Davide (21) aus Münchenstein

Fabian Schäfer Von Fabian Schäfer
Davide (21) aus Münchenstein
Davide

Der Schüler aus der Schweiz weiß, welche Vor- und Nachteile es hat, mit seinem Freund zusammenzuwohnen. Außerdem erzählt er über sein Hobby, die Pfadfinder, und erklärt, wieso er Kussfotos mit seinem Exfreund nicht von Facebook löschen will.

Dein größtes Hobby sind die Pfadfinder. Was macht man da überhaupt?

Die Leiter, also so ab 16 oder 17, treffen sich jeden Montagabend. Dann besprechen wir, was wir mit den Kindern machen. Denn samstags treffen wir uns mit ihnen. Da gibt es verschiedene Stufen: Von sechs bis zehn Jahren nennen wir sie "Wölfli" und von elf bis 16 dann "Pfadis". Als Leiter bin ich für die Kleineren zuständig. Wir vermitteln ihnen, wie Pfadfinder sein müssen.

Wie denn?

Sie zeigen Respekt, helfen sich gegenseitig. Da geht es um persönlichen Fortschritt und Kompetenzen, etwa wie man mit anderen umgeht. Die Jüngeren lernen auch noch praktische Sachen, etwa wie man Spuren liest oder Blätter im Wald erkennt. Später lernt man Techniken, zum Beispiel Knoten, Zelte aufbauen oder mit Holz bauen.

Dein Pfadfinder-Name lautet Smiley. Wie kam es denn dazu?

Weil ich so viel lache natürlich und immer fröhlich bin (lacht). Außerdem habe ich eine Narbe in einer Lachfalte, die ich mir bei den Pfadfindern geholt habe. Und ein Leiter hat gesagt, ich bin wie ein Smiley: Zu viele davon auf einmal nerven (lacht).

Du bist in einer reinen Jungsabteilung. Bist du da geoutet?

Klar, bei den Leitern schon. Mein Exfreund ist ja ein Mitleiter von mir. Von den Pfadfindern wissen es auch ein paar, aber bei den Kleinen spreche ich das nicht an. Die anderen Leiter wussten es schon, als ich dorthin kam. Ein Freund von der Schule war vorher schon dabei und hat gefragt, ob er ihnen denn sagen darf, dass ich schwul bin. Es hat niemand ein Problem dort. Wir umarmen uns zur Begrüßung, wir sind wie eine kleine Familie.

Davide
Davides Freund hat nach knapp vier Jahren die Beziehung beendet.

Davides Freund hat nach knapp vier Jahren die Beziehung beendet.

Und wie war das Coming-out in deinem restlichen Umfeld?

Ich habe mich so mit 15, 16 geoutet. Bei den Mädchen war das nie ein Problem. Die sagen ja eher, "ah, das ist so toll!" (lacht). Einigen Jungs habe ich es mal in einem Lager erzählt, als wir alle in einem Zimmer waren. "Hey, ihr kennt mich jetzt, ich muss euch was sagen", habe ich gesagt. Auch das war kein Problem. Mehr aus Spaß hat einer dann gesagt, solange ich ihn nicht anfasse, sei alles egal.

Lief es bei deiner Familie auch so reibungslos?

Da ist es schon etwas komplizierter. Meine Eltern sind getrennt. Meine Mutter wusste es schon immer. So mit 13 habe ich ihr ein Foto gezeigt von einem Jungen. Und den magst du?, hat sie gefragt. Ich musste ihr nie sagen "Mama, ich bin schwul", weil sie das immer gewusst hat. Schon mit zehn oder elf hat sie zu mir gesagt, wenn ich sie besuche, soll ich meine Freundin oder meinen Freund mitnehmen. In dem Alter findet man das natürlich total komisch.

Das klingt ja erst einmal total gut

Ja, nur bei meinem Vater war es ein bisschen eine blöde Geschichte. Einmal, so mit 16, hat mich nach der Schule eine Gruppe Jungs abgefangen. Die haben mir vorgeworfen, ich hätte eine Freundin zum Rauchen gezwungen. Das hat aber nicht gestimmt. Die haben mich dann zusammengeschlagen. Als ich heulend und mit Schmerzen nach Hause kam, bin ich sofort auf mein Zimmer gegangen. Mein Vater kam und fragte, was los sei. Meine Stiefmutter hat sich neben mich aufs Bett gesetzt und mich in den Arm genommen. Dann habe ich es ihnen erzählt und meinte, dass es vielleicht auch einen anderen Grund haben kann. Meine Stiefmutter hat dann von sich aus gefragt, ob es passiert ist, weil ich schwul bin. Da habe ich Ja gesagt. So haben sie es erfahren.

Wie haben die beiden denn darauf reagiert?

Meine Stiefmutter total gut. Mein Vaterich sage immer, er ist ein typischer Italiener, da ist es immer noch schwieriger. Er hatte vor allem Angst, was aus mir wird und so weiter. Meine Stiefmutter hat dann aber dafür gesorgt, dass er sich damit auseinandersetzt. Heute hat er gar kein Problem damit. Er mochte auch meinen Exfreund total gerne.

Genau, dein Exfreund. Wie habt ihr euch denn kennengelernt?

Wir haben uns 2011 übers Internet kennengelernt. Einen Monat, bevor ich 17 wurde, kamen wir dann zusammen. 

