dbna’ler des Monats: Jan (20) aus Hannover

dbna’ler des Monats: Jan (20) aus Hannover

dbna/Jan

Der Student bezeichnet sich selbst als Spätzünder. Er hat sich erst geoutet, als er von zu Hause ausgezogen ist, und so richtig verliebt war er auch noch nie. Sein Coming-out hat er dagegen schon hinter sich. Das war aber unfreiwillig: Ein Studienfreund hat es einfach so Jans Clique aus der Heimat erzählt.

Jan, du sagst von dir selbst, du seist ein Spätzünder. Wieso?

Ich habe wirklich lange gebraucht, um zu akzeptieren, dass ich schwul bin. Bis ich 17 war, habe ich keinen Gedanken daran verschwendet. Ich habe einen relativ engen Freundeskreis aus Jungs und da kamen dann typische Jungs-Fragen auf. Titten oder Arsch? Wen findest du gerade gut? Ich konnte da nie Antworten drauf geben. Irgendwann habe ich festgestellt, dass ich anders bin. Dann ging die Selbstfindungsphase los. Ich habe sehr viel gegooglet und mir Videos auf YouTube angeschaut. Ich habe gemerkt, dass ich mich eher zu Jungs hingezogen fühle und ihnen eher hinterherschaue. Bis ich 18 war, war ich gänzlich ungeküsst. Diese Coming-out- und Selbstfindungs-Phase hatte ich nicht wie andere zwischen 14 und 16, die ging bei mir erst mit 17 los.

Jayen
Jayen, 20

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Das fiel mit der Zeit zusammen, als du von zu Hause ausgezogen bist. Was hatte das damit zu tun?

Ich bin dann ja an die FH gegangen, habe völlig neue Leute kennengelernt, hatte ein neues Leben. Da habe ich keine Maske aufgesetzt, sondern war von Anfang an so, wie ich einfach bin. Ich wollte kein Versteckspiel mehr. Meine Kommilitonen haben mich auch wirklich gut aufgenommen. Und es war schon so, dass mir die Anonymität in der Großstadt viel gebracht hat. Ich musste nicht auf jeden Blick achten. An der FH habe ich dann auch meinen ersten schwulen Kontakt kennengelernt.

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Das heißt, du kanntest keinen anderen Schwulen, bevor du 18 warst?

Genau, so war es. Ich wurde davor einfach nie damit konfrontiert. Ich habe mich auch erst einen Monat vor meinem Umzug nach Hannover bei dbna angemeldet. Am allerersten Studientag haben sich alle in einem großen Hörsaal versammelt. In meinem Studiengang sind wir nur etwa 20 Prozent Jungs – und davon ist sicher die Hälfte schwul (lacht). Mich hat dann jemand angesprochen und so kam das ins Rollen. Ich war neugierig, weil ich endlich Leute hatte, mit denen ich mich austauschen konnte. Das hat mir auch echt sehr viel gebracht. Mit einem – Tobias* – konnte ich mich besonders offen unterhalten. So gut, dass er irgendwann besser über mich Bescheid wusste als meine Freunde in der Heimat.

Das wurde dann aber zu einem Problem…

Ja, als mein bester Kumpel Jonas* von daheim vor etwa einem Jahr auch nach Hannover gezogen ist. Er hat Tobias kennengelernt, weil er im selben Wohnheim gewohnt hat. Die beiden haben sich super verstanden. Als Jonas seinen Geburtstag gefeiert hat, waren nicht nur meine ganzen Kumpels aus der Heimat dabei, sondern auch Tobias. Ich konnte nicht da sein, weil ich im Urlaub war. Ich weiß, dass Tobias sehr offen ist und kein Problem hat zu erzählen, dass er schwul ist. Ich habe dann zu ihm gesagt, dass er mich aus dem Spiel lassen soll. Ich war eben noch nicht so selbstsicher und meine Kumpels wussten noch nichts. Er meinte, er verstehe das und würde sich zusammenreißen.

Hat er sich daran gehalten?

Ich habe dann abends im Bett gelegen, als mir ein Kumpel, der beim Geburtstag war, schrieb, dass ich dort gerade das Gesprächsthema Nummer Eins sei, weil Tobias am Plaudern ist. Ich hatte einen Schweißausbruch des Todes, hatte richtige Tränen in den Augen. Ich hatte das Gefühl, ich verliere die Kontrolle über das Thema. Ich war so unvorbereitet – und einfach traurig und enttäuscht von Tobias. Ich wusste nicht, wie meine Kumpels reagieren

Wie haben sie denn reagiert?

Wir haben das Thema totgeschwiegen, obwohl es ein offenes Geheimnis war. Wir haben nicht weiter darüber geredet. Das hat mich bedrückt, weil ich dachte, sie sehen mich vielleicht mit anderen Augen. Im Herbst waren wir alle bei mir und ich dachte mir, ich könnte es auch „offiziell“ sagen. Es ging mir schwer über die Lippen, aber meine Kumpels haben einfach gesagt: Jan, wir lieben dich. Sie gehen super offen damit um. Ihnen war einfach wichtig, dass ich es ihnen selbst sage. Ich war total erleichtert.

Kurz danach hast du auch deinen Eltern gesagt, dass du schwul bist.

Ich hatte davor richtig Angst und ich war froh, dass ich es zuerst meinen Freunden gesagt habe. Ich wusste, ich habe jemanden im Rücken. Ich habe es monatelang vor mir hergeschoben. Am Mittagstisch wollte ich es dann meiner Mutter sagen, aber es fiel mir schwer. Dann habe ich gesagt, dass wir doch über alles reden könnten, oder? Als sie Ja geantwortet hat, habe ich gesagt, dass ich schwul bin. Ach, solange es nur das ist, war ihre Antwort (lacht).

