dbna’ler des Monats: Jeff (19) aus Bietigheim-Bissingen

Fabian Schäfer Von Fabian Schäfer
dbna’ler des Monats: Jeff (19) aus Bietigheim-Bissingen

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Jeff wusste früh, dass er Jungs mag. Als er sich in der Schule outen wollte, war sein Bruder aber schneller: Auch er hat sich als schwul geoutet. Also hat Jeff sich für einen anderen Weg entschieden.

Jeff, du wusstest schon früh, dass du schwul bist. Wie hast du das gemerkt?

Das war irgendwann in der vierten Klasse. Damals war ich über Silvester bei meinem besten Freund. Da haben wir über alles Mögliche geredet, unsere Lieblingsspiele, Hausaufgaben. Dann ist sein Vater reingekommen und hat gefragt, ob wir über Mädchen reden. Das war irgendwie witzig und als er gegangen ist, haben wir wirklich über Mädchen gesprochen. Mein bester Freund hat die typische Frage gestellt, ob ich denn in eine verknallt bin. Ich habe überlegt, aber mir ist keine eingefallen. Darüber habe ich lange nachgedacht. Als ich später den Begriff schwul gehört habe, konnte ich mich damit anfreunden, weil ich gemerkt habe, dass mich Mädchen wirklich nicht interessieren.

Das heißt, dein inneres Coming-out ist dir nicht schwer gefallen?

Nein, gar nicht. Ich fand es eigentlich sogar ganz cool. Mich hat nie interessiert, was andere Leute denken. Aber ich habe es anfangs doch noch für mich behalten.

Später wolltest du dich in der Schule outen, aber dir ist jemand dazwischengekommen…

Ich dachte, dass ich es nicht länger geheim halten möchte. Mein Bruder, der vier Jahre älter ist, war damals auf derselben Realschule wie ich. Als ich dann an dem Tag in die Schule kam, an dem ich mich outen wollte, kamen morgens schon ganz viele Leute zu mir und haben gefragt, ob ich es wusste. Ich wusste gar nicht, worum es geht. Dann habe ich erfahren, dass sich mein Bruder geoutet hat. Das hat mich irgendwie wie ein Schlag getroffen, obwohl es auch cool war, dass er auch schwul ist

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Du hast dich dann nicht geoutet?

Nein, weil dann wahrscheinlich alle gedacht hätten, ich mache das nur, um die Aufmerksamkeit von meinem Bruder auf mich zu lenken.

Hast du dann nochmal mit ihm darüber gesprochen?

Nicht direkt. Als ich mich dann geoutet habe, wusste er es von mir auch, und wir haben einfach so getan, als wäre es ganz normal.

Kommt ihr euch manchmal in die Quere?

Nein, definitiv nicht (lacht). Wir wollten auch schon mal zusammen auf Partys gehen und waren zum Beispiel beim CSD-Sommerfest in Stuttgart. Aber unser Geschmack liegt sehr weit auseinander. Er mag eher ältere und ich eher Jungs in meinem Alter. Wir verstehen uns sehr gut, aber dass wir beide schwul sind, ist nicht unser wichtigstes Thema. Als ich meinen allerersten Freund hatte und bei ihm übernachten wollte, kam er mit einer Banane und einem Kondom. Das war irgendwie ein witziges Aufklärungsgespräch. Ich bin froh, dass er mein großer Bruder ist.

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Du hast sonst keine weiteren Geschwister. Wie hat deine Mutter reagiert?

Mein Bruder war bei seinem Coming-out ein bisschen älter als ich, da fand meine Mutter das okay. Sie hat es akzeptiert. Bei mir hat sie gesagt, ich sei mit 15 vielleicht zu jung, um das zu wissen. Dass es nur eine Phase sein könnte und dass ich schauen sollte, wie das in einem Jahr ist. Neulich habe ich sie gefragt, ob sie immer noch glaubt, dass es eine Phase ist, und sie hat schlagartig "Nein!" gesagt und gelacht. Dass ich mich damals über Facebook geoutet habe, fand sie aber nicht so toll. Sie hat den Post gelöscht.

Du hast dich auf Facebook geoutet?

Ja, ich habe einen richtig langen Post geschrieben und mittendrin stand, dass ich schwul bin. Da haben sich dann ganz viele Klassenkameraden gemeldet und geschrieben, dass sie das toll finden. Am nächsten Tag in der Schule kamen ganz viele auf mich zu und haben gefragt, ob das stimme, sie hätten da was gehört. Da habe ich mich wie ein Star gefühlt (lacht). Eine negative Reaktion habe ich nicht bekommen

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Im Nachhinein sagst du, dass du dich bei deiner zweiten Beziehung mehr hättest anstrengen sollen. Inwiefern?

Wir haben uns auf dbna kennengelernt, wo ich erzählt habe, dass ich nach Stuttgart zur Schwulengruppe „Königskinder“ gehen wollte. Er wollte am selben Tag auch dorthin, dann haben wir uns dort zum ersten Mal gesehen. Wir haben ganz viel geredet und sind uns nähergekommen. Wir kamen zusammen, seine Familie hat mich auch super aufgenommen. Irgendwie hatte ich nach einer Weile aber das Gefühl, dass wir nicht zusammenpassen. Damals habe ich noch gedacht, dass vor allem gemeinsame Hobbys wichtig sind. Wir haben dann zwei, drei Stunden miteinander geredet. Wir haben ausgemacht, dass ich mich melden sollte, was ich aber nicht gemacht habe. Das war richtig gemein von mir und ich habe mich echt schlecht gefühlt. Für ihn war die Sache dann vorbei und er hat mich überall blockiert. Heute tut mir das sehr, sehr leid und ich würde mich gerne entschuldigen. Das war echt nicht okay von mir.

Für deinen dritten Freund wärst du fast nach München gezogen. Wie kam das?

Wir haben uns über eine App kennengelernt und ganz lange miteinander geschrieben. Als ich dann mit der Schule fertig war, kam er irgendwie auf die Idee, ich könnte mir doch bei ihm in München eine Ausbildung suchen. Ich dachte, das wäre keine schlechte Idee, und hatte dort sogar ein Vorstellungsgespräch und war beim Probearbeiten in einem Hotel. Mein Vater wollte mir sogar helfen, eine Wohnung zu suchen. Aber als es ernst wurde, habe ich mich gefragt, ob ich das wirklich will: Eine neue Stadt, neue Freunde, weit weg. Da habe ich kalte Füße bekommen. Ich habe das also gelassen. Mein Vater, das Hotel und natürlich er waren echt sauer

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Denkst du, das war die richtige Entscheidung?

Jetzt im Nachhinein bin ich zu 100 Prozent sicher. In so einer für mich schwierigen Situation hat er erst sein wahres Gesicht gezeigt. Er hat mich die ganze Zeit danach total doof angemacht. Ich bin froh, dass ich nicht umgezogen bin, und dann hätte ich erst dort gemerkt, wie er mit solchen Situationen umgeht.

Auf deinem Pulli steht „Say hey if you are gay“ – wie reagieren die Leute darauf?

Ich habe mir den einfach so gekauft, weil ich etwas wollte, womit man erkennt, dass ich schwul bin. Manchmal bekomme ich komische Blicke, aber die meisten finden das cool. Oft sehe ich, wie Leute das lesen, mich dann ansehen und lächeln. Aber „hey“ hat noch niemand gesagt. Hoffentlich ändert sich das bald.

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