Andreas (21) aus Gsies

Fabian Schäfer Von Fabian Schäfer
Andreas (21) aus Gsies

Der Kellner aus Südtirol spricht über seine ländliche, idyllische Heimat, wieso er dort nie wegziehen möchte und weshalb eine Fernbeziehung nichts für ihn ist.

Andreas, du kommst aus einer sehr ländlichen Gegend. Wie war es für dich, dort aufzuwachsen?

Ich würde schon sagen, dass sich Südtirol ein bisschen vom Rest Italiens abhebt. Hier ist es nicht so erzkatholisch, aber die Kirche spielt schon eine große Rolle. Aber wenn man hier auf dem Land aufwächst, wo nicht viel ist außer Wiesen und Wäldern, dann passt sich jeder an. Jemand, der in der Stadt aufwächst, würde sich schwer tun hier. Aber man lernt es, die Landschaft zu schätzen.

Gibt es dort denn ein schwules Leben?

Nein, eben nicht. Das ist ein Problem hier in Südtirol. Es gibt in der Hauptstadt Bozen den Verein Centaurus. Aber ich persönlich finde deren Arbeit nicht zu hundert Prozent gut, weil sie hauptsächlich in Bozen arbeiten. Wenn man weiter weg wohnt, kriegt man davon nicht viel mit. Deren Arbeit reicht einfach nicht so weit. Bozen ist immerhin zwei Stunden weit weg. Niemand will so weit fahren, um andere Jungs im Treff kennenzulernen, vor allem abends nicht. Und ohne Auto ist es sowieso schwer.

Deshalb hast du einen eigenen Blog gestartet

Mich hat eben die Situation gestört, dass es hier keine Szene gibt und dass sich die Leute nicht trauen, sich zu zeigen. Ich wollte nicht warten, bis etwas passiert, und habe selbst ein Projekt gestartet. Ich habe ein Video gedreht, ganz spontan. Erstaunlicherweise waren die Reaktionen extrem gut. Alle denken, dass Südtirol verschlossen ist. Aber die Leute haben sich gefreut und gesagt, wie cool das ist, jemanden im Dorf zu haben, der so ein Video gemacht hat. Sogar Leute, die ich nicht kannte, haben mich angeschrieben aus ganz Südtirol.

Andreas

Wie hast du denn die ersten Jungs kennengelernt?

In der Schulzeit, so mit elf, zwölf, habe ich jemanden kennengelernt. Wir haben das gegenseitige Interesse gespürt. Dann hat eins ins andere geführt. Aber er steht eigentlich nicht auf Jungs, sagt er. Es wurde immer intensiver, wir haben uns häufiger getroffen. Das war immer versteckt, in der Scheune oder im Wald. Das war schon aufregend (lacht). Das ging über einen Zeitraum von knapp acht Jahren, dann hat er den Kontakt ganz abrupt abgebrochen. Er hat eine Freundin und braucht das nicht mehr.

Wie hat sich das für dich angefühlt?

Ich war nicht in ihn verknallt, aber am Ende waren vielleicht ein paar Gefühle dabei, aber nur von meiner Seite. Wir haben nie wirklich darüber geredet, wie es weitergehen soll. Von einem Moment auf den anderen hat er den Kontakt abgebrochen. Er sagt nicht mehr Hallo, wenn wir uns sehen, er hat sich wirklich entfernt. Das war nicht schön, aber es gibt Schlimmeres.

Von dieser Affäre wusste niemand. Wie hast du dich denn geoutet?

Es gab eine Zeit, in der bei mir viele Probleme aufgetreten sind in der Schule. Mit 17 war in sehr vielen Fächern negativ. Es war mir alles zu viel und ich wollte sogar die Schule abbrechen. Als ich das meiner Mutter erzählt habe, hat sie gemerkt, dass da was los bei mir ist. Wie das so ist, können Mütter sehr hartnäckig sein. Sie hat so lange auf mich eingeredet, meine Hand ganz fest gehalten, weil sie gemerkt hat, dass da irgendwas in mir ist, was mich bedrückt.