Davide
Sein Coming-out war sowohl bei Freunden als auch in der Familie eigentlich kein Problem. Nur sein Vater hat anfangs nicht so gut reagiert.

Sein Coming-out war sowohl bei Freunden als auch in der Familie eigentlich kein Problem. Nur sein Vater hat anfangs nicht so gut reagiert.

Und knapp ein Jahr später bist du schon zu ihm gezogen, oder?

Ja, nach 15 Monaten Beziehung bin ich zu Hause ausgezogen und zu ihm und seinem Vater gezogen. Knapp ein Jahr später bin ich dann in eine eigene Wohnung gezogen, weil er ins Militär musste. Als er nach vier Monaten seinen Militärdienst beendet hatte, zog er bei mir ein. Vergangenen Februar zog er dann aus, weil wir uns getrennt haben.

Wie war es, so früh schon mit seinem Freund zusammenzuwohnen?

Es war auf eine Art toll, weil ich jeden Tag mit ihm zusammen sein konnte. Aber es war auch komisch, weil man sich auf einmal um den ganzen Haushalt kümmern muss. Ich war Schüler und er war in der Lehre. Als Konditor musste er immer sehr früh aufstehen und hatte nachmittags frei. Da war ich aber noch in der Schule, also haben wir uns vor allem abends gesehen.

Was sind für dich Vor- und Nachteile vom Zusammenwohnen?

Man sieht sich sehr oft und kann so seine Zeit besser planen. Ich musste nicht mehr hin- und herfahren, das spart natürlich Zeit. Aber man lernt auch andere Seiten vom Partner kennen, sowohl positive wie negative (lacht). Er hat zum Beispiel immer seine Joghurtbecher stehen lassen (lacht). So Alltagssachen halt. Und man freut sich mit der Zeit gar nicht mehr, sich zu sehen. Vor allem am Schluss dachte ich mir, dass er ja sowieso zu Hause ist da ist keine Vorfreude mehr.

Wieso habt ihr euch denn getrennt?

Es war sehr komisch. Wir hatten eine Diskussion und ich fragte ihn, ob er denn überhaupt noch mit mir zusammen sein will. "Eigentlich nicht", hat er geantwortet. Er hatte den Mut nicht, mir das zu sagen. Das ist klar, es ist schwer das nach fast vier Jahren zu sagen, da bin ich ihm nicht böse. Dann saßen wir heulend auf dem Sofa und meine beste Freundin kam vorbei, um uns beide zu trösten.

Wie hast du dich danach gefühlt?

Natürlich scheiße. Aber nein, es war nicht plötzlich, es hat sich abgezeichnet. Es waren schöne vier Jahre, und ich bereue es überhaupt nicht.

Davide
Die Arbeit mit Kindern macht Davide besonders viel Spaß. Deshalb will er Primarlehrer werden.

Die Arbeit mit Kindern macht Davide besonders viel Spaß. Deshalb will er Primarlehrer werden.

Auf Facebook findet man immer noch Kussfotos von euch beiden

Ich wollte mir nicht die Mühe machen, die zu löschen. Ich habe mir zwar schon Gedanken gemacht, aber es war eine schöne Zeit. Wieso sollte ich das löschen? Es ist mühsam, den Fotos nachzuspringen. In vier Jahren haben wir viel gemacht, da gibt es eben Fotos und Status. Ich selbst sehe sie ja nicht so oft (lacht).

Und er ist ja auch noch bei den Pfadfindern

Ja, im vergangenen November trat er ein. Davor hat er oft in den Lagern für uns gekocht und hatte Spaß dabei, also wollte er auch mitmachen. Die anderen wussten, dass wir zusammen waren, und es gab keine Probleme.

Wie ist das, wenn ihr euch heute seht?

Anfangs haben wir unseren Kontakt nur auf die Pfadfinder beschränkt. Wir sind jetzt im Freundschaftsaufbau. Es war sehr komisch am Anfang. Im Lager will ich zum Beispiel nicht neben ihm schlafen. Unsere Mitleiter haben uns gut geholfen. Einer hat zum Beispiel gesagt: Wenn wir uns dort streiten, muss eben einer gehen. Ich versuche, da professionell zu sein und trenne das. Außerhalb streiten ist okay, aber wenn wir uns dort sehen, sind wir lieb zueinander. Das schaffen wir sehr gut, sagen die anderen.

Du beendest ja im Dezember die Schule. Was hast du danach für Pläne?

Von Januar bis Oktober suche ich mir ein Praktikum an einer Primarschule, also der schweizerischen Grundschule, wo man die erste bis sechste Klasse macht. Denn ich will drei Jahre Pädagogik studieren und Primarlehrer werden. Danach muss ich zum Militär, denn in der Schweiz haben wir noch eine Wehrpflicht. Entweder man geht für etwa vier Monate in die Rekrutenschule und dann jedes Jahr bis man 30 ist wieder für drei Wochen. Ich aber mache das sogenannte Durchdienen. Ich gehe von Oktober 2016 bis September 2017 ins Militär und danach nicht mehr. Man wird da in eine Abteilung eingeteilt, aber man darf auch Wünsche äußern. Ich werde Sanitäter, das hilft mir wenigstens im Leben weiter, im Gegensatz zum Schießen an der Front.

Hast du denn Respekt vor dieser Zeit?

Nein, überhaupt nicht. Im Militär kann man in Arrest kommen, wenn man andere diskriminiert, weil sie zum Beispiel schwul sind. Da mache ich mir keine Sorgen. 

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