Sich selber abschaffen

Falk Steinborn Von Falk Steinborn
Sich selber abschaffen
Alex Peters/ Lambda

Das Jugendnetzwerk Lambda für schwule, lesbische, bisexuelle und transidente Jugendliche feierte am Wochenende seinen 20. Geburtstag. Zum Jubiläum gab es eine Party in Frankfurt und einen intensiven Austausch darüber, warum es Lambda auch noch in den nächsten Jahren geben muss.

Heiko ist 18 Jahre alt und schwul. Die meiste Zeit seines Tages verbringt er in der Schule. Und die meiste Zeit seines Tages muss er sich verstecken. Denn Heiko ist in der Schule nicht geoutet, weil er negative Reaktionen fürchtet -  besonders von einer Lehrerin, die Schwulsein als genetische Krankheit ansieht und das im Unterricht offen ausspricht.

Am Wochenende ist Heikos Leben anders. Dann ist er oft in Köln und trifft sich mit anderen Schwulen. Oder er engagiert sich. Zum 20-jährigen Jubiläum vom lesbischwulen Jugendnetzwerk Lambda ist er am Wochenende in Frankfurt am Main gewesen. Mit anderen jungen Schwulen, Lesben, Bis und Transgenders hat er über die Zukunft von Lambda diskutiert. Sie alle wollen etwas verändern. Aber das braucht Engagement. "Allein dadurch, dass wir CSD feiern und da ein bisschen rumtanzen, schaffen wir das nicht", analysiert Heiko die Situation von queeren Jugendlichen.

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Es gibt noch viel zu tun: Thorsten Brück vom Lambda-Vorstand berichtet, dass schwule Jugendlichen noch immer mit Problemen vor und nach dem Coming Out zu kämpfen haben.

Es gibt noch viel zu tun: Thorsten Brück vom Lambda-Vorstand berichtet, dass schwule Jugendlichen noch immer mit Problemen vor und nach dem Coming Out zu kämpfen haben.

Es ist eine Situation, die sich in den letzten Jahren nur wenig verändert hat. Zwar sind Schwule, Lesben, Bisexuelle und Transgender heute sichtbarer und zu Teilen auch akzeptierter als früher. Aber "die Angst der Jugendlichen  vor dem Coming-out gibt es heute wie vor 20 Jahren", sagt Thorsten Brück, Vorstand von  Lambda.

Seit 1990 vertritt das Jugendnetzwerk queere Jugendliche: Es bietet Projekte und internationale Begegnungen wie das Lambda-Sommercamp  an (siehe Video), gibt die Zeitschrift "out!" heraus, streitet auf politischer Ebene für die Rechte von jungen Schwulen, Lesben, Bis und Transgenders und berät sie während des Coming-outs. Aber trotz 20-jähriger Arbeit auf diesem Gebiet gibt es noch einiges zu tun. "Die Beratungszahlen zeigen, dass wir nicht in der Gesellschaft angekommen sind, die wir uns wünschen", sagt Thorsten Brück.

Wie diese Gesellschaft aussehen soll, ist Heiko und den anderen Jugendlichen klar. Sie wollen sie selbst sein, ohne sich dafür outen zu müssen oder schräg angeschaut zu werden. In der Diskussion, wie das erreicht werden könnte, kommen sie immer wieder auf die Schule zurück. Einerseits ist das der Ort, wo Vorurteile gegenüber Schwulen und Lesben abgebaut werden können. Andererseits "ist sie der erste Ansatzpunkt, wo Jugendlichen beim Coming-out geholfen werden könnte", sagt Jördis Wothge vom Lambda-Vorstand.

Auch für Schwule mit Einwanderungshintergrund und Behinderung da sein

Für die Zukunft von Lambda wünschen sich die Jugendlichen deshalb, dass Lambda sich verstärkt in diesem Bereich engagiert ebenso wie für Jugendliche in der Provinz. Denn diese haben es häufig schwerer, weil sie nicht mal eben zur schwulen Jugendgruppe fahren können. Und letztlich soll sich Lambda auch stärker der Herausforderung Integration stellen gegenüber schwulen, lesbischen, bisexuellen und transidenten Jugendlichen mit Behinderung und Jugendlichen mit Migrationshintergrund.

Diese Ziele umzusetzen, liegt nun in der Hand von Lambda. Es wird die Ideen der Jugendlichen in sein Programm aufnehmen, damit der Wunsch von Heiko nach einer toleranten Gesellschaft wahr wird. Ob sich Lambda dafür 20, 40 oder noch mehr Jahre engagieren muss, ist unklar. Fest steht für Jördis Wothge nur: "Idealerweise werden wir ein so großartiges Angebot schaffen, dass sich Lambda selbst abschafft."

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Weitere Quellen: Lambda, Alex Peters, privat