Zwischen Straßenfest und Nuttendiesel

Redaktion Von Redaktion

Unverhofft kommt oft - auch der Besuch von dbna für die schwulen Jugendgruppe "Romeo&Julius – 20plus", die sich in ihrem "Mutterhaus" Mann-O-Meter getroffen hat.

Die Überraschung ist Michael anzusehen, mit dem Besuch von dbna hatte er nicht gerechnet. "Ich bin das Wochenende in Berlin und meine Abendplanung mußte spontan geändert werden", erkläre ich ihm mit einem entschuldigenden Lächeln. Und wieso nicht die Gelegenheit nutzen, mal wieder ein neues Konzept für schwule Jugendarbeit kennenzulernen?

Während langsam die anderen eintrudeln, erklärt mir Michael, der einer der vier Jugendleiter ist, was "Romeo&Julius 20plus" darstellt. Der 23-jährige engagiert sich seit einem Jahr ehrenamtlich im Jugendbereich von Mann-O-Meter, Berlins schwules Informations- und Beratungszentrum, primärpräventive Aidshilfe und "Mutterhaus" der Gruppe. "Daneben gibt es aber noch die Gruppe "Romeo&Julius" für die 'Kleinen' von 14 bis 19 Jahren, die sich jede Woche donnerstags trifft", erklärt Michael. Diese Trennung besteht nun seit 10 Jahren und war aufgrund zu vieler Teilnehmer und den besonders altersspezifischen Interessen erforderlich und hat sich bewährt.

"Und was steht bei Euch heute auf dem Plan?" will ich wissen, denn die Spontanität hat sich dann doch negativ auf die Vorbereitung ausgewirkt. "Naja, eigentlich bereiten wir heute unseren Stand für das schwullesbische Straßenfest vor, das morgen stattfindet. Danach gehen wir wohl in den Ackerkeller, ein Szene-Lokal, allerdings etwas alternativ angehaucht", werde ich von Michael aufgeklärt. Was dort geboten wird? "Unsere Preisträger der Goldenen Jungschwuppe 2009, die Transgruppe Sonnenschein von Lambda, treten heute dort auf", weiß Michael zu berichten und drückt mir ein Flugblatt in die Hand: "Nuttendiesel" lese ich da nur noch ganz groß und bin auf den Abend wirklich gespannt.

Seit 2002 organisiert der Jugendbereich Mann-O-Meters diese Spendengala zur Verleihung der Goldenen Jungschwuppe "ein kleiner Kraftakt", wie mir verraten wird. Junge Schwule sollen die Möglichkeit haben, sich angefummelt auf die Bühne zu stellen und bei einer "Tunten-Trash-Veranstaltung" mitzuwirken Spaß und Chaos sind dabei garantiert. Nicht ohne Stolz heißt es, daß so manche inzwischen in Berlin bekannte Tunte einmal im Jugendbereich Mann-O-Meters gewesen sei. Leitmotiv dieser spaßigen Aktion war dabei immer die Sexualaufklärung, die es aufzulockern galt.

Ansonsten sind die wöchentlichen Treffen jeden Freitag sehr vielfältig gestaltet: Themenabende über beispielsweise "Patriotismus", "Sommer, Sex und Sonne", "Musical" oder auch "Ethik und Werte" sind dabei genauso vertreten wie Flirttraining, Selbstverteidigung, Grillen, Kinoabende und Beach-Volleyball. Ein reichhaltiges Angebot, bei dem für jeden eigentlich etwas dabei ist. Und auch gewisse Traditionen haben sich entwickelt: jeden letzten Freitag im Monat trifft man sich zum Spieleabend.

Auch die Teilnehmerzahlen sprechen für sich. Zwar sind Abende recht offen gestaltet, so daß es nach Aussage von Michael zu einer ziemlichen Fluktuation kommt, aber neben einem harten Kern von fünf Leuten, die wirklich regelmäßig kommen, sind an zu den Treffen insgesamt immer zwanzig bis dreißig Leute da. Für das breitgefächerte Programm und entsprechendes Niveau der Themenabende, bei dem auch immer wieder ein HIV/AIDS im Mittelpunkt stehen, sorgt Christof Zirkel, der als hauptamtlicher Mitarbeiter für die Jugendarbeit des Mann-O-Meters eine Viertel-Stelle zur Verfügung hat. Der Rest seiner insgesamt 3/4-Stelle sind für Betreuung und Organisation der AG Theke des Infoladens und für psychologische Beratung in Vertretung vorgesehen. Da er auch noch die Beratung beim HIV-Schnelltest im Mann-O-Meter unterstützt, kommen auch zahlreiche Überstunden hinzu. Neben den vier Ehrenämtlern steht Zirkel derzeit auch noch Tilman zur Verfügung, der bei Mann-O-Meter ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) absolviert. Weit über 50 Prozent der Finanzierung Mann-O-Meters, der Trägerverein für die von Christof Zirkel organisierte Jugendarbeit, kommen dabei aus öffentlicher Hand. Die ideelen Beiträge (Mitgliedsbeitrag, Spenden etc.) machen dagegen keine zehn Prozent aus.

