Wach geküsst

Redaktion Von Redaktion
Wach geküsst
KUSS41

Anfang Juni fand die offizielle feierliche Eröffnung des KUSS41 in der Mainmetropole Frankfurt statt. dbna war anwesend und hat mit den Verantwortlichen und einigen Besuchern gesprochen.

Sengende Hitze liegt über der Stadt, die Luft flimmert. Doch anstatt diesen Temperaturen zu entfliehen, haben sich im Erdgeschoß des Hauses mit der Hausnummer 41 in der Kurt-Schumacher-Straße mitten in der Frankfurter Innenstadt knapp hundert Personen auf engem Raum zusammengefunden. Mit kühlem Sekt, Orangensaft, Cola oder auch Wasser versucht die schwitzende Menge sich zu erfrischen. Gemeinsam feiern die Freunde, die Wegbegleiter und die politischen wie institutionellen Verantwortlichen die offizielle Eröffnung des KUSS41 Frankfurts und Hessens erstes LesBiSchwule Jugendzentrum.

Letztendlich ist die Eröffnung des KUSS41 der Höhepunkt der Entwicklung der Jugendarbeit für Homosexuelle in Frankfurt, die sich seit 1985 immer weiter fortentwickelt und professionalisiert hat.

KUSS41
(von rechts nach links) Der Vorstand von ourgeneration, Alexander> Burger, Michael Schäfer, Christian Schotte, Sven Hinze sowie Philippe-Nils> Hofmann, und die Verantwortlichen des> kuss41, Oliver König und Judith Eisert.

(von rechts nach links) Der Vorstand von ourgeneration, Alexander> Burger, Michael Schäfer, Christian Schotte, Sven Hinze sowie Philippe-Nils> Hofmann, und die Verantwortlichen des> kuss41, Oliver König und Judith Eisert.

So kann der Trägerverein des neuen Jugendzentrums, der gemeinnützigeVerein "our generation SchwuLesBische Jugend Frankfurt am Main e.V."stolz darauf sein, dass die Verantwortlichen letztlich über 25 Jahrehinweg nie locker gelassen haben und so einen langen Atem bewiesen -steter Tropfen höhlt bekanntlich den Stein.

Nicht nur aus der Stadt

Dabeisieht Michael Schäfer, Vorstandsmitglied von "our generation", dieArbeit noch lange nicht am Ende der Fahnenstange angekommen. MehrProjekte sollen in Angriff genommen werden, viele neue Gesichter willder Diplom Finanzwirt noch willkommen heißen, gerade aus der weiterenUmgebung Frankfurts. Schon jetzt kommen 40 Prozent der bisherigenBesucher des KUSS41, das seine Pforten für die Jugendlichen schon imApril öffnete, aus dem Umland, wobei die weiteste Entfernung gut 60 bis70 Kilometer beträgt.

Einer, der inzwischen regelmäßigen an denAktivitäten des KUS41 teilnimmt und aus dem Umland kommt, ist Julian.Der 19jährige wurde bei dbna auf KUSS41 aufmerksam und zählt zu denBesuchern der ersten Stunde. "Die aufgeschlossene Art der Menschen,denen ich beim ersten Mal begegnete, trug wirklich dazu bei, einenGroßteil meiner Nervosität verschwinden zu lassen", berichtet er stolz.

Grußworte, Reden und Theaterszenen

DieStudentin Nicole dagegen ist schon länger in die Frankfurter Strukturender LesBiSchwulen Jugendarbeit eingebunden, eine Freundin hat siedamals zu "our generation" geführt. Heute bringt sie sich im Barteamdes KUSS41 ein. "Wir Älteren sind für die Neuen eine gute Anlaufstelle,was für mich auch die Motivation war, mich weiter einzubringen",erzählt die 26jährigen, die ursprünglich aus dem niedersächsischenCelle stammt. "Zudem war die offizielle Eröffnung für mich im Vorfeldtotal aufregend, gerade auch wegen der Theatergruppe", schwärmt Nicole.

