Miguel aus Ulm

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Miguel aus Ulm
dbna/Miguel

Miguel (22) aus Ulm wollte sich selbst lange nicht eingestehen, schwul zu sein. Heute bereut er es, solange dagegen angekämpft zu haben. Er hätte viel früher glücklich sein können. Der dbna'ler des Monats Dezember 2012.

Welche Charaktereigenschaften schätzt du an dir besonders?

Miguel: Meine Freunde bezeichnen mich als hilfsbereit, offen, liebenswert, engagiert, fröhlich, familiär, verrückt und eitel. Wenn meine Freunde mich so beschreiben, sind das wohl genau die Eigenschaften, die mich ausmachen und ich deshalb auch schätze. Ich überlege mir gerade, ob "eitel" eine tolle Charaktereigenschaft ist, aber sie macht mich definitiv aus und ist nicht mit "eingebildet" zu verwechseln.

Womit beschäftigst du dich in deiner Freizeit?

Miguel: Ich liebe es mit Freunden zusammen zu sitzen, zu reden, Musik zu hören und gemeinsam Shisha zu rauchen. Am liebsten noch draußen in der Natur. Seit einem Jahr versuch ich mir das Gitarre spielen selbst beizubringen. Ob das jetzt so erfolgreich ist weiß ich nicht, aber ich komm immerhin gut voran. Allgemein begleitet mich die Musik den ganzen Tag. Meine Kopfhörer lege ich so gut wie nie weg.

Zu guter Letzt meine soziale Seite. Seit Jahren engagiere ich mich ehrenamtlich unter anderem als Jugendvertreter in unsere Kirchengemeinde. Dabei koordiniere ich mit andere Jugendlichen die Zusammenarbeit mit der Gemeinde und allen Jugendgruppen.

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Wie ist das Feedback