Michael (23) aus Aachen

Fabian Schäfer Von Fabian Schäfer
Michael (23) aus Aachen
Michael

Michael erzählt ausführlich über sein Coming-out, weshalb es so spät war und wieso innerhalb von zwei Wochen die ganze Familie und alle Freunde Bescheid wussten. Außerdem spricht er über Klischees, die er nicht erfüllt, und wieso sein Ex zweimal mit ihm Schluss gemacht hat.

Michael, lass uns über Klischees reden. Du arbeitest als Fachinformatiker...

Ja, und ich versuche allen klarzumachen, dass ich kein Nerd bin! Ich kenne Tageslicht und habe keinen Keller (lacht). Mein Beruf ist nur Beruf, aber er macht mir natürlich Spaß. Es ist ein cooler Job, den ich mit meinem Hobby verbinden kann.

Ein anderes Hobby von dir ist die Freiwillige Feuerwehr.

Damit habe ich mit elf angefangen. Ich hatte immer ein Helfersyndrom, das haben meine Grundschullehrer schon gesagt. Und es gab früher im Fernsehen diese Sendung "Notruf". Da habe ich damals immer große Augen gemacht, haben meine Eltern gesagt. Fußball war nie mein Ding, darum habe ich mir die Feuerwehr angeschaut und bin dort geblieben, weil ich total begeistert davon war.

Wovon warst du so begeistert?

Am Anfang natürlich von den Fahrzeugen, der Technik und den Geräten. Das ist ja eine größere Dimension als das väterliche Auto. Später die Kameradschaft, aus der sich richtige Freundschaften entwickelt haben. Und dann der Adrenalinschuss, wenn der Melder geht. Das ist einer der Hauptgründe.

Du warst also immer von Technik begeistert?

Ja! Früher habe ich auch mein Auto selber getunt, was man halt so macht mit seinem ersten Auto (lacht). Ich fahre gerne Kart oder schaue mir auch schon mal ein Rennen am Nürburgring an. Die Formel 1 eher weniger, getunte Autos sind eher mein Ding.

Tuning, Programmieren, Feuerwehr: Das sind ja ziemlich in Anführungszeichen männliche Beschäftigungen. Bist du denn bei der Feuerwehr geoutet?

Ich habe geraten bekomme, dass ich mir gut überlegen soll, ob ich mich dort oute. Die Feuerwehr ist mein großes Hobby, nicht dass ich es mir durch ein Coming-out kaputt mache. Ich habe mich auch nicht vor die ganze Mannschaft gestellt und es allen gesagt. Es war bei der Geburtstagsparty eines Kameraden. Ich habe meinen Freund mitgebracht. Und als auf der Geburtstagskarte alle mit ihrer Partnerin unterschrieben haben, hat auch mein Freund auf der Karte unterschrieben. Da kam dann von einem im Vertrauen die Frage, ob er mein Freund sei. Er hat es direkt angesprochen und auch nicht weitererzählt. So kam dann eins ins andere. Mittlerweile weiß es wohl die ganze Wache.

Michael
Sein Coming-out-Tipp: "Man muss wissen, wer die wahren Freunde sind und es nicht auf Anhieb allen erzählen."

Sein Coming-out-Tipp: "Man muss wissen, wer die wahren Freunde sind und es nicht auf Anhieb allen erzählen."

Wie waren denn die Reaktionen?

Nach vorne durchweg positiv. Hintenrum gibt es immer welche, die über einen reden. Aber ich bin ein Mensch, dem das egal ist. Wenn die über mich reden, vergessen sie mich wenigstens nicht (lacht).

Weißt du, was über dich gesagt wurde?

Ja, ich habe von einem Bekannten erfahren, dass hinter meinem Rücken jemand gesagt hat, ich solle mein Amt als Jugendbetreuer aufgeben. Der konnte Pädophilie und Homosexualität nicht auseinanderhalten! Als ich das erfahren habe, war ich natürlich stocksauer. Da hatte ich viele Aggressionen, aber ich kann die zum Glück gut kontrollieren. Ich habe dann gute Miene zum bösen Spiel gemacht und das nie angesprochen, weil ich davon ja offiziell nicht weiß.

Dein Coming-out war letztes Jahr im April, als du 22 warst. Wieso hast du so lange gewartet?

Ich bin früher in der Schule damit gemobbt worden, obwohl niemand wusste, dass ich schwul bin. Irgendwie haben Kinder eine Vorahnung, wer schwul ist. So seit der fünften oder sechsten Klasse habe ich mich also damit befasst. Ich habe im Internet nach Tests "bin ich schwul oder nicht?" gesucht.

Aber trotzdem hattest du Freundinnen.

