Louis (18) aus Halle

Fabian Schäfer Von Fabian Schäfer
Louis (18) aus Halle
Louis

Louis aus Halle steckt mitten im Abistress. Er erzählt, wieso er danach ins Ausland will und was er aus seiner letzten Beziehung gelernt hat, die von heute auf morgen vorbeiging.

Du steckst gerade mitten in den Vorbereitungen fürs Abitur. Was hast du danach vor?

Ich habe mich im Ausland an Unis beworben. In Edinburgh für "International Relations", aber da waren die Anforderungen zu hoch. Mit 1,2 war ich aber noch zu schlecht, also wurde ich abgelehnt. Jetzt bin ich zwischen Glasgow und Wien hin- und hergerissen. Die beiden Städte sind meine Favoriten. Jetzt muss ich schauen, wo es günstiger ist zu wohnen, und wo die Ausbildung in Politikwissenschaften besser ist.

Was reizt dich denn so am Ausland?

Alleine schon die englische Sprache, aber auch andere Kulturen kennenzulernen. Besonders den anglo-amerikanischen Raum finde ich interessant. Es war immer mein Traum, einen Teil meines Lebens dort zu verbringen. Ich kenne viele, die es zu schätzen wissen, in der Heimat zu bleiben. Da sind sie zu Hause, kennen alles. Aber für mich ist das nicht so. Ich lebe seit 18 Jahren hier, da ist es Zeit, einen anderen Ort kennenzulernen. Ich will mich woanders neu zu Hause fühlen.

Was ist denn dein Traumjob?

Das weiß ich noch nicht, weil es so viele Möglichkeiten gibt. Um deutscher Diplomat zu werden, muss man ein Auswahlverfahren und weitere 2 Jahre Ausbildung durchlaufen. Da wird nur ein Bruchteil der Bewerber aufgenommen. Und das Diplomatenleben...alle drei bis vier Jahre umziehen, das ist schon schwierig für eine Beziehung. Am ehesten würde ich in einer internationalen Organisation wie den Vereinten Nationen arbeiten wollen. Vor allem durch Planspiele habe ich gemerkt: Wow, damit kann man so viel in der Welt bewegen. Ich will am Ende meines Lebens zurückblicken und sagen: Ich konnte einen Beitrag dazu leisten, dass sich diese Verhältnisse in der Welt verbessert haben.

Louis
Louis am Rhein in Düsseldorf.

Louis am Rhein in Düsseldorf.

Bist du denn ein Karrieremensch?

Ja! Ich habe immer versucht zu tun, was nötig ist, um meine Ziele zu erreichen. Ich habe immer mein Bestes gegeben. Vielleicht habe ich mich auch an manchen Stellen nicht wie 15, sondern eher wie 18 verhalten. Dafür habe ich womöglich einen kleinen Teil meiner ersten Jugend sausen lassen, aber ich bin daran gewachsen und es hat mich weitergebracht. Ich bin schon ein Karrieremensch und ich würde viel dafür aufs Spiel setzen, weil ich gesehen habe, wie schnell zum Beispiel eine Beziehung vorbeigehen kann. Das hat mir gezeigt, dass man sich auf bestimmte Sachen im Leben nur vage verlassen kann. Aber ich kann mich auf mich selbst verlassen und darauf, was ich leiste. 

Du sagst, deine letzte Beziehung ging von heute auf morgen kaputt. Was war da los?

Eigentlich führten wir eine sehr, sehr liebevolle Beziehung. Wir beide haben viel füreinander empfunden. Im Nachhinein finde ich es nicht naiv, dass wir von großen Gefühlen gesprochen haben. Es war die erste Trennung, die ich länger verdauen musste. Ich vermisse das Gefühl, so eine tolle Beziehung zu führen, weil ich schon ein Beziehungsmensch bin. Doch eines Tages sagte er mir, es tue ihm leid, er wisse nicht wieso, aber er liebe mich nicht mehr. Da ist eine Welt für mich zusammengebrochen, denn ich hatte unveränderte Gefühle für ihn. Ich kann es mir nur so erklären: Er ist ein Mensch, in dessen Familie nicht so viel Liebe gezeigt wurde. Vielleicht kam er deshalb mit so vielen Gefühlen nicht gut zurecht.  Aber ich weiß es nicht und das nagt an mir, das ist es, was schmerzt.

Louis

Wärest du denn trotz Beziehung ins Ausland gegangen?

