dbna'ler im Oktober

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Mik (22) aus Potsdam spricht über die Erkenntnis, schwul zu sein, und sein großes Hobby: Animation

Mik, wann und wie hast du selbst festgestellt, dass du auf Männer stehst?
Mik: Ich habe damals Tagebuch geschrieben. Lese ich heute darin, finde ich die ersten Schwärmereien für einen Jungen in der 5. Klasse. Da muss ich 11 gewesen sein. Bewusst darüber nachgedacht, ob ich nun schwul  oder bi bin, habe ich aber erst ein Jahr darauf. Ich verliebte mich nämlich das erste Mal mit 12 in einen Jungen, mit dem ich ein Jahr später dann auch mein erstes Mal hatte. Ich denke, spätestens da war mir klar, dass ich wohl nicht auf Mädchen stehe.

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Allerdings hatte ich damit auch nie ein Problem. Ich denke, es liegt einfach auch an meiner Erziehung. Mir wurde nie gesagt, schwul sein sei etwas Schlimmes, oder ähnliches, was in konservativen Familien ja leider selbst heute noch der Fall ist. Daher war es für mich eher eine Erkenntnis und kein Problem in dem Sinne.

Danach hatte ich zwar mit 14 nochmal etwas mit einem Mädchen, aber das hielt nicht wirklich lange. Wahrscheinlich hatte das auch mit dem Wechsel auf's Gymnasium zu tun. Man kommt in ein Alter, wo es einem wichtiger wird, was andere von einem denken. Das ist nicht gut, aber normal, denke ich. In diesem Alter möchte man halt Teil von etwas sein und nicht jemand, der allein dasteht. Da kann die Erziehung noch so liberal sein, das Umfeld spielt doch eine ziemlich große Rolle. Und wenn man dann durch einen Schulwechsel in ein komplett neues Umfeld kommt, möchte man sich eben anpassen.

Mein richtiges Coming-Out, als ich das erste Mal zu Freunden sagte "Jupp, ich steh auf Jungs" war dann mit 15, ein Jahr, nachdem ich "der Neue" war. Ich hatte neue Freunde gefunden und wusste, dass ich auf sie zählen kann, und dass sich niemand abwenden wird oder so was und ich lag richtig. Mit 16 "outete" ich mich dann vor meinen Eltern.

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Wie war die Reaktion deiner Eltern, als du dich geoutet hast?
Mik: Hmm... Dazu muss ich sagen, ich bin nicht hingegangen und habe gesagt: "Mama, Papa Ich muss euch etwas sagen!" Das ergab sich einfach so. Ich war damals in meinen besten Freund verliebt, und wir hatten eine, sagen wir sehr seltsame Art von Beziehung. Wie dem auch sei ich wollte ihn anrufen, Papa sagte: Nein". Ich sagte: "Ich will aber mein Schatz anrufen!" Mein Vater entgegnete, dass Jungs in meinem Alter eigentlich Mädchen "Schatz" nennen. Ich sagte: "Ich halt nicht. Mein Schatz ist ein Junge." - Und das war's.

Meine Mami hatte kein Problem damit. Zwischen uns hat sich nichts geändert. Sie hat es zur Kenntnis genommen und es war für sie normal. Frei nach dem Motto: "Okay, abgespeichert, weiter gehts." Mein Vater brauchte seine Zeit, was aber auch völlig in Ordnung ist. Schließlich darf man nie vergessen, dass man Eltern immer auch ihre Zeit geben muss. Nicht nur Eltern eigentlich allen Menschen in seinem Umfeld. Schließlich brauchte man selbst diese Zeit auch.

Mein Vater kam glaub ich 2 Wochen später dann mit einnem Sechserpack Bier in mein Zimmer und wir haben drüber gesprochen ganz klassisch, von Mann zu Mann. Dann war das Thema auch vom Tisch. Keine sehr spektakuläre Geschichte, aber darüber kann man, glaub ich, bezogen auf das Coming-Out, auch echt froh sein.

Gibt es eine Situation, eine Person oder einen Moment, über die/den du sagen würdest, das war bei deinem Coming-out deine Rettung?
Mik: Nein, damit kann ich leider nicht dienen, glaube ich. Ich hatte nie Probleme bei meinem Coming-Out. Meine Freunde fanden es toll, die Reaktion meiner Eltern war vollkommen in Ordnung und auch in der Schule gab es nie Probleme. Ich wurde meine gesamte Schulzeit über nie deswegen dumm angemacht oder so. Im Job genau so wenig. Ich weiß nicht. Es ging alles glatt, was nur glatt gehen konnte, von daher kann ich höchstens sagen, ALLE Personen in meinem Leben und um mich herum waren meine Rettung, denn sie bilden das Umfeld, das mich toleriert, akzeptiert, und nicht anders behandelt als vorher.

