Lukas (19) aus Celle

Fabian Schäfer Von Fabian Schäfer
Lukas (19) aus Celle
Lukas/privat

Der duale Student war nach seinem Abi ein Jahr in Australien. Er erzählt, was er da gemacht hat und wieso das sein Weltbild verändert hat. Außerdem verrät Lukas, wieso er keinen Alkohol trinkt und wie ihn ein Gerücht dazu gebracht hat, sich bei dbna anzumelden.

In der 6. Klasse kam das Gerücht auf, dass du schwul bist. Wie hat sich das für dich angefühlt?

Das Gerücht kam wohl auf, weil ich immer anders gekleidet war als die anderen, ich hatte neongelbe oder neongrüne Hosen an. Dann habe ich mich natürlich gefragt, wo das Gerücht herkommt. Schwulsein war für mich ein Begriff, aber ich habe nie mit dem Gedanken gespielt, selbst schwul zu sein. Ich habe dann gegooglet und mich auch bei dbna angemeldet, um mich mit anderen auszutauschen. Ich habe mich mit dem Gedanken auseinandergesetzt, vielleicht schwul zu sein. Irgendwo muss das Gerücht ja herkommen, dachte ich.

Wann hast du es dann für dich akzeptiert, schwul zu sein?

Das war gute zwei Jahre später, so mit 15. Ich war mir sicher, dass ich mehr oder weniger anders bin. Aber bis ich mich als schwul identifizieren konnte, habe ich mir zwei Jahre lang den Kopf zerbrochen. Ich habe mir Druck gemacht, in eine Schublade zu passen irgendwo muss ich mich reinstecken, damit alles gut ist, dachte ich.

Wieder zwei Jahre später hast du dich geoutet

Genau, bei meinem besten Freund. Ganz informell über WhatsApp. Es war kein Problem für ihn, er ist gar nicht groß darauf eingegangen. Er hat es hingenommen und mich unterstützt. Eine Woche später habe ich es anderen Freunden erzählt und es hat so langsam in der Schule die Runde gemacht, wie das halt so ist.

Blöd war nur, dass mein Bruder in derselben Stufe war wie ich. Ich dachte mir also, ich sollte es meiner Familie erzählen. Ich habe meiner Mutter einen vier Seiten langen Brief geschrieben und am gleichen Abend meinem Bruder und seiner Freundin erzählt. Mein Vater war wegen seines Jobs weiter weg, der hat es erst später erfahren.

Lukas/privat
Lukas ist Anti-Alkoholiker. Er braucht das nicht, sagt er.

Lukas ist Anti-Alkoholiker. Er braucht das nicht, sagt er.

Wie waren die Reaktionen?

Durchweg positiv. Ich hätte es mir aber denken können, denn mein Onkel ist auch schwul. Ich bin also damit aufgewachsen und deswegen hatte ich auch nie Probleme damit, es für mich zu akzeptieren. Ich bin mega glücklich darüber, keine einzige negative Reaktion gehabt zu haben.

Was hat sich mit dem Coming-out für dich verändert?

Ich bin viel offener damit umgegangen. Ich habe dbna nicht mehr weggeklickt, wenn jemand in mein Zimmer kam (lacht). Und meine weiblichen Freunde, die haben sich natürlich einen schwulen besten Freund gewünscht, die Rolle habe ich dann eingenommen. Teilweise habe ich das gerne gemacht und den Hobby-Psychologen gespielt.

Gehst du auch in die schwule Szene?

Ich bin nicht so der Party- oder Clubgänger. Das liegt vielleicht daran, dass ich gar keinen Alkohol trinke, ich bin stolzer Anti-Alkoholiker. Allgemein habe ich kein Interesse an Partys. Ich weiß nicht, ich bin nicht so der Typ dafür. Ich habe lieber einen gemütlichen Abend mit Freunden.

Lukas/privat
Seit seinem Coming-out nimmt er für Freundinnen die Rolle des schwulen besten Freundes ein.

Seit seinem Coming-out nimmt er für Freundinnen die Rolle des schwulen besten Freundes ein.

Du bist Anti-Alkoholiker?

Ja, und das hat verschiedene Gründe. Einmal der Sport: Ich spiele Eis- und Inlineskate-Hockey auf relativ hohem Niveau und da stehen einige Stoffe auf der Dopingliste. Mit 16, wo das angefangen hat, dass alle trinken, hatte ich einfach kein Interesse zu probieren, ob das schmeckt. Und ich habe bis heute nichts gefunden, was mir schmeckt. Ich brauche das nicht. Ich war auch noch nie wirklich betrunken, ich könnte mir das gar nicht vorstellen.

Nach deinem Abi warst du ein Jahr in Australien. Was hast du da gemacht?

Ich habe einen Jugendfreiwilligendienst gemacht, so etwas wie ein FSJ im Ausland. Ich habe mich über eine Organisation beworben und da konnte man wählen, in welches Land man möchte und was man genau machen will. Ich habe mich für Australien entschieden, weil es ein cooles Land an sich ist. Dort habe ich in einer Aborigine-Schule geholfen. Das fand ich spannend: Das waren die ersten Menschen in Australien, die haben eine Geschichte, die Jahrtausende zurückreicht.

