Schwule auf dem Land

Patrick Fina Von Patrick Fina

Ganz selbstverständlich schwul leben auf dem Land? Im Dorf, auf dem Bauernhof oder in der Kleinstadt? Dass das geht ist nicht bloß graue Theorie. Viele Schwule beweisen immer wieder aufs Neue, dass man auch dort seine Sexualität genießen kann.

Schwul leben auf dem Land zwischen Kuhwiesen und kleinen Dörfern? Ganz selbstverständlich lieben? Im Dorf, auf dem Bauernhof oder in der Kleinstadt? Dass das geht ist nicht bloß verstaubte Theorie. Viele Schwule beweisen immer wieder aufs Neue, dass man auch auf dem Land seine Sexualität genießen kann. Freunde, ein überschaubares und vor allem vertrautes soziales Umfeld umgeben von viel Natur und meist frischer Luft sind nur wenige Gründe für ein Leben in der Provinz. Außerdem hält die Toleranz auch auf dem Land immer mehr Einzug, sowohl bei der alten als auch bei der jungen Generation. Wer sich für ein Leben in der Provinz entscheidet, fühlt sich dort sehr wohl. Allerdings muss man einige Kompromisse eingehen. Eine Schwulenszene, wie man sie in größeren Städten immer findet, gibt es nicht. Kulturelle Angebote fallen meist eher kläglich aus und mit einer durchgeplanten Infrastruktur können auch nur die wenigsten Kleinstädte und Dörfer dienen. Trotzdem ist das Leben auf dem Land einfach. Einfacher als in der Stadt. Man bekommt seine soziale Rolle auch so - ohne durch grüne oder blaue Haare aufzufallen. Der Zusammenhalt auf dem Land ist größer. Das ist ein Faktor, mit dem die Großstadt nicht bieten kann. Dort herrscht nämlich Anonymität. Vorwiegend.
 
Ein schwules Leben in der Stadt ist sicherlich einfacher. Man hat die Szene. Das muss nicht immer ein Vorteil sein, aber zumindest bietet sich einem die Möglichkeit schnell Kontakte zu knüpfen. Dabei verhilft natürlich auch die Anonymität. Dass das Leben einfacher ist, heißt aber nicht, dass es unbedingt besser sein muss. Szene gibt es in der Provinz in der Regel nicht. Und zu Zeiten, in denen es das Internet noch nicht gab, war es sicherlich auch schwer Kontakte zu knüpfen. Hinzu kommt, dass Religion ist auf dem Land ein viel größeres Thema als in der Stadt ist. Und wie die Kirche zu Homosexualität steht, haben wir alle nur zu gut in Erinnerung. Die älteren Leute sind oftmals konservativer als unsere junge Generation. Aber deshalb können sie sich nicht vor der Realität verstecken. Schwule gibt es nun mal auch auf dem Land. Und zwar nicht zu wenige. Ein Coming-out auf dem Land ist längst kein Problem mehr. Gerade der soziale Zusammenhalt kann dabei sogar behilflich sein. Natürlich kann man nicht erwarten, dass man nach einem Coming-out mit offenen Armen empfangen wird, aber das ist normal. Immer öfter kann man auf die Toleranz heterosexueller Mitmenschen bauen. Und auch im Fernseher laufen fast täglich irgendwelche Schwule in Talkshows umher oder Serien mit schwulen Rollen laufen.
 
Bernd hat in einer Broschüre der Aids-Hilfe folgendes gesagt: "Ein Nachbar hat mir erzähl, ein, zwei Monate sei es Thema in der Bauernschaft gewesen, dass ich schwul bin. Aber dann haben sie auch konkret Hilfe angeboten: Wenn welche kämen und mir was wollten, wüsste ich ja, bei wem ich mich melden könnte. Denen werde man es dann schon zeigen. Einmal wurde ich sogar gefragt, wann ich denn endlich einen "richtigen" Freund nach Hause brächte." Trotzdem ist die Angst da, dass die Homosexualität ungewollt auffliegt. Man hat Angst ins soziale Abseits zu geraten. Vielleicht bekommt man keinen Job mehr, wenn das ganze Dorf weiß, dass man schwul ist? Ein Problem, vor dem viele Schwule stehen. Aus Angst um ihren Arbeitsplatz bleiben sie ungeoutet. Manche suchen sich sogar bewusst einen Arbeitsplatz, der etwas auswärts seines Wohnorts ist. Dann lässt sich privates schwul leben und Arbeitsplatz gut unter einen Hut kriegen. Das ist eine von vielen Alternativen. Für manche vielleicht die Richtige, aber eine Musterlösung gibt es leider nicht. Das muss jeder individuell für sich entscheiden.
 
Die Reise durch Deutschlands schwule Provinz könnte noch viel länger dauern. Es gibt sowohl viele Vor- als auch viele Nachteile. Ob Vor- oder Nachteile bei überwiegen, muss jeder selber herausfinden. Die Zeiten haben sich geändert, und das Leben auf dem Land mag vielleicht nicht mehr die Qual sein, die es früher für Schwule einmal gewesen ist. Internet, Telefon und gute Zugverbindungen in die nächste große Stadt machen das schwule Leben auch auf dem Land erträglich. Aber wie bereits gesagt: Was dem einen als Übersichtlichkeit und Vertrautheit erscheint, ist für den anderen halt nun mal Enge und provinzieller Mief. Auch schwule sind schließlich sehr verschieden.     

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Weitere Quellen: aidshilfe.de