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Musik spielt in deinem Leben eine große Rolle, du bist auf youtube aktiv, mixst selbst und animierst auch. Wie bist du überhaupt dazu gekommen?
Mik: Es gibt auf Youtube eine Szene, die nennt sich die "Dubber"- oder auch "Fandubber"-Szene. Das sind Leute, die sich meist japanische Animes suchen, deren IT-Spur nachbauen, übersetzen und dann synchronisieren. Praktisch deutsche Synchronisation von Fans für Fans. Wie man sich denken kann, ist das alles nicht ganz legal, denn schließlich besitzen die "Dubber" keine Rechte für die Verbreitung des Bildmaterials.

Jedenfalls kam ich über Youtube auch in diese Szene, und durchs Sprechen auch an einige kommerzielle Hörspielrollen und "Voice-Overs". Das Hobby ist sehr zeitaufwendig, und durch die Copyrightverletzungen werden die Youtube-Channels der Fandubber alle paar Monate gelöscht. So auch meine ersten. Also dachte ich mir, warum nicht einfach selbst meine Animationen zeichnen und synchronisieren mit meinem eigenen Humor, mit schwulen Charakteren usw. Gesagt, getan. Dadurch hatte ich wohl mein größtes Outing vor der gesamten Welt als schwuler Youtuber und Animationskünstler, doch auch hier brachte die Ehrlichkeit mehr Fans als "Hater".

Ich habe mir das dann alles selbst beigebracht, und WIE ich animiere, darf man eigentlich auch niemanden erzählen. Über zig Umwege mit abermillionen Einzelbildern. Komplizierter gehts eigentlich nicht, aber egal.

Jedenfalls habe ich auf meinen aktuellen Youtube-Kanal (darkvikt0ry) nur noch Videos hochgeladen, an denen ich die vollen Rechte besitze und wurde eines Tages von Youtube angeschrieben, ob ich nicht Interesse hätte, dem Partnerprogramm beizutreten.

Joah, und so kams, dass ich heute da stehe, wo ich bin. Durch das Spiel mit der Stimme habe ich auch irgendwann mit der Musik angefangen und schreibe heute größten Teils nur noch eigene Musik. Seine Wurzeln hat das auch in der "Fandubszene", da ich früher viele japanische Anime-Opening-Songs auf Deutsch übersetzte und entweder selbst einsang oder mir jemanden suchte, der sie für mich einsang.

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Wie stellst du dir dein Leben in 10 Jahren vor? Ist es Dein Traum von der und für die Kunst alleine zu leben?
Mik: Ja, in 10 Jahren werde ich entweder freischaffender Zeichen- und Animationskünstler sein, oder aber in einem Synchronstudio an den Knöpfchen drehen. Vor dem Mikro stehen das muss nicht sein. Ich wäre dann lieber in der Technik tätig, aber auch Aufnahmeleitung oder Projektplanung würde mich reizen.

Bis dahin will ich auch mein erstes Drehbuch geschrieben und verfilmt haben. Natürlich einen Horrorfilm. Bock hätte ich auch mal wieder für eine Ausstellung zu zeichnen. Und vielleicht hin und wieder für diverse Websites Comicstrips anfertigen, ein, zwei Bücher und ein Musikalbum veröffentlichen.

Wenn du jemanden kennenlernst, was muss die Person habe, um etwas in dir zum Klingen zu bringen?
Mik: Ein niedliches Lächeln und ein großes Ego. Ich mag selbstbewusste Menschen, die wissen, wo sie im Leben stehen, und die bereit sind für ihre Träume zu kämpfen.

Warst du jemals in einer Beziehung untreu?
Mik: Das kommt immer darauf an, wie man "untreu" definiert. Treue ist ein dehnbarer Begriff, und jeder definiert sie unterschiedlich. Loyal war ich immer und liebte in einer Beziehung immer nur eine Person. Das ist, denke ich, das wichtigste. Lieben und geliebt werden, und sich dieser Liebe sicher sein, egal was kommt. Nur so kann sie ein Leben bereichern. Nur darf man dabei nicht immer an sich selbst denken. Das musste ich vor einigen Jahren noch dazu lernen, und habe darum schon in einer Beziehung jemanden verletzt.

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Sex und Liebe sind für dich was?
Mik: Nicht dasselbe. Liebe ist nicht wichtig für den Sex, aber Sex spielt in der Liebe eine nicht unwichtige Rolle. Eine Beziehung ohne Sex würde mich nicht ausfüllen. Dauernder Sex ohne Liebe allerdings auch nicht. Ich denke, beides ist sehr wichtig, und man kann auch beides getrennt voneinander genießen. Auf Dauer funktioniert aber beides nur zusammen.

Wie lange hast du es je ohne Sex ausgehalten?
Mik: Ungefähr 2 Monate, glaube ich.

Was ist für dich das "perfekte" schwule Leben?
Mik: Zusammen alt werden, zwei Kind problemlos durch dieselbe Leihmutter bekommen, sich einen Hund und eine Katze zulegen und eine kleine Villa mit weißem Gartenzaun am Wasser in Potsdam beziehen. Ansonsten kann ruhig alles weitergehen, wie bisher. Ich kann mich über mein "schwules Leben", wie es jetzt ist, nicht beklagen. Ich würde mir nur wünschen, dass es allen anderen Schwulen ähnlich ergeht.

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