Christian (18) aus Erkrath

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Christian (18) aus Erkrath
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Neues Jahr, ein neuer dbna'ler des Monats. Im Januar spricht Christian (18) aus Erkrath über den Umgang mit seinem Schwulsein und Netzbekanntschaften.

Christian, wann und wie hast du selbst festgestellt, dass du auf Männer stehst?
Christian: Das ist noch gar nicht so lange her. Vor etwas weniger als zwei Jahren ist es mir so richtig bewusst geworden. Das heißt, ich habe es immer schon gewusst (wie wahrscheinlich der größte Teil meiner Verwandtschaft und Freunde), aber mir nicht wirklich Gedanken darüber gemacht, es war mir egal.

Erst als ich das erste Mal so richtig in einen Jungen verliebt war, ist mir aufgefallen, dass bei mir etwas anders ist als bei den anderen Jungs. Es kam von heute auf morgen, dass ich es gemerkt habe, dieser Prozess der Auseinandersetzung mit meiner Homosexualität blieb also irgendwie aus aber vielleicht ist das ja auch ganz gut so.

Bei wem hast du dich zuallererst geoutet?
Christian: Als allererstes habe ich mich bei der Mitarbeiterin in meiner christlichen Jugendgruppe geoutet. Wir kennen uns seit ich 8 Jahre alt war und sie weiß so gut wie alles über mich. Ich habe ihr immer von meinen Problemen mit Mädchen erzählt, und obwohl sie fundierte Christin ist, hat sie mir damals Mut zugesprochen und mir gesagt, dass Gott mich trotzdem liebt.

Auf meinen Wunsch hin thematisierte sie Homosexualität in einer der nächsten Gruppentreffen ohne meine Anwesenheit, um alle Fragen klären zu können, ohne dass ich Probleme bekäme, und zu meiner Überraschung nahmen es alle sehr positiv auf.

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Wie war die Reaktion deiner Eltern, als du dich geoutet hast?
Christian: Meiner Mama habe ich es an Muttertag erzählt. Ich empfand es als den richtigen Zeitpunkt und bat sie um einen Spaziergang mit mir. Sie wusste direkt, dass ich ihr etwas sagen wollte, und hat mir auch bis zum Ende zugehört.

Wie viele Eltern hat sie lange Zeit gedacht, es ist nur eine Phase und das geht schon wieder vorbei. Aber mittlerweile glaubt sie da auch nicht mehr dran ich denke sie genießt es sogar mit mir durch Dekogeschäfte zu ziehen und Klamotten zu shoppen. Sie gibt sich auch viel Mühe und toleriert es, wenn ich jemanden mit nach Hause bringe, sie hat sogar angefangen, sich darüber zu informieren, wie sie mich unterstützen könnte. Das freut mich riesig und das hätte ich nie gedacht.

Mit meinem Vater habe ich nur ein kurzes Gespräch geführt. Er toleriert es, sagt aber nichts dafür und nichts dagegen. Er ist höflich und nicht abgeneigt, findet sich aber, glaube ich, nicht so richtig in der Rolle des Schwiegervaters eines Schwulen wieder. Immerhin habe ich seine Akzeptanz.

Wieso glaubst du, dass es gut ist, offen mit seiner Homosexualität umzugehen?
Christian: (lacht) Wieso ich das glaube? Ich weiß es. Ich habe so viele gute Erfahrungen mit meiner offenen Homosexualität gemacht. Es ist, als habe man einen Freibrief Dinge offen zu tun, die man sonst nicht tun dürfte, wie etwa anderen Jungs hinterherschauen. Früher habe ich mir oft Sprüche anhören müssen, mittlerweile kann ich sagen: "Ja, und? Problem damit?"

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass sich die meisten Leute sogar dafür interessieren, oft werde ich gefragt, wie ich es gemerkt habe und es macht riesen Spaß zusammen mit Freundinnen "Hot or Not" zu spielen, ohne sich verstecken zu müssen. Ich kann von mir behaupten, dass mir seit meinem Outing in Bezug auf meine Akzeptanz nur gutes passiert ist ich schließe aber natürlich nicht aus, dass da noch einiges auf mich zukommen kann.

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Du hast auch einige schlechte Erfahrungen gemacht, als du im Netz andere kennengelernt hast. Wieso bist du vorsichtiger geworden, was Netzbekanntschaften angeht?
Christian: Es ist doch so: Wir alle suchen irgendwo die große Liebe. Und wenn wir denken, wir haben sie gefunden, dann kann es nicht schnell genug gehen. Genau so ging es zumindest mir. Und mittlerweile habe ich gemerkt, dass eine ganze Menge Ruhe von Nöten ist, um den Richtigen kennenzulernen.