Ja, ich hatte relativ viele Freundinnen. Die letzte etwa ein Jahr, bevor ich meinen ersten Freund kennengelernt habe. Aber mit ihr hat noch was gefehlt, da habe ich Zweifel bekommen. Auch während ich die Freundinnen hatte, war ich auf dbna und im Forum aktiv. Ich wollte Informationen und mich da rantasten. Ich war mir damals nicht sicher und habe auch mit niemandem darüber gesprochen. Es war mein großes Geheimnis und ich dachte, ich nehme das mit ins Grab. Ich war einfach total überfordert und wusste nicht, wie ich damit umgehen soll.

Michael
Michael hat sich bei der Feuerwehr geoutet, obwohl ihm davon abgeraten wurde.

Michael hat sich bei der Feuerwehr geoutet, obwohl ihm davon abgeraten wurde.

Was hat dich dann dazu gebracht, dich doch zu outen?

Ich habe meinen ersten Freund Tamino (Name geändert) kennengelernt. Das hat mir Tore geöffnet, weil ich Rückhalt von ihm hatte. Da habe ich mich sicher gefühlt. Der springende Punkt war, dass es für mich selbst zulassen musste. Dank Tamino konnte ich das.

Wie lief dein Coming-out denn ab?

Es ging relativ schnell, nachdem wir zusammenkamen. Tamino meinte zwar, ich muss mich nicht outen, aber ich wollte es. Ich fühlte mich bereit dazu und war total entschlossen. Dann habe ich es zuerst meiner besten Freundin, dann meinem besten Freund und allen wichtigen Freunden erzählt. Meine Eltern waren zu der Zeit im Urlaub, deshalb waren sie als letztes dran. Innerhalb von zwei Wochen habe ich mich in meinem ganzen Umfeld geoutet. Ganz oder gar nicht, dachte ich. Nach einem Jahr kam schließlich das Coming-out über Facebook. Mehr geht doch wohl nicht (lacht).

Wie waren die Reaktionen?

Mein Zwillingsbruder hat nicht viel gesagt, außer dass es okay ist. Meine ältere Schwester hat sehr positiv reagiert. Sie hat mich auch ermutigt, es meinen Eltern zu sagen. Denn meine Mutter hat sie schon einmal gefragt, ob sie denn mehr wisse. Meine Eltern haben super reagiert. Sie sind glücklich, wenn ich glücklich bin und stehen vollkommen hinter mir. Auf jeden Fall waren alle Reaktionen sehr gut. Mein bester Freund hat etwas Zeit gebraucht, um es zu realisieren. Viele malen sich dann ja ein Bild aus, dass ich in Zukunft nur noch mit Handtasche komme. Aber nach ein paar Wochen hat er gemerkt, dass ich immer noch derselbe bin.

Was für einen Tipp hast du für die Jungs, die sich outen wollen?

Man muss wissen, wer die wahren Freunde sind und es nicht auf Anhieb allen erzählen. Nach der ersten Person hat man ein positives Glücksgefühl und merkt, dass es nicht so schlimm ist. Ich habe außerdem nie "ich bin schwul" gesagt, sondern immer eine Art Geschichte erzählt. Ich habe ein Foto von Tamino gezeigt und so ein bisschen gefragt, wie mein Gegenüber ihn denn findet, bis ich gesagt habe, dass er mein Freund ist. Das sagt sich viel leichter.

Michael
Der Klassiker: Michael hat im Internet nach "Bin ich schwul?"-Tests gesucht.

Der Klassiker: Michael hat im Internet nach "Bin ich schwul?"-Tests gesucht.

Tamino hat mit dir nach vier Monaten Schluss gemacht, weil er nach dem Abi ein Jahr ins Ausland ging. 

Als wir zusammengekommen sind, hat er mir davon nichts erzählt. Nach seinem Abi hat er immer gesagt, dass es nicht funktioniert, wenn er ins Ausland geht. Ich war aber positiv eingestellt und wollte es nicht aufgeben. Doch dann hat er deshalb Schluss gemacht. Im vergangenen Dezember haben wir uns dann wieder getroffen und lange gequatscht. Von Neujahr bis April waren wir dann wieder zusammen. Dann hat er aber noch einmal Schluss gemacht. Dieses Mal ist nicht das Ausland schuld, sondern das Studium, weil er nicht in Aachen bleibt.

Wie hat es sich angefühlt, zweimal wegen desselben Grundes verlassen zu werden?

Beim zweiten Mal war es nicht mehr so schlimm. Ich bin die Sache erst einmal oberflächlich angegangen und, auch wenn es sich blöd anhört, gar keinen so großen Verlust gespürt. Wir haben uns ja nicht oft gesehen, weil er im Ausland wohnt. Und ich wollte mich nicht so sehr reinsteigern.

Und die erste Trennung?

Da bin ich gar nicht klargekommen. Er war damals wirklich meine große Liebe. Wir haben uns super verstanden und viel erlebt. Es ging mir richtig dreckig. 

Wie bist du damit umgegangen?

Ich habe mit sehr vielen Leuten darüber geredet. So lange, bis es mir selbst auf die Nerven ging (lacht). So konnte ich es relativ schnell verarbeiten. Denn reden, reden, reden ohne Ende hilf am besten.

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