dbna'ler des Monats: Vladi (18) aus Gelnhausen

Fabian Schäfer Von Fabian Schäfer
dbna'ler des Monats: Vladi (18) aus Gelnhausen

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Vladi zieht im Herbst für seine Ausbildung nach Frankfurt: Weg von den konservativen Eltern, die ihn nicht so akzeptieren, wie er ist. Seine Mutter hat sogar gesagt, er sei vom Teufel besessen und sollte eine Therapie machen. Weg von der Schule, in der er gemobbt wurde. Für die Zukunft hat er große Pläne: In 15 Jahren möchte er gerne zwei Kinder adoptieren.

Vladi, du hast mit deinem Coming-out keine guten Erfahrungen gemacht. Inwiefern?

Mit 16 habe ich mit einer Freundin darüber gesprochen. Sie hat mich ermutigt, meinen Eltern zu sagen, dass ich schwul bin. Sie sind orthodox, sehr gläubig und konservativ. Deshalb hatte ich Angst davor und konnte gar nicht sprechen, ich war den Tränen nahe. Ich habe zu meiner Mutter gesagt, dass wir reden müssen. Dann haben wir uns hingesetzt und ich meinte, dass ich auf Jungs stehe.

Wie hat sie reagiert?

„Nein, das glaube ich nicht“, hat sie geantwortet. „Du bist verwirrt, weil der Teufel in dir steckt. Du brauchst eine Therapie, deine Hormone spielen verrückt.“ Innerlich wusste ich, dass so eine Antwort kommt, aber als ich sie dann gehört habe, hat sie mich sehr verletzt. Danach hatte ich immer ein schlechtes Gefühl, als ich von der Schule nach Hause gegangen bin. Möchte ich überhaupt dahin, habe ich mich gefragt. Meine Familie war nicht so wie davor, ich habe mich nicht mehr wohl gefühlt.

Zwei Wochen danach hast du dich auch bei deinem Vater geoutet.

Ja, genau. Ich kam aus dem KUSS41, einem Frankfurter Jugendzentrum für queere Jugendliche, zurück nach Hause. Ich habe mir von dort Sticker mitgenommen, die hatte ich in meinem Portemonnaie gelassen. Das habe ich auf den Tisch gelegt und mein Vater hat gesehen, dass da eben etwas raushängt. „I’m the rainbow sheep in my family“ stand darauf. Das hat er kapiert und gefragt, ob ich schwul sei. Ja, habe ich gesagt. Dann ist er ausgerastet und hat gesagt, er würde keine Schwuchtel in seinem Haushalt großziehen. Seitdem haben wir kein gutes Verhältnis mehr zueinander. Ich kann kein normales Gespräch mit ihm führen.

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Du hast mit solchen Reaktionen deiner Eltern gerechnet – und trotzdem hast du dich geoutet. Wieso?

Ich habe es meinen Eltern angemerkt. Sie sind sehr gläubig und weiß, dass sie Vielfalt nicht unterstützen. Sie leben nach dem Klischee, dass der Mann arbeiten muss und die Frau in der Küche steht. Sie haben so ein altmodisches Denken im Kopf. Ich habe mich trotzdem geoutet, weil ich ein ehrlicher Mensch bin. Ich kann nicht gut lügen und habe immer ein schlechtes Gewissen, wenn ich nicht die Wahrheit sage. Ich bin zu der Zeit häufig ins KUSS41 gegangen. Meine Eltern haben gefragt, wo ich hingehe, und irgendwann wollte ich ehrlich sein.

Wie hat sich die Situation verbessert?

Ich habe mich auch bei meiner Tante geoutet. Die ist nur sechs Jahre älter als ich und eher in unserer Generation. Sie hat keine Vorurteile und ist ein sehr offener Mensch. Sie hat viel zum Guten gewendet. Es war toll von ihr, wie sie mit meiner Mutter – ihrer Schwester – darüber geredet hat. Sie hat sie über Homosexualität aufgeklärt. Jetzt reden wir zu Hause nicht mehr über das Thema. Das wird totgeschwiegen.