Was hast du in dieser Schule gemacht?

Das war eine Internatsschule für Aborigines in Townsville. Aborigines aus allen Ecken Australiens kamen dahin. Ich war Aushilfslehrer und habe den Lehrern geholfen, den Stoff zu vermitteln. Die Kinder und Jugendlichen waren zum Teil älter als ich, aber noch nie in einer Schule. Da musste ich erst einmal schlucken, als einige eins plus eins mit dem Taschenrechner gerechnet haben. Aber die leben sonst in Communitys und brauchen kein Mathe. Das sind Jäger und Sammler. In diese Communitys kommt man als Weißer auch gar nicht so leicht rein.

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Zuerst kamen die Gerüchte, dann kam Lukas selbst drauf, dass er schwul ist.

Zuerst kamen die Gerüchte, dann kam Lukas selbst drauf, dass er schwul ist.

Trotzdem warst du für zwei Wochen in so eine Community eingeladen

Genau, in den großen Ferien im Dezember wurden ich und ein paar andere Freiwillige eingeladen, für zwei Wochen dahinzukommen. Das war viel Papierkram. Man braucht eine Genehmigung vom Staat Queensland und vom Anführer der Community. Die Community war auf Elcho Island im Norden. Wir sind mit einem ganz kleinen Flugzeug dahingeflogen, das hat übelst gewackelt und war schon Angst einflößend, auf so einer Schotterpiste zu landen. Dann haben wir so gelebt wie die Menschen dort.

Wie war das?

Das war ein krasser Schock. Da gibt es kein fließend Wasser und nur manchmal, eher selten Strom. Die wohnen in kleinen Wellblechhütten und haben bei 40, 50 Grad keine Klimaanlage. Aber sie wollen ihre Kultur und Tradition bewahren. Aber in diesen Communitys hat man eben kaum Chancen, Geld zu verdienen. Alle gehen jagen. Ein Großteil bleibt sein Leben lang in so einer Community. Das will man gerade ändern, indem man viele Kinder in Internate schickt.

Das klappt zum Teil auch. Aber die Kinder sind unfassbar schüchtern und haben vor weißen Menschen großes Misstrauen. Es gab ja eine "stolen generation" bis in die 60er, wo Weiße den Aborigines ihre Kinder abgenommen haben, um sie dem "weißen Standard" anzupassen. Das haben die bis heute nicht verdaut, was absolut nachzuvollziehen ist. Erst 2008 gab es eine offizielle Entschuldigung dafür.

Lukas/privat
Während seinem Jahr in Australien hat er viel gelernt - sein komplettes Weltbild hat sich verändert, sagt er.

Während seinem Jahr in Australien hat er viel gelernt - sein komplettes Weltbild hat sich verändert, sagt er.

Aber Aborigines leiden auch heute noch unter Rassismus unter Diskriminierung, oder?

Wenn wir mit den Schülern zum Beispiel in einem Einkaufszentrum waren, wurden wir immer schief angeschaut. Viele wurden verdächtigt, etwas geklaut zu haben. Aber ich habe in dem Jahr nicht einmal schlechtes Verhalten beobachten können. Wenn ich meine Arbeitskleidung anhatte, haben mich oft Leute gefragt, ob ich wirklich da arbeite und dass ich ihnen leidtue. Die sollten die Schüler mal kennenlernen, denn ich bin so froh, diese Chance gehabt zu haben. Das hat mein ganzes Weltbild über den Haufen geworfen. Ich habe gesehen, wie Vorurteile entstehen und das haben wir in Deutschland gerade ja auch wieder.

Konntest du dich an der Schule denn outen?

An Aborigine-Schulen sind auch die meisten Angestellten Aborigines. Zum Teil hat man in manchen Communitys keine Überlebenschancen, wenn man schwul ist, manche werden gesteinigt oder ausgeraubt. Nach und nach habe ich mit den Kollegen auch über Privates gesprochen und ein paar haben sich einfach so nebenbei geoutet. Das hat mich beeindruckt, weil fast alle negative Reaktionen erlebt haben. Einer wurde von seiner Familie verstoßen und darf nicht mehr nach Hause. Das hat mein Selbstbewusstsein gestärkt, weil ich mir dachte, warum kann ich das nicht auch so machen? In meinem fünften Monat dort habe ich mich auch geoutet.

Als du aus Australien zurückgekommen bist, hast du dich auch in einem Inlineskate-Hockey-Verein geoutet.

Ja, weil das die letzten waren, die noch gefehlt haben. Das hätte nach hinten losgehen können, aber ich bin ganz glücklich, dass sie das akzeptieren. Obwohl das ja ein sehr körperbetontes Spiel ist, sehr männlich. Ich habe da sonst nie einen Schwulen gesehen. Ich habe das vor dem Training einfach so gesagt, aber keiner hat das ernstgenommen. Erst nach dem Spiel haben sie mich dann ausgefragt und alle haben es gut angenommen.

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