dbna'ler des Monats: Michael (17) aus Bad Dürkheim

Fabian Schäfer Von Fabian Schäfer
dbna'ler des Monats: Michael (17) aus Bad Dürkheim

Michael/privat/dbna

Der Zehntklässler macht bald seinen Realschulabschluss und fängt dann eine Ausbildung zum Zahnarzthelfer an. Im Interview erzählt er, wieso es ihn nicht stört, einen typischen Frauenberuf zu haben, und wie ihm seine lesbische Schwester beim Coming-out geholfen hat.

Michael, bald bist du fertig mit der Schule. Wie gehts dann weiter?

Seit zwei Monaten steht fest, dass ich eine Ausbildung zum zahnmedizinischen Fachangestellten mache. Das ist mein Traumberuf! Meine Schwester ist auch Zahnarzthelferin und als ich in den Ferien bei ihr war, habe ich in ihrer Praxis ein Praktikum gemacht. Drei Wochen lang habe ich die verschiedenen Bereiche kennengelernt und ich war begeistert, was meine Schwester so erzählt hat.

Stört es dich, dass das ein typischer Frauenberuf ist?

In ganz Rheinland-Pfalz gibt es nur drei oder vier Männer, die als Zahnarzthelfer arbeiten, hat mir mein Ausbilder gesagt. Aber das hat mich nicht davon abgehalten. Auch wenn ich der einzige Junge in der Berufsschulklasse bin, stört mich das nicht. Die Mädchen lieben mich sowieso alle (lacht). Außerdem sind Zähne was total Interessantes. Und ich will Menschen helfen.

Michael/privat/dbna

Dass seine Schwester lesbisch ist, hat ihm auch beim Coming-out geholfen.

Dass seine Schwester lesbisch ist, hat ihm auch beim Coming-out geholfen.

Engagierst du dich deshalb auch in der Schülervertretung und als Streitschlichter?

Ja, genau. In der Schülervertretung machen wir verschiedene Projekte, zum Beispiel, um das Schulhaus schöner zu machen. Ein anderes Projekt ist die Kioskerweiterung, weil viele Schüler finden, dass es da zu wenig Auswahl gibt. In der siebten Klasse habe ich außerdem freiwillig eine Ausbildung zum Streitschlichter gemacht. Da lernt man zum Beispiel, welche Fragen man stellen sollte, damit die Streitenden möglichst viel erzählen, und um so den Streit zu schlichten. Ich will verstärkt denen helfen, die gemobbt werden. Ich kann das nicht mitansehen, weil ich es selbst an meiner alten Schule erlebt habe.

Wann hat das angefangen?

Es ging in der dritten Klasse los. Nach dem Schulwechsel war es anfangs okay, aber dann haben meine Freunde eher Scheinfreunde angefangen, mich zu mobben. Ich wusste nicht, warum. Ich habe mich einfach ruhiger verhalten als die anderen. Ich bin zu den Lehrern gegangen, aber die haben nichts gemacht, die haben mir nicht geglaubt. Die waren einfach nicht fähig, damit umzugehen. Dann sind wir nach Rheinland-Pfalz gezogen, als ich 13 war. Das war das Beste, was mir passiert ist! Das Mobbing hat aufgehört und ich habe eine Klassengemeinschaft und eine Schule, wie ich sie mir geträumt habe. Die Lehrer achten wirklich darauf, dass es allen gut geht.

Du bist öfter umgezogen. Fandest du das nicht anstrengend?

Im Gegenteil! Gerade der letzte Umzug war das Beste überhaupt. Ich konnte davor einfach nicht mehr, ich war seelisch am Ende. Auch wenn ich für die Ausbildung in meiner Region bleibe, will ich danach zurück nach Köln ziehen. In der Nähe habe ich meine Kindheit verbracht und meine Schwester lebt auch dort. Das ist die Stadt, in der ich mich wohlfühle.

Michael/privat/dbna

Es sei eine große Erleichterung gewesen, einfach mal zu heulen, sagt er über die Zeit nach der Trennung.

Es sei eine große Erleichterung gewesen, einfach mal zu heulen, sagt er über die Zeit nach der Trennung.

Ist es schwer für dich, als schwuler Jugendlicher auf dem Land zu leben?

Bad Dürkheim ist eine Kurstadt, und die ist für Rentner schön, so mit Bergen und Wein und so (lacht). Aber für Jugendliche ist da nichts. Da hat mir dbna viel geholfen, aber auch durch Freunde und Bekannte habe ich andere Schwule kennengelernt. Über dbna habe ich auch meinen ersten richtigen Freund kennengelernt, die erste große Liebe.

Aber ihr seid nicht mehr zusammen?

Nein, seit Dezember nicht mehr. Bis letzten Monat war das noch ziemlich unerträglich für mich. Da bin ich echt dankbar über meine beste Freundin, die mich unterstützt hat. Ich habe tagelang nur noch geheult und wollte von niemandem was wissen. Davor habe ich noch nie einem Jungen hinterhergeheult. Aber das war eine so große Erleichterung, einfach geheult zu haben. So befreiend, und da war sie für mich da.

Bist du über die Trennung hinweg?

Ich habe in der Beziehung gemerkt, wie sehr ich mich vor anderen verstelle. Ich bin bei allen anders, und das hat mir wieder gezeigt, dass ich einfach so sein sollte, wie ich bin. Wenn die Menschen mich so nicht nehmen, haben sie Pech gehabt. Ich würde mich jetzt schon wieder über einen Freund freuen, aber ich suche nicht danach. Wenn einer kommt, dann kommt er.

Michael/privat/dbna

Früher wurde Michael gemobbt. In seiner neuen Schule hat das zum Glück aufgehört.

Früher wurde Michael gemobbt. In seiner neuen Schule hat das zum Glück aufgehört.

Deine Schwester ist lesbisch. Hat das dein Coming-out leichter gemacht?

Als meine Schwester sich geoutet hat, war ich so zehn oder elf, da habe ich das natürlich mitbekommen. Ich denke, deswegen war es leichter für mich, zu erkennen, dass ich schwul bin. Aber das Coming-out bei meinen Eltern fand ich trotzdem schwierig. Ich war mit 13 in einen Klassenkameraden verliebt, aber er war hetero. Meine Mutter hat mitbekommen, dass ich mich immer mehr zurückgezogen habe. Dann habe ich ihr einfach ins Gesicht gesagt, dass ich schwul bin. Sie hat sich das schon gedacht, hat sie gesagt. Sie meinte, sie bekomme jetzt zwar keine Enkelkinder, aber sonst ist alles gut.

Und in der Schule?

Ich habe es damals einer Freundin gesagt und sie hat es in der ganzen Schule weitererzählt. Das hat mich ziemlich fertiggemacht, weil ich ihr vertraut habe. Am Anfang war es schwer, weil das natürlich Thema war bei allen, aber das hat sich dann schnell abreagiert.

Was hat dir noch beim Coming-out geholfen?

Es klingt vielleicht komisch, aber Haarefärben hat mir damals geholfen. Meine Freundinnen und ich haben uns unsere Haare in den buntesten Farben gefärbt. Blau, grün, rot, neonpink und so. Das hilft abzulenken und die Stimmung auszudrücken. Man sollte das einfach mal gemacht haben, um das zu verstehen. Man braucht Selbstbewusstsein dafür. Und auch wenn ich eigentlich nie viel hatte, war mir das immer egal. Weil ich mich wohlgefühlt habe. 

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