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Was hat dir in so einer schwierigen Situation noch geholfen?


Meine beste Freundin Christina, die mich immer motiviert hat, mich zum Lachen gebracht hat und mit mir getanzt hat. Wir haben das Leben zusammen genossen. Und ich konnte nach meinem Coming-out zwei Wochen bei ihr wohnen, als ich von zu Hause weg wollte. Ich habe da einfach meine Sachen gepackt und bin gegangen. Ich brauchte einfach Zeit für mich.

Du hattest nicht nur mit deinen Eltern Probleme, sondern auch in der Schule.

Ich bin nach der Mittleren Reife auf eine weiterführende Schule gegangen. Da wusste erst keiner, dass ich schwul bin, aber ich habe mich dann einem Mädchen anvertraut. Die hat es der ganzen Klasse erzählt. Die Jungs haben mich als Dreck behandelt, mich gedemütigt und gemobbt. Ich habe dann beschlossen, dass ich nach den Osterferien die Schule abbreche, weil ich mir das nicht gefallen lassen wollte.

Hast du keinem Lehrer davon erzählt?

Doch, unsere Deutschlehrerin war gleichzeitig Vertrauenslehrerin. Sie hat aber nur gesagt, dass ich da nicht hinhören soll. Zum einen Ohr rein, zum anderen raus, sowas. Aber das hat mir nicht wirklich geholfen. Dann dachte ich, wenn mir die Schule nicht hilft, dann sage ich Tschüss.

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Ab September machst du eine Ausbildung als Chemikant.

Genau, und ich habe mir extra eine gesucht, die in Frankfurt ist. Hier in Gelnhausen kennt sich jeder, aber ich möchte raus. Neue Leute kennenlernen, nicht immer angeguckt werden, untertauchen. Ich will auch ausziehen und hoffe, dass die Beziehung zu meiner Familie dann besser wird. Die Momente, wenn ich dann nach Hause komme, müssten wir genießen.

Sehnst du dich nach mehr Familie?

Ja, das kann man schon so sagen. Das Herzliche fehlt mir, einfach mal in den Arm genommen zu werden. Im Moment leben wir einfach nur nebeneinander her. Meine Eltern waren auch erst geschockt, als ich gesagt habe, dass ich ausziehen will.

Was hast du noch für Pläne für die nächste Zeit?

Erst einmal ausziehen und die Ausbildung anfangen. Für meinen ersten großen Urlaub von dem Gehalt möchte ich gerne in die USA reisen, nach Orlando oder New York. Die zwei Städte fand ich immer schon interessant. Später möchte ich vielleicht wieder eine Beziehung, aber gerade muss ich mich ein wenig ausruhen nach der Trennung und mich auf mich fokussieren. 

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Wieso habt ihr euch nach sieben Monaten getrennt?

Irgendwie waren da keine Gefühle mehr. Außerdem hat er an Fasching mit jemand anderem geknutscht, während ich auf ihn gewartet habe. Er hat mir das auch am selben Abend noch gesagt. Ich kann das Gefühl gar nicht beschreiben, das war so eine Leere in mir. Einmal ist keinmal, dachte ich mir, und habe ihm verziehen. Es lag auch nicht direkt daran, dass ich Schluss gemacht habe, aber ich musste viel aufopfern in der Beziehung. Irgendwann war das zu viel. Der Bundestag hat gerade erst beschlossen, dass Schwule und Lesben heiraten und Kinder adoptieren dürfen.

Könntest du dir das vorstellen?

Wenn ich bereit dafür bin, würde ich gerne heiraten und zwei Kinder adoptieren, einen Jungen und ein Mädchen. Das ist so in meinem Kopf festgenagelt als eins meiner Lebensziele. Ich habe auch zwei kleine Geschwister, um die ich mich gekümmert habe, da habe ich das kennengelernt und das hat mir gut gefallen. In später Zukunft möchte ich dann gerne selbst Verantwortung für ein Kind tragen. Aber alles zu seiner Zeit. Wer weiß, was in ein paar Jahren ist (lacht).

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