Ich habe mir schon selbst gedacht, dass es so eine junge Beziehung nicht schafft, wenn ich weggehe. Ich habe oft auf eine Ablehnung aus Edinburgh gehofft, weil ich nicht ohne ihn dort hingehen wollte. Ich hätte das alles aufgegeben, um mit ihm zusammen in Dresden zu wohnen und zu studieren. Das wäre eine tolle Sache gewesen, aber es wäre nie das gewesen, was ich gewollt hätte. Am liebsten würde ich mein Selbst vor einem Monat schlagen, weil das einfach nicht gut gewesen wäre. Was wäre, wenn dann Schluss gewesen wäre? Dann wäre ich in einer Stadt und an einer Uni, die ich nie gewollt hatte. 

Also ist es im Nachhinein doch ganz gut, dass ihr nicht mehr zusammen seid.

Es ist blöd, dass die Beziehung zerbrach, aber es wäre auch blöd gewesen, nicht ins Ausland zu gehen. Mit ihm hätte ich auch in Dresden glücklich werden könne, ohne ihn nicht. Aber vielleicht gibt es auch nette schottische Jungs (lacht).

Wie ist denn dein Coming-out abgelaufen?

Mein erstes Coming-out war bei meiner besten Freundin Anne. Ich war 16 und habe mich in einen Jungen verknallt. Anne und ich waren in unserem Lieblingscafé und haben über Liebe und Beziehung geredet. Ich habe ihr erzählt, dass ich mich verliebt habe. Der Frage "wie heißt sie denn?" bin ich ausgewichen. Ich habe es nicht übers Herz gebracht, es ihr zu sagen. Es war so ein seltsames Gefühl, dass ich erst auf die Toilette bin und ihr von dort geschrieben habe: "Es ist ein Junge". Als ich zurückkam, hat sie mich mit großen Augen angesehen. "Nicht dein Ernst!", hat sie gesagt. Sie hat es mir wirklich nicht geglaubt, ich musste es ihr schwören. Ich weiß auch nicht wieso, weil ich nicht unbedingt sehr maskulin wirke. Viele haben es seit meiner Kindheit vermutet, seit ich in Omas Nachthemd zu Tschaikowskis Schwanensee getanzt habe (lacht).

Louis
Louis in seiner Traumstadt Rom mit dem Petersdom im Hintergrund.

Louis in seiner Traumstadt Rom mit dem Petersdom im Hintergrund.

Wissen es deine Eltern auch?

Ja. Nach meinem inneren Coming-out, das war im Sommer, als ich 16 wurde, habe ich mich viel freier und offener gefühlt. Ich war viel lebensfroher. Nur zu Hause habe ich einen Schalter umgelegt. Ich war kühler, teilnahmsloser das hat meine Mutter natürlich gemerkt und danach gefragt. Aber ich habe gesagt, dass nichts los sei. An dem Abend, als ich vom ersten Date mit meinem ersten Freund zurückkam, hat sie wieder gefragt. Dann habe ich es ihr gesagt: "Ich habe einen Freund!". Sie hat nur ihre Augen aufgerissen, ich habe Tränen gesehen. Ich hatte ganz weiche Knie und habe kalten Schweiß gespürt. Sie hat gefragt, ob ich sicher sei. "Ja, ziemlich", war meine Antwort. Dann wollte sie wissen, ob sie etwas falsch gemacht habe. Da war ich total überrascht, weil sie wohl dachte, es könnte etwas sein, was ich nur wie ein trotziges Kind sage. Sie ist zwar nicht so liberal, aber mittlerweile springt sie über einen riesengroßen Schatten. Dafür bin ich ihr unendlich dankbar.

Glaubst du denn an die große Liebe?

Besonders der schwulen Szene sagt man ja nach, sie sei oberflächlich und glaube nicht an die große Liebe. Ich finde es nicht falsch, sich in seiner Jugendzeit auszuleben. Mit 40 wollen sich aber wohl die wenigsten austoben, sondern zur Ruhe kommen. Ich denke, jeder hat das Bedürfnis danach, jemanden zu haben, der dann die Zeit mit einem verbringt. Ich möchte der "Generation Porno, Tinder oder Grindr" zutrauen, dass sie Romantik nicht verlernt hat und eine große Liebe noch hinbekommt. Auch wenn ich dachte, ich hätte sie gefunden, hat sie nicht angehalten. Aber das heißt ja nicht, dass es nicht große Liebe war. Positiv aus der Trennung nehme ich mit, dass ich weiß, wie es sich anfühlt, einen Menschen wahrhaftig zu lieben. Es war eine wunderschöne Zeit, die besten vier Monate. Doch ich glaube fest daran, dass mein Lebenspartner, wann er auch kommen mag, sich mir ehrlich so verbunden fühlt, dass er die Verbindung nie auflösen wollen würde. Es wäre so schön zu sehen, dass 16 bis 25-Jährige keine Angst haben, Gefühle zuzulassen. Liebe kommt und geht, Partner kommen und gehen. Der Unterschied ist, dass die Liebe immer wieder zurückkehrt irgendwann so wundervoll, dass sie nie wieder geht. 

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