Ungezwungene Gemütlichkeit

Redaktion Von Redaktion
Ungezwungene Gemütlichkeit
dbna

Auch an der bayerischen Peripherie, im äußersten Unterfranken an der Grenze zu Hessen gibt es eine schwulLesBische Jugendgruppe, die sich seit zwölf Jahren nun wacker schlägt. dbna hat sie für euch besucht.

Es ist kurz nach halb neun abends. Ein hoher, lauter Schrei durchschneidet die Luft, gefolgt von einem hochtönigen Ausruf: "Rhianna für Arme! Schaut mal, die blonden Haare!" Benny kann sich den Kommentar nicht verkneifen. Gleichzeitig fällt er Patrick in die Arme. Mit einem Lachen quittiert er den gedrückten Spruch. Er steht über solchen Spitzen.

Volle Bude

Unverblümt, locker und lässig, so geht es bei Aschaffenburgs schwuLesBischen Jugendgruppe ABsolut zu. Jeden Donnerstag ab 20 Uhr treffen sich mal zwanzig, mal vierzig junge Schwule und Lesben im ABdate, dem Café im Jugendkulturzentrum (JuKuZ) Aschaffenburg. "Zwanzig ist echt die untere Grenze", erzählt Benny, "am Tag vor Heilig Abend waren wir über fünfzig Leute!"

Benny, der braunhaarige Schopf mit dem lockeren Mundwerk, steht sozusagen der Gruppe vor. "Seit einem Jahr bin ich Sprecher der Gruppe, aber noch keiner hat sich beschwert", meint der 21jährige verschmitzt. Nach gerade zwei Jahren "schwulem" Leben sowie dem ersten Kontakt mit Absolut war man sich einig: Benny übernimmt die Aufgabe. Er sieht es als Ehre, nicht als Bürde an. "Ich habe mich hier kurz nach meinem Coming Out daheim hier sehr wohlgefühlt und auch Rückhalt gefunden. Nun gebe ich einen kleinen Teil dessen zurück", so Chemikanten-Azubi Benny.

Großer Einzugsbereich

Tom, sozusagen einer der "Gründer" und Urvater ABsoluts, steht daneben und nickt. Seit Jahren ist er im äußersten Unterfranken, nahe der hessischen Grenze  aktiv. Er war auch vor 1998 dabei, als sich Schwule und Lesben noch zu einem regelmäßigen Stammtisch in Klingenberg trafen. "Das Einzugsgebiet dieses frühen Stammtisches war riesig: Leute aus Darmstadt, Aschaffenburg, Tauberbischofsheim, ja gar Heilbronn kamen jeden Donnerstag  zusammen und das obwohl niemand verantwortlich war. Außerdem stand das Internet ja noch ganz am Anfang seiner Existenz", berichtet Tom.  Zudem ist er überzeugt, daß die Teilnehmer damals teilweise jünger waren. "Natürlich sind sie heute auch nicht so viel älter, aber der Durchschnitt dürfte sich schon gehoben haben", meint der 40jährige. Vielleicht ist das aber auch eine Frage des Blickwinkels über die Jahre.

Schließlich war es 1998 soweit, man vollzog einen Standortwechsel, eine größere Stadt wie Aschaffenburg bot einfach mehr Möglichkeiten. Erster Treffpunkt: eine stinknormale Kneipe, in der sich dann 15 Schwule und Lesben trafen. 1999 folgte ein letzterer, kleinere Standortwechsel:  die Gruppe zog ins ABdate um.

dbna
"Hier kommen Schüler, Berufstätige, Studenten, Azubis, aus allen sozialen Schichten und Milieus zusammen, auch nicht wenige Migranten."

"Hier kommen Schüler, Berufstätige, Studenten, Azubis, aus allen sozialen Schichten und Milieus zusammen, auch nicht wenige Migranten."

Abende inzwischen weniger lang

Auch wenn sich einiges seit 1998 geändert hat, geblieben ist doch der Termin: Donnerstag ab 20 Uhr sowie die Anziehungskraft, auch wenn diese wie Tom einräumt schwächer geworden ist. Aus Sicht Toms wirkt Frankfurt am Main auf eine Jugend, die mehr finanzielle Möglichkeiten hat wie vor 10 bis 15 Jahren, attraktiver. Zudem sei Donnerstag inzwischen als Wochenarbeitstag schlecht gewählt, wobei der 40jährige auch keine gute Alternative weiß, "denn am Wochenende strömt ja ohnehin alles nach Frankfurt." Und die Abende seien inzwischen kürzer geworden: "Früher saßen wir bis 3 Uhr früh zusammen, heute ist meistens schon um halb zwölf Schicht im Schacht", so Tom etwas wehmütig.

