Manuel aus Hamburg

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Manuel aus Hamburg
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Manuel (19) aus Hamburg spricht über sein Coming-out, seine bisherigen Beziehungen und über seine Einstellung zu offenen Partnerschaften. Der dbna'ler des Monats November 2012.

Manuel, Du meinst, dein Coming-Out sei untypisch gewesen. Wieso glaubst Du das?
Manuel: Naja, ich habe klassisch bei meiner besten Freundin angefangen, als ich meinen ersten Freund hatte. Sie hat es dann wohl im Vertrauen ihrem damaligen Freund erzählt, der ein ehemaliger Klassenkamerad von mir ist. Der konnte es natürlich auch nicht für sich behalten und so erfuhr meine ganze alte Schule davon. Ich bin auf viele verschiedene Reaktionen getroffen. Die meisten sagten, sie hätten es schon längst geahnt und freuten sich für mich, andere wiederum hatten vorerst kein Verständnis dafür, doch im Nachhinein hat es niemanden wirklich gestört.

Mein erster Arbeitgeber hat es vorerst auch nicht erfahren, was ich heute schon fast bereue. Ich wusste, dass meine beiden Chefs auch schwul sind und ich hätte mich ihnen schon viel früher anvertrauen können. Letztendlich war ein Coming-out bei den beiden dann jedoch nicht mehr nötig, als wir uns beim CSD begegnet sind und ich einen "Ich bin Schwul"-Aufkleber auf meinem T-Shirt kleben hatte.

Im Prinzip wusste es dann irgendwann jeder, es war mir egal und ich ging auch ganz offen damit um, doch meiner Familie hatte ich es immer noch nicht erzählt. Ich wollte irgendwie nicht, dass sie es erfahren. Sie haben immer erwartet, dass ich eine hübsche Frau heirate und ihnen Enkelkinder beschere, außerdem fiel von meinen Eltern auch immer mal wieder ein schwulenfeindlicher Kommentar.

Der untypische Teil begann dann damit, dass meine Friseuse mich eines Tages plötzlich fragte, ob mich denn was bedrückt und ob dieses Problem damit zusammenhänge, dass ich auf Männer stehe. Meine Eltern und ich gehen schon seit Jahren zu der gleichen Friseuse und ich habe auch immer versucht, den Personen mein Schwulsein zu verheimlichen, die engeren Kontakt zu meinen Eltern haben. Sie drängte mich dann letztendlich dazu, dass ich es meinen Eltern erzähle, wobei Sie auch meinte, dass diese schon länger den Verdacht haben, dass ich vom anderen Ufer komme. Außerdem sollte ich es noch am selben Abend machen, da mein Vater am nächsten Tag seinen Termin hatte und sie unbedingt das Ergebnis meines Coming-outs erfahren wollte. So ging ich an besagtem Abend zu ihnen und erzählte das jahrelang gut gehütete Geheimnis. Wie meine Friseuse prophezeit hatte, haben sie es gut aufgenommen. Doch die Enttäuschung über diese Lebensweise konnte man ihnen dennoch ansehen.

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Wie hast du überhaupt festgestellt, dass du auf Männer stehst?
Manuel: Ach, das fing ganz harmlos an. Irgendwann erzählten die Jungs in der Schule immer, wie geil die Kurven von der und der Mitschülerin sind und ich dachte mir immer: "Das interessiert mich überhaupt nicht, ich find den und den Mitschüler irgendwie viel interessanter"

So richtig Klick gemacht hat es dann, als ich mir mit zehn oder elf Jahren den Film "American Pie" angeschaut habe und immer ganz aufgeregt war, wenn ich die Jungs dort mal etwas freizügiger sehen konnte. Als ich dann mit 14 Jahren endlich Internet hatte, war "schwul" das erste Wort, was ich gegoogelt habe, worauf ich auch erst so richtig kapiert habe, dass ich anders bin als meine Freunde aus der Schule.

Wenn du jemanden kennenlernst, auf was achtest du besonders?
Manuel: Ja, ein bisschen oberflächlich bin ich schon, das gebe ich zu. Das Gesicht muss passen. So sortiere ich unbewusst schon mal Typen aus, obwohl die eigentlich ganz nett sein könnten. Außerdem finde ich eine gepflegte Frisur wichtig. Auf den Körper und das Gewicht schaue ich nicht so, da darf ich auch gar nicht viel rummeckern, da mein BMI auch nicht dem Idealwert entspricht. Ich mag halt natürliche Jungs, keine Waschbrettbäuche, gepiercte oder tätowierte Typen.

Wie viele Beziehungen hattest du denn schon?
Manuel: Ich bin jetzt in meiner vierten Beziehung. Die erste war mit der Schwester eines Klassenkameraden. Ich dachte, mit einer Freundin würde ich schon wieder auf richtige Gedanken kommen, aber das ging völlig nach hinten los. Nach fast drei Wochen haben wir uns einvernehmlich getrennt.