Aber ich wollte mich in dem Moment nicht outen, ich war da noch nicht bereit für. Aber ich habe es trotzdem gesagt. Sie hat gemischt reagiert. Sie hat sich gefreut, dass ich es ihr anvertraue, da ist ihr ein Stein vom Herzen gefallen - und mir auch. Mein Vater und mein Bruder waren da anfänglich eher nicht so begeistert.

Andreas

Wie hast du es deinen Freunden gesagt?

Etwa zwei Monate vorher habe ich es meinem damaligen besten Freund bei einem Geburtstag gesagt. Da war Alkohol im Spiel, da war es leichter, darüber zu reden. Er hat gesagt, dass es total okay für ihn ist. Aber eineinhalb Jahre später hat er den Kontakt abgebrochen, ganz plötzlich. Wenn du mich fragst, war es, weil ich schwul bin. Nach dem Coming-out hat er sich immer weiter von mir entfernt. Nach der Schule hat er immer mehr Distanz aufgebaut, bis er den Kontakt ganz abgebrochen hat. Er hat mir den Grund nie erzählt, und er spricht auch heute nicht mehr mit mir. Heute denke ich, dass er einfach kein richtiger Freund war. Schade eigentlich.

Hast du dich denn danach in der Schule verbessert?

Ja, denn es lag definitiv daran, dass ich es für mich behalten habe. Es hat sich danach ziemlich schnell stark verändert. Einen Monat nach dem Coming-out in der Familie habe ich es Klassenkameraden erzählt, da habe ich mich wieder richtig gut gefühlt. Wir haben eine Hüttenfete gemacht und zusammen gefeiert. Da hat es sich ergeben, dass ich es sechs, sieben Freunden gesagt habe, und die anderen haben es eben auch mitbekommen. Die haben alle ziemlich positiv reagiert, damit hätte ich nicht gerechnet.

Andreas

Hast du denn mal überlegt, aus deiner Heimat wegzuziehen?

Ja, das habe ich. Aber eigentlich will ich hier nicht weg. Ich bin so vertraut hier und ich fühle mich so wohl. Gerade nach den Videos, wo ich viel Zuspruch bekommen habe, kann ich mir vorstellen, hier ein Haus zu bauen. Aber ich war bis vor Kurzem zwei Monate in Neuseeland und ich habe mich nicht so gefreut, wieder nach Südtirol zu kommen, wie ich dachte. Ich weiß nicht, ob ich mich dazu jetzt schon entscheiden muss. Ich lass es einfach mal auf mich zukommen.

Was magst du denn so sehr an Südtirol?

Das ländlich-alpine Flair. Ich mag die Berge einfach extrem. Das merke ich, wenn ich mal in der Stadt bin, dass ich die Berge vermisse. Das ist einfach ein Heimatgefühl für mich. Die Berge, Landschaft, Kühe (lacht). Jeder kennt jeden, jeder weiß alles über einen. Mich stört das nicht, ich finde das ganz witzig. Ich würde das vermissen.

Andreas

In deiner Region gibt es ja nicht so viele andere Schwule. Könntest du dir denn eine Fernbeziehung vorstellen?

Ich stehe nicht so auf Stadtleute (lacht). Es müsste jemand in meiner Umgebung sein, weil ich mich mit dem Gedanken einer Fernbeziehung nicht anfreunden kann. Ich brauche jemanden, der direkt in meiner Nähe ist, wenn ich ihn brauche. Ich will jemanden aus Südtirol oder aus Neuseeland (lacht). Oder wenn jemand bereit wäre, bis nach Südtirol zu ziehen, dann gerne.

Wenn du es dir aussuchen könntest: Wie willst du in zehn Jahren leben?

Das ist ziemlich einfach. In einer Beziehung mit einem Südtiroler auf einer verlassenen Almhütte. Mit Kühen, Schafen, Ziegen. Ich weiß nur noch nicht, wie man da Geld verdienen kann (lacht). Vielleicht ein Almbusiness aufbauen. Ich mag es unkompliziert und eine Alm wäre ein Traumhaus. Vielleicht will ich sogar Kinder, aber nicht schon in zehn Jahren.

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