Dennzur Eröffnung gab es nicht nur Grußworte und Reden sondern auchUnterhaltung in Form zweier kurzer Theaterszenen. Während in dem erstenStück die Situation um das Coming-out eines jungen Mädchens während desSchulunterrichts und homophobe Reaktionen darauf dargestellt wurde,beschäftigte sich das zweite mit dem Kinderwunsch eines lesbischenPärchens. Die Darstellung auf engen Raum und ohne Bühne war zwarproblematisch, dafür überzeugten die Darsteller aber in ihrenjeweiligen Rollen umso mehr, was mit großartigem Applaus quittiertwurde.

Persönlichkeitsförderung

Dabeistanden die Schauspieler unter dem ständigen Blick des Maskottchens desKUSS41 ein grüner Frosch. Die Rolle des Frosches erklärt der DiplomPädagoge Oliver König mit dem Märchen vom Froschkönig, das sich auch imLogo des Jugendzentrums wiederfinde (das U als Brunnen, in den dieKugel dargestellt durch die farbigen Punkte fällt). "DiePersönlichkeitsförderung, die Entwicklung und Entdeckung der eigenensexuellen Identität sollen durch den Frosch und das mit ihm verbundeneMärchen dargestellt werden", erläutert der 35jährige, der ursprünglichaus dem Sauerland kommt. Wichtig ist ihm, der selbst glücklichverpartnert ist, dass bei den Jugendlichen keine Komplexe aufgrund dereigenen Entwicklung entstehen, und dass man ihnen wirklicheUnterstützung bietet.

Zusammen mit Judith Eisert, die DiplomSozialarbeiterin ist, betreut König das KUSS41 hauptamtlich. Eisertunterstreicht den transidenten Charakter der Einrichtung. LBST(LesBiSchwulTransident) sei keine bloße Rechtfertigung, sondern derwirkliche Zweck, sich nämlich an alle sexuelle Identitäten zu richten."Vor allem sind wir nicht mit der typischen Szene gleichzusetzen",unterstreicht die 36jährigen, die in ihrem Arbeitsfeld schon zehn Jahrelang in Köln Erfahrungen gesammelt hat, ganz ausdrücklich.

Kontakt nach Köln gesucht

Dain Frankfurt letztendlich die Verwirklichung des Jugendzentrums sichüber knapp sieben Jahre hingezogen hat, waren die Vorbereitungen auchsehr gründlich. Kontakte zum Kölner anyway wurden geknüpft. Zwei Malfuhr der Vorstand von "our generation", der aus fünf Personen besteht,extra an den Rhein, um sich von der Verhältnis vor Ort ein Bild zumachen und so eigene Erkenntnisse für Frankfurt zu gewinnen. "DieGespräche waren beide Mal sehr ausführlich und hilfreich", erklärtVorstandsmitglied Schäfer. Auch beim HamburgerMagnus-Hirschfeld-Centrum (mhc) habe man sich erkundigt. Im Vergleichzu Hamburg (dbna berichtete) sei die Politik und die Verwaltung derMainmetropole sehr entgegenkommend gewesen. Verzögerungen seien alleineauf die Bauarbeiten zurückzuführen.

Will man bei "ourgeneration" mitwirken, so steht einer Beteiligung nichts im Wege. "Wirhaben eine offene Mitgliedschaft, die im allgemeinen bis 27 kostenlosist", hebt Schäfer hervor. Zum KUSS41 könne man einfach so kommen. "Dabraucht sich keiner einen Kopf zu machen, einfach vorbei kommen undzur Erleichterung bieten wir auch einen Abholdienst, falls jemand sichwirklich nicht überwinden kann, von alleine den Fuß über die Schwellezu setzen", meint Schäfer schmunzeln.

Kontakte und Freizeitmöglichkeiten

Fürden 19jährigen Julian stehen vor allem die neuen Kontakte und dievielfältigen Freizeitmöglichkeiten bei KUSS41 im Vordergrund. Zwei bisdrei Mal pro Woche ist er inzwischen in der Kurt-Schumacher-Straßeanzutreffen und freut sich jedes Mal über die vielen neuen Leute. DerStart des KUSS41 sieht Nicole gerade an Julians Beispielaußerordentlich positiv. Auch mehr lesbische Mädchen für inzwischenkommen, das Verhältnis sei bei den Neuen absolut ausgewogen.