Benny sieht das anders: "Donnerstag ist der Einstieg ins Wochenende. Hier werden dann Pläne geschmiedet, was man privat zusammen macht: Party in Frankfurt, Ausflug ins Erlebnisbad und so weiter." Das alles fände dann privat in der Freizeit statt, nicht als offizieller Gruppenrahmen. "Wir sehen uns eben auch als Freunde, das ergibt sich halt so, wenn ein neuer Freundeskreis entsteht", zuckt der Azubi mit den Schultern.

Eigene Strukturen und eigenes Selbstverständnis

Seit 2001 entwickelten sich festere Strukturen, auch wenn man von einer Vereinsgründung abgesehen hat. Man wurde Mitglied des Stadtjugendrings, über den man auch Zugang zum Café ABdate erhielt. Und ABsolut schloss sich als Untergruppe Lambda Bayern an, ein Schritt der nicht unkritisch gesehen wird. "Wir halten uns nicht strikt an alle Auflagen von dort, das wissen sie aber auch", stellt Tom klar. Die Altersgrenzen werden flexibler gehandhabt, Materialien auf eigene Rechnung beschafft. In der bayerischen Peripherie hat man sich seine Unabhängigkeit bewahrt und will diese auch wahren.

"Wir haben hier ganz eigene Strukturen und ein ganz eigenes Selbstverständnis, das wollen wir auch wahren", bekundet Sprecher Benny mit dem Brustton der Überzeugung. Die Organisation an sich ist zwar lose, aber eben nicht ohne Verantwortliche; jeder darf sich einbringen.  "Einmal im Jahr treffen sich alle Beteiligten. Dort wird ein Sprecher gewählt und die Kasse geprüft", erklärt Benny. "Wer an der Theke regelmäßig mitgeholfen hat, erhält eine kleine Aufwandsentschädigung. Unsere danach verbliebenen Kassenüberschüsse führen wir dann als Spenden an die AIDS-Hilfe ab."

Die lockere, entspannte Atmosphäre, die dem Besucher sofort auffällt mag auch daran liegen, dass die Donnerstagabende nicht durchgeplant sind. "Wir haben kein festes Programm, sondern verstehen uns als offener Treff und ja, wir sind auch für Heten offen. Da kommen auch nicht wenige öfters vorbei", so Chris, der immer wieder an der Theke aushilft. Der 19jährige Aschaffenburger ist gerne dort und engagiert sich inzwischen seit einem guten Jahr. Geworben wurde er wie Benny über eine Chatplattform für Schwule auch eine neuere Entwicklung. Während in den ersten Jahren in den typischen Zeitschriften für Homosexuelle wie der GAB geworben wurde, sind heute persönliche Nachrichten im Internet sowie die Mundpropaganda wichtiger. "Für viele ist das ja die erste Annäherung an die schwule Welt und so wie ich geworben worden bin, werbe ich eben auch", meint Fachoberschüler Chris.

dbna
Lockere, entspannte Atmosphäre dank nicht durchgeplanter Abende

Lockere, entspannte Atmosphäre dank nicht durchgeplanter Abende

Stark gemischtes Publikum

Auch wenn Tom manches kritisch sieht, so sind die Jüngeren doch überzeugt, dass es gut läuft. "Eine Konstante ist, daß wir Anlaufstelle sowohl für Ungeoutete als auch für junge Schwule und Lesben sind", sagt Chris. Allerdings seien die Lesben weniger häufig vertreten. "Die machen mit dem Lesbenstammtisch im Frauenhaus ihr eigenes Ding", wirft Benny ein, aber heute ist eine sogar hier!"
Chris ist auch froh über das insgesamt stark gemischte Publikum: "Hier kommen Schüler, Berufstätige, Studenten, Azubis, aus allen sozialen Schichten und Milieus zusammen, auch nicht wenige Migranten."

Probleme? Durchwachsen!

"Ob es keine Probleme gebe?" wiederholt Benny laut die Frage. Alle er, Tom und Chris machen nachdenkliche Gesichter. "Es ist ja nicht so, dass es nie zu Reibereien käme", beginnt Tom. "Da gibt es eine Person, die JuKuZ Verantwortung trägt, die macht uns und eigentlich allen das Leben schwer mit ihrer Art", führt Chris aus. Und Benny ergänzt: "Es gab auch einen kleinen homophoben Zwischenfall vor der Tür, aber nichts dramatisches. Die drei Typen sind schnell verstummt und haben sich dann, als wir alle rauskamen und uns um sie stellten, schnell verzogen." "Und da wäre noch der schlechte Ruf, der uns nachgesagt wird", meint er weiter. "Na ja, wir seien zickige Schlampen", so der Sprecher auf Nachfrage. Und stimme denn das? "Überzeugt euch doch selbst!", sind sich Tom, Chris und Benny einig.

dbna.newsletter
Bleibe immer up-to-date.
Abonniere unseren wöchentlichen Newsletter!