Das Mann-O-Meter hat seit seiner Gründung 1985 zahlreiche Arbeitsbereiche herausgebildet, zu denen eben auch der Jugendbereich gehört. Die ehren- wie hauptamtlichen Mitarbeiter, Zivis und FSJler haben sich in den jeweiligen Bereichen zu AGs wie der AG Jugend zusammengeschlossen. Dort koordinieren und bilden sie sich im Rahmen eines Plenums, das alle zwei Wochen tagt, fort. Neben der AG Jugend gehören noch das offizielle Angebot für schwule jugendliche und junge Erwachsene also die beiden Jugendgruppen zum Jugendbereich, aber auch viele, viele weitere Veranstaltungen und Projekte.

Seinen persönlichen Schwerpunkt im Bereich der Jugendarbeit legt Zirkel auf Aufklärung über HIV/ AIDS, andere sexuell tragbare Krankheiten und natürlich Homosexualität an sich. Dabei stand vor allem 2008 das Peer-Education-Projekt "A.H.A.-Effekt" (Aufklärung zu HIV/AIDS-Effekt) im Mittelpunkt. Dabei besuchte man acht Berliner Schulen und versuchte über gleichaltrige Jugendliche, die dafür Fortbildungen erhielten, den Wissensstand, aber auch die Sensibilität der Schüler zu verbessern. Dabei hatte dieses Projekt, das finanziell vor allem von der Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung unterstützt wurde, vor allem bei der Kontaktaufnahme mit den Verantwortlichen der Schulen enorme Probleme. Als dann aber diese Hürde genommen werden konnte, stellte der Zugang zu den Schülern keine größere Schwierigkeit dar. Zirkel kommt zu dem Schluß: "Trotz aller Schwierigkeiten lässt sich für das Projekt "A.H.A.-Effekt" ein positives Fazit ziehen." Alleine aufgrund der fehlenden finanziellen Unterstützung von der Seite des Landes, wo die Verantwortung von einer zur anderen Stelle geschoben wird, war eine Fortsetzung bisher nicht möglich. "Ich bedaure das sehr, doch ohne Finanzierung erscheint mir eine andere Lösung unmöglich", seufzt Zirkel. Die Frustration ist ihm deutlich anzumerken.

Solche Sorgen treiben ihn immer wieder um. So mußte auch der im April 2003 geschlossene Kooperationsvertrag zu betreutem Jugendwohnen wieder aufgelöst werden, als sich herausstellte, dass der andere Träger seinen Verpflichtungen nicht nachkam. Einen Trost gibt es aber: Der Berliner Senat hat das Mann-O-Meter als offizielle Jugendhilfeeinrichtung anerkannt.

Um eine hohe Qualität der Betreuung auch durch die ehrenamtlichen Unterstützer zu erreichen, nahmen sie in diesem Jahr ebenso wie der FSJler an einer JuLeiCa-Fortbildung, die von Lambda Berlin-Brandenburg organisiert wurde, teil. "Das ist aber keine Voraussetzung, um bei uns mitzuarbeiten", betont der Psychologe und Sexualpädagoge Zirkel. "Weitere interne Fortbildungen im Rahmen des Plenums und zweier jährlicher Klausurtage werden von mir übernommen."

Nachdem eine gute Anzahl an Leuten gekommen ist, biegt der FSJler Tilman um die Ecke. "Ich brauche fünf Leute, die mir jetzt helfen." Behäbig setzt sich ein kleiner Teil der Gruppe in Bewegung, in den Köpfen herrscht schon Wochenende. Am Ende geht es schneller als gedacht. Nach schon zwanzig Minuten sind die Vorbereitungen für das Straßenfest abgeschlossen und am Ende hat doch irgendwie jeder zugepackt. Die Stimmung ist locker, man kommt leicht ins Gespräch miteinander. Und schließlich bricht die Gruppe in Richtung Ackerkeller auf. Noch einen Happen Essen unterwegs aufgegabelt und schon sitzt man erst in der oberen Kneipe, schließlich im Untergeschoß des Ackerkellers und wartet gespannt. Der Abend wird lustig, die Vorführung ist überraschend gut. Das Publikum lacht, klatscht, singt mit und grölt. Um eine Zugabe kommt die Lambda-Transgruppe nicht herum. Schließlich wird der Zuschauerraum selbst zur Tanzfläche. Und wem die Musik dort nicht paßt, der geht eben noch ins SchwuZ und tanzt dort bis der Morgen graut.

Im übrigen: Eine besondere Veranstaltung dieses Jahr wird für Mann-O-Meter das Jubiläum zum 15-jährigen Bestehen des Jugendbereichs sein ein Beweis, daß sich die Mühe trotz Rückschläge doch lohnt. Details zur Planung will Zirkel nicht verraten: "Übergehen werden wir das sicherlich nicht, aber lasst Euch überraschen! Es wird sich lohnen zu kommen!" Ein Versprechen, das nach diesem tollen Abend mit den Leuten von "Romeo&Julius 20 Plus" sicherlich erfüllt werden wird.

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Weitere Quellen: Mann-O-Meter e.V.