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Wieso hast du dir davor so viele Gedanken gemacht?

Weil sie immer gesagt hat, dass sie sich so freut, wenn ich heirate und wenn sie Enkel bekommt. Sie hat meine Zukunft geplant, was mir Ängste bereitet hat. Ich wollte sie nicht enttäuschen. Sie hat es sich nicht anmerken lassen, aber in dem Moment war sie auch irgendwie enttäuscht. Aber heute geht sie super offen damit um. Sie hat mir in dem Gespräch vermittelt, dass alles in Ordnung ist.

Drei Wochen später hast du es auch deinem Vater erzählt.

Das war eine ähnliche Situation. Wir saßen auf der Couch und es ging mir einfach nicht über die Lippen. Zitternd habe ich es dann gesagt. Ach Mensch, wirklich – das war seine Antwort. Dann hat er mir auf die Schultern geklopft und ist schlafen gegangen. Am nächsten Tag bin ich nach Hannover gefahren. Und in derselben Woche hat er mir eine ganz lange E-Mail geschrieben, dass er immer für mich da ist. Die habe ich während einer Vorlesung gelesen und ich habe ein bisschen angefangen zu heulen. Das war ein inniger Moment mit meinem Vater, auch wenn es nur eine Mail war.

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Hattest du jemals Probleme, weil du vergleichsweise unerfahren bist?

Ja, anfangs schon. Ich bin ein wirklich sehr offener Typ und erzähle dann eben auch, dass mein Coming-out später war. Für viele ist das kein Problem. Aber ich hatte noch nie einen Freund, obwohl ich mir den sehnlichst wünsche. Diese Unerfahrenheit belastet mich schon ein bisschen. Viele erzählen immer von ihrem ersten, zweiten und dritten Freund, während ich ein Spätzünder bin, der noch keinen hatte. Aber ein Treffen deshalb abgesagt hat noch keiner (lacht). Ich war auch noch nie richtig verknallt. Ich wünsche mir das Gefühl, für jemanden das Wichtigste zu sein, immer jemanden zu haben, der für einen da ist, und an jemanden gebunden zu sein.

Vor zwei Wochen warst du auf deiner ersten Schwulenparty. Wie hats dir gefallen?

Ich war total positiv überrascht! Die Leute waren so unglaublich offen und alle haben miteinander gefeiert. Ich dachte erst, alle beäugen sich und jeder schaut nur, wen er mit nach Hause nehmen kann. Aber es ging den meisten wirklich nur ums Feiern. Da waren echt viele coole Leute. Und ich musste mir nicht bei jeder Tanzbewegung überlegen, ob ich jetzt „schwul“ tanze, ich konnte einfach sein, wie ich bin. Das war auch eine Erfahrung, die wichtig für meine Selbstakzeptanz war.

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Mit einem Freund betreibst du den Blog Listen2 – worum geht’s da?

Wir sind unglaubliche Musik-Nerds und wir glauben, dass wir ein gutes Gespür haben, was im Rap-Game so abgeht. Viele denken bei Deutsch-Rap ja nur an die 187-Strassenbande, Bushido oder Kollegah. Aber wir finden, dass es so viele Künstler gibt, die unter dem Radar sind. Goldroger, Haiyti oder Chima Ede zum Beispiel. Wir wollten einfach gerne darüber schreiben, was uns gefällt. Das ist vor allem lyrisch guter Rap mit einer Aussage und Atmosphäre. Einmal in der Woche stelle ich den Track der Woche vor, also den Track, den ich am meisten höre. Wir wollen den Künstlern, die echt nice Musik machen, was zurückgeben und ihre Arbeit wertschätzen. Genauso schätzen die Künstler es auch wert, wenn wir uns die Zeit nehmen und extra für sie einen Beitrag verfassen. Wir haben schon viel Feedback aus der Szene bekommen.

Du hörst nicht nur gerne Musik, du reist auch gerne. Nach dem Abi warst du einen Monat lang mit Interrail unterwegs. Wo wart ihr?

Zwei Freundinnen und ich haben uns zusammengesetzt. Dann durfte jeder eine Stadt aussuchen, in die wir wollen. Für mich war es Venedig, für die anderen Belgrad und Prag. Dann bietet es sich ja an, durch Osteuropa zu reisen, dachten wir uns. Wir hatten nur einen groben Plan. Wie lange wir wo bleiben, haben wir von Tag zu Tag entschieden. Von Venedig sind wir dann durch Slowenien nach Zagreb gefahren, dann nach Belgrad, Sofia, Budapest und dann nach Prag. Nach vier Wochen ging es dann zurück. Das war nicht einfach, aber wir haben das super hinbekommen. Ich erinnere mich echt gerne daran zurück. Wir waren komplett auf uns alleine gestellt. Wenn mal was schiefgeht können Mama und Papa dich nicht mal eben so einfach abholen. Und man lernt tolle Leute kennen. Während einer 26 Stunden langen Fahrt haben wir uns mit einem Dänen, zwei US-Amerikanern, einem Österreicher und einem Serben ausgetauscht und die ganze Nacht Brandy getrunken, den der Däne dabeihatte. Zu einigen von dieser legendären Zugfahrt pflege ich auch heute noch den Kontakt. Das war eine richtig coole Erfahrung. Ich kann das nur jedem empfehlen. 

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