Ich habe einige Male am Bahnhof gestanden und niemand hat dort auf mich gewartet, oder aber ich habe einige schöne Stunden mit jemandem verbracht und dachte immer, jetzt funkt es gleich, nur hat es das leider nie. Da gehen schon einige Tränen drauf. Aber man macht so seine Erfahrungen und mit der Zeit findet man heraus, ob eine Person vertrauenswürdig ist oder nicht.

Was sollte aus deiner Sicht jeder berücksichtigen, wenn er über das Netz neue Menschen kennenlernt?
Christian: Das Wichtigste ist Zeit. Davon hat wahrscheinlich keiner von uns zu viel, aber es benötigt meinen Erfahrungen nach viel Zeit um eine Person kennenzulernen. Diese Zeit sollte man sich nehmen. Von der ersten Nachricht an. Vielleicht hat der andere ja Skype und eine Cam, dann fällt es einfacher ihn kennenzulernen.

Und ganz wichtig ist für mich: Das erste Treffen niemals bei einem zuhause. Ich denke, dass, wenn man sich an einem öffentlichen Ort trifft, wie etwa einem Café, man vor schlimmen Überraschungen geschützt ist, denn man kann sich dort frei entscheiden, ob man mit der Person mitgehen möchte oder nicht. Handgreiflichkeiten sind hier eher schwierig. Meiner Meinung nach sind das die wichtigsten Faktoren, wenn man Menschen über das Netz kennen lernt: Zeit und Sicherheit.

Zurück zu dir selbst, welche Charaktereigenschaft schätzt du an dir selbst besonders?
Christian: Ouh. Das ist eine schwere Frage finde ich. Ich denke, es ist gut, dass ich schnell auf andere zugehen kann und keine Ängste habe, meine Meinung zu sagen.

Was mir aber am wichtigsten ist, und das ist denke ich die Eigenschaft, die viele an mir schätzen: Ich habe eine gute Menschenkenntnis. Viele meiner Freunde bitten mich um Rat und oft weiß ich schon vorher, was los ist.

Ich kann gut zuhören und, wenn gewünscht, meine Meinung sagen. Ich glaube, das zeichnet mich aus. Es gibt nur wenige Menschen im Leben, die einem die Meinung sagen können, ganz frei und unverhüllt. Bei vielen meiner Freunde bin ich diese Person. Darauf bin ich sehr stolz.

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Und welche Charaktereigenschaft hättest du am liebsten gar nicht?
Christian: Ich bin überhaupt nicht spontan es muss alles durchgeplant sein bis ins kleinste Detail. Und läuft etwas anders als gewünscht: Seid lieber nicht in meiner Nähe.

Ich kann ganz schön egoistisch sein und wenn ich schlechte Laune habe, dann kann ich dafür sorgen dass der Rest des Raumes auch schlechte Laune bekommt.

Aber was ich am ehesten abschaffen würde, wenn ich könnte, wären die Eigenschaften, die mir selbst schädigen. Es passiert leider immer noch zu oft, dass ich zu schnell zu viel Energie an Jungs verschwende, die es nicht wert sind. Und irgendwie lerne ich, was das angeht, auch nicht dazu. Aber das wird schon noch.

Stell dir vor, du lernst einen gut aussehenden und charmanten Jungen kennen. Ihr versteht euch beim ersten Date super und es bestünde die Aussicht auf mehr. Würdest du Sex beim ersten Date dennoch konsequent ausschließen?
Christian: Nein. Ganz klar. Dafür bin ich erstens viel zu vertrauensselig, denn wenn ich mich mit einem Jungen treffe, dann weil ich ihn interessant finde und mir mehr vorstellen kann. Kommt also das Angebot von seiner Seite, nehme ich das eher als Ehre auf und als positives Zeichen.

Sicherlich kommt es aber auch darauf an, in wie weit ich in dem Moment dazu bereit bin. Sex beim ersten Date ist um Himmels Willen kein Muss und sollte wirklich ein Beweis von Zuneigung sein, und kein Hin-und-her-Geschrubbe ohne jegliches Interesse von beiden Seiten.

Gehen wir ein Stück in die Zukunft: Wie stellst du dir dein Leben in zehn Jahren vor?
Christian: Da habe ich gar keine Vorstellung von. Zehn Jahre? Dann bin ich 28. Wer weiß, was da noch alles passieren wird. Ich habe so viele Pläne und weiß nicht, welchen davon ich durchziehen werde und welchen nicht. Auslandsaufenthalt, eigene Wohnung, Ausbildung, Studium, Partner finden, Kinder adoptieren, es wird so viel kommen. Ich lasse mich, glaube ich, einfach darauf ein. Im Frühjahr werde ich mich bewerben und dann sehen wir mal weiter. Festlegen kann ich mich da irgendwie nicht.

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Weitere Quellen: Istockphoto.com/da-kuk