Da war das mit meinem ersten Freund viel besser. Doch das passte irgendwann auch nicht mehr, so habe ich mich nach anderthalb Monaten übers Internet von ihm getrennt. Ich weiß, ganz schön gemein, so was ist doch irgendwie feige. Das musste ich dann bei meinem zweiten Freund am eigenen Leibe spüren, der sich nach nur 13 Tagen über eine Facebook-Nachricht von mir getrennt hat. Viele sagen "13 Tage? Das ist doch keine Beziehung!", aber für mich war das bis dato die schönste Beziehung und ich hänge auch heute noch ein wenig an ihm, obwohl wir leider nicht mehr wirklich viel Kontakt miteinander haben. Aber dafür bin ich mit meinem jetzigen Freund super glücklich.

Warst du jemals in einer Beziehung untreu?
Manuel: Naja, also nein. In allen meinen bisherigen Beziehungen war ich immer treu. Natürlich läuft einem dann mal wieder ein heißer Typ vor die Flinte, aber da handle ich nach dem Prinzip: "Nur gucken, nicht anfassen!". Meine jetzige Beziehung ist allerdings eine offene Beziehung und da bin ich auch ehrlich, das nutze ich bei Gelegenheit schon mal aus.

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Was denkst du, ist die wirkliche Herausforderung einer Fernbeziehung?
Manuel: Fernbeziehungen sind kein Zuckerschlecken. Es erfordert eine Menge Mut, Vertrauen und Geduld. Man weiß oft nicht genau, was der Partner gerade macht oder wann man mal wieder die Möglichkeit hat, sich zu treffen. Ich kenne viele Leute, denen es schon zu wenig ist, wenn sie ihren Freund nur zwei Mal in der Woche sehen. Für diese Leute wäre eine Fernbeziehung schon mal ganz sicher nichts. Ich finde es durchaus interessant, wenn man sich nicht ständig sieht. So ist die Freude dann umso größer, wenn man wieder zusammen Zeit verbringt.

Du führst mit deinem Freund nicht nur eine Fern- sondern, wie du gerade erwähntest, auch eine offene Beziehung. Warum?
Manuel: Mein Freund hat aufgrund seines Jobs noch keinen festen Wohnsitz. Vor kurzem wohnte er noch in Hessen, aktuell in Bayern und Anfang nächsten Jahres wird er in Baden-Württemberg leben. Ich wohne in Hamburg, uns trennen etliche Kilometer und oft fehlen uns auch die Zeit und das Geld, um uns ständig zu sehen. Er hat derzeit ein noch recht unerfülltes Sexleben, so sagt er. Er würde gerne noch so viel ausprobieren und sich etwas austoben, bevor er sich dann fest an mich bindet. So sind wir dann auf die Idee mit der offenen Beziehung gekommen. Wenn sich beruflich bei uns beiden erst mal alles normalisiert hat, dann wollen wir auch irgendwann zusammenziehen und das Thema "offene Beziehung" nochmal überdenken.

Wieso ist das gar kein Problem für dich?
Manuel: Gar kein Problem ist etwas übertrieben. Hättet ihr mir damals vor einem Jahr erzählt, dass ich heute in einer offenen Beziehung leben werde, dann hätte ich euch für verrückt erklärt. Anfangs hatte ich schon meine Schwierigkeiten damit, weil wir ja auch immer so ehrlich miteinander waren und uns erzählt haben, wenn wir mal mit einem anderen Typen im Bett gelandet sind. Das hat mich zunächst schon sehr gekränkt. Doch auf Dauer hat er mir bewiesen, dass sein Herz nur für mich schlägt und kein anderer Typ daran was ändern könnte. Deshalb komme ich heute auch gut damit klar.

Wenn man über offene Beziehung diskutiert und was man auch so mitbekommt, scheint dies vor allem ein Phänomen unter Schwulen zu sein. Wieso glaubst du, ist das so?
Manuel: Das scheint zu stimmen, ich hab das bei Schwulen und Lesben selbst auch schon mitbekommen, aber bei Heteros in meinem Umfeld ist mir das noch nicht aufgefallen.

Männer denken halt sehr oft an Sex, bewusst und auch unbewusst. Wissenschaftler sagen auch, dass Schwule öfter an Sex denken, als Heteromänner. Frauen sind meist die, die Sex und Gefühle nicht gut voneinander trennen können, das ist meine Theorie. Männer stoßen ja quasi gegenseitig auf wenig Widerstand und haben ein stärkeres Sexualverlangen als Frauen. Das ist aber alles nur reine Spekulation, die Frage müssten wir wohl an Verhaltensforscher weiterreichen.

Was darf für dich in einer Beziehung niemals vorkommen, wenn Fremdgehen offensichtlich kein Problem ist?
Manuel: Auch wenn mein Freund und ich mit anderen Typen schlafen, gibt es Dinge, die nur wir zusammen machen dürfen. Insbesondere wären da lange Kuschelstunden und romantische Abende zu zweit zu nennen. Gewalt sollte es auch nicht geben, denn es gibt durchaus sinnvollere Methoden um einen Streit zu beenden. Außerdem sollte man die Privatsphäre des anderen respektieren und das Vertrauen nicht ausnutzen. Am wichtigsten ist mir das Thema Freunde. Da sollte mein Partner mir nicht reinreden und mir den Kontakt zu Personen verbieten, nur weil er sich mit ihnen vielleicht nicht versteht. Meine Freunde sind mir nämlich genauso wichtig wie meine große Liebe.

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