht wirklich.

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Tanja Ney, zuständig für Veranstaltungsplanung sowie die Presse- / Öffentlichkeitsarbeit.

Tanja Ney, zuständig für Veranstaltungsplanung sowie die Presse- / Öffentlichkeitsarbeit.

Du bist für die Öffentlichkeitsarbeit des Zentrums zuständig. Welcher Stellenwert kommt dieser insgesamt in Eurem Konzept vor?
Tanja Ney: Öffentlichkeitsarbeit ist natürlich wie in jedem anderen Unternehmen auch sehr wichtig.

Die Zeiten haben sich gewandelt und ein Jugendzentrum ist längst kein Ort mehr, der sich verstecken muss oder sollte. Gerade die neuen Medien ermöglichen es uns, eine breite Masse zu erreichen. Das war nicht immer so, und wir sind dankbar für die vielen Kanäle, auf denen wir mittlerweile funken können und auch ernst genommen werden. Gerade auch, da das anyway ein sehr großes Einzugsgebiet hat, agieren wir nicht immer nur lokal, immerhin hat mancher Besucher eine zweistündige Anreise.

Die ÖA ist aber im Übrigen auch wichtig, um denen, die sich unter einem Jugendzentrum erst einmal etwas vollkommen "Uncooles" vorstellen, zu zeigen: "Hey, das ist ja tatsächlich ein netter Laden, wo man mal auf 'nen Kaffee oder sogar ein Bier am Abend hingehen kann." Auch geht es uns dabei um die Darstellung großer Projekt nach außen, damit man sieht, dass hier wirklich was passiert.

Was waren denn zuletzt die Themen, die Ihr von Seiten des anyways aus in der Öffentlichkeit thematisiert habt?
Tanja Ney: Da gibt es ja immer solche und solche Themen. Also eines wäre natürlich die Trennung vom ehemaligen Träger, dem Sozialwerk für Lesben und Schwule e.V., und somit die Gründung eines neuen Trägervereins (anyway e.V.) mit der gleichzeitigen Wahl eines neuen Vorstands. Dies ist alles zum Ende des letzten Jahres in die Wege geleitet und zum 1.1.2012 offiziell geworden.

Ein ganz anderes, aber sehr großes Thema im vergangenen Jahr war das Theaterprojekt Out Trips, was im Rahmen des Sommerblut Kulturfestivals gespielt wurde und in Köln sehr viel Aufsehen im positiven Sinne erregt hat.

Und wie war die Ressonanz dazu?
Tanja Ney: Nachdem die Trennung vom Trägerverein ja nicht erst seit gestern ein Thema war, war auch die Resonanz unserer Umwelt dazu sehr gut. Alles, was diese Entwicklung mit sich zog, wie neues Logo, neuer Internetauftritt usw., wurde sehr positiv aufgenommen.
Die erfolgreiche Teilnahme an einem so großen und internationalen Kulturfestival  wie Sommerblut war natürlich selbstredend auch ein Highlight. Sowohl für die beiden Theaterpädagogen Charlott Dahmen und Stephan Isermann, als auch für die Schauspieler und Zuschauer. 

Unter anderem betreust Du den Facebook auftritt. Welche Rolle spielen solche Sozialen Netzwerke bei Euch auch als erste Anlaufstelle bzw. erster Kontakt mit Euch?
Tanja Ney: Sagen wir mal so: Wir haben zum jetzigen Zeitpunkt 726 Fans. Das ehrt uns und mich besonders sehr. Das bedeutet aber längst nicht, dass diese 726 Fans sich im realen Leben bei uns im Café tummeln und da hätten wir auch ein mehr als ernsthaftes Platzproblem...

Dennoch: Ich merke, es ist wichtig, dort als anyway präsent zu sein, um über das anyway hinaus Menschen zu erreichen egal ob es Jugendliche sind, die irgendwo in einem kleinen Dorf auf dem Land sitzen oder aber Erwachsene, interessierte Leute, die sich gern über die Entwicklung einer solchen Einrichtung informieren möchten vor allem als erste unauffällige und unverbindliche Möglichkeit zum "Reinschnuppern".

Ich persönlich schätze trotz aller Kritik die sozialen Netzwerke sehr, bin mir aber auch dessen bewusst, dass man diese sehr aufmerksam anwenden muss. Gerade wenn man solch ein Forum in der offenen Jugendarbeit anbietet, hat man eine entsprechende Verantwortung.

Gibt es größere Projekte von Euch, die Ihr im kommenden Jahr angehen wollt?
Tanja Ney: Schon seit längerem würden wir gern die Location wechseln, aus unterschiedlichen Gründen: Zum einen fehlt uns einfach Platz. Auch wenn das anyway den meisten recht groß erscheint, so haben wir doch häufig Abende, an denen uns ein, zwei weitere Gruppenräume fehlen, da sich auch die ganzen ehrenamtlichen Teams bei uns im Haus regelmäßig treffen. Zum anderen ist der Bau in dem wir sind nicht mehr der allerneueste und da muss an einigen Ecken und Enden etwas gemacht werden klar, nach nunmehr vierzehn Jahren.

Naja, und natürlich hätten wir gerne eine Location, wo wir auch eine Party anbieten können.Unsere "weekender" mussten wir wegen des Lautstärkepegels aufgeben. Da aber eine Partyveranstaltung für Jugendlichen sehr wichtig und für uns auch eine nicht unerhebliche Einnahmequelle  ist, wäre uns schon sehr daran gelegen. Ein Außenbereich wäre übrigens auch noch toll. Das aber nur am Rande

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Ein Blick in das Anyway-Jugendzentrum

Ein Blick in das Anyway-Jugendzentrum

Zeit und Ressourcen (vor allem finanzielle, aber auch personelle) sind ja begrenzt. Merkt Ihr schon, dass Ihr an gewisse Grenzen stößt?
Tanja Ney: Natürlich merken wir das. Es ist ja nun leider nicht so, dass uns das Geld einfach so in den Schoß fällt. Wir müssen was viele nicht wissen für das Geld, welches wir von der Stadt für unsere Arbeit bekommen, auch Eigenmittel erwirtschaften, um nicht im nächsten Jahr deutlich gekürzt zu werden. Davon abgesehen, kam es ja in der Vergangenheit auch so zu Kürzungen, die wir im Alltagsgeschäft schon auch deutlich spüren. Da sind wir aber auch leider nicht die einzige Einrichtung

Zeit hängt auch mit Geld zusammen und so stoßen wir auch da an unsere Grenzen, da wir eben nicht vier volle Stellen haben, der Alltag und die anfallende Arbeit aber meist eine ganz andere Sprache sprechen.

Hast Du zum Beispiel nur eine Teilzeitstelle und wirst auf dem Weg in den Feierabend durchs Café noch von einem Jugendlichen mit akutem Beratungsbedarf angesprochen, überlegst Du Dir dreimal, ob Du jetzt wirklich gehst oder eben doch noch eine Stunde dranhängst. Das macht man dann. Natürlich!

Genauso siehts aus bei CSD & Co. Da guckt keiner mehr auf die Uhr, da haben wir alle einen Vollzeitjob. Fazit ist aber: So ein lebendiges Haus mit so vielen Facetten ist fast nicht mit Teilzeitmodellen zu stemmen, wenn man die Jugendlichen zuverlässig erreichen will. Da wären wir im Übrigen auch wieder bei der Routine, die es nicht gibt.

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