Bezüglichder Abhängigkeit des KUSS41 von öffentlichen Geldern der StadtFrankfurt macht man sich bei den Verantwortlichen keine Gedanken. "Wirvertrauen auf die Zusagen der Stadt, dass wir mittelfristig mit keinenKürzungen zu rechnen haben", zeigt sich König zuversichtlich. Auch diegebürtige Aschaffenburgerin Eisert betont, dass die Situation nicht soschlecht sei: "Wir sind das einzige Projekt vor Ort, haben also keineKonkurrenz. Somit ist alleine da Interesse der Jugendlichen und derdamit verbundene Erfolg für unsere Einrichtung und den Fortbestandentscheidend."

Bedarf belegt

DerStart sei absolut prima gewesen. "Wir sind mit den Besucherzahlenzufrieden", stellen die beiden Hauptamtlichen fest. Am ersten Abendwaren unter den vierzig Besuchern bereits zehn neue, insgesamt seien esvierzig bis fünfzig gewesen. "Dieser Zuspruch, den wir erfahren, istpositiver als erwartet", kommentiert Eisert, für die damit auch derBedarf des KUSS41 eindeutig belegt ist.

KUSS41
Das Thekenteam von ourgeneration

Das Thekenteam von ourgeneration

Mit im Vordergrund stehtfür "our generation" und KUSS41 das Schulaufklärungsprojekt (SAP). VierSchulen habe man schon zusammen mit ehrenamtlichen Unterstützernbesucht, gerne dürften sich noch mehr beteiligen, auch gerade Lehrerseien sehr gefragt. "Dabei muß bei SAP die Anfrage von Seiten derSchule kommen, einzelne Schüleranfragen können wir aus rechtlichenGründen nicht berücksichtigen", so Eisert. Ein spontanes Erscheineneinfach nicht möglich, das würde auf Hausfriedensbruch hinauslaufen."Allerdings wäre so ein Überraschungsbesuch schon eine sympathischeIdee", bekennt die Sozialarbeiterin mit einem Schmunzeln. "Es ist imübrigen kein Lehrer dabei, wenn wir dann in der KlasseAufklärungsarbeit leisten", wirft König noch ein. So wolle manUnsicherheiten vorbeugen und den Schülern die Befangenheit nehmen.

Zukünftige Projekte und Visionen

DenBlick auf zukünftige Projekte des KUSS41 gerichtet werfen alle aus derRunde Ideen oder auch schon konkrete Vorstellungen ein: Partyräume füreine Partyreihe würden gesucht, alle zwei Wochen sollte einImpro-Theater stattfinden und ein Trans-Gruppentreffen mit dem Namen"transparent" soll eingerichtet werden.

Und die Visionen derHauptamtlichen Eisert und König für das KUSS41 in fünf Jahren? GrößereRäumlichkeiten für ein verjüngtes Publikum, welches des kompletteAltersspektrum von vierzehn bis 27 Jahren sowie alle LSBT-Gruppenrepräsentiert, mehr Hauptamtliche Betreuer sowie Interkulturalität alseigener Bereich im KUSS41 schweben den beiden ganz konkret vor Augen,darauf arbeiten sie hin. Auf Julian können sie dabei zählen: alsEhrenamtlicher will er sich an den Projekten beteiligen und weiterhinmit seiner Person Präsenz zeigen. Auch Nicole will weiter festerBestandteil sein. Der Vorstand von "our generation" bewundert schonjetzt das Engagement auch der neuen Jugendlichen, sich selbsteinzubringen. "Das ist sehr mutig und so können Erfahrungen von alleneingebracht werden. So wird das Coming-out und die Selbstfindung fürandere leichter", hebt Michael Schäfer und der Frosch hinter ihmscheint zu schmunzeln.

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Weitere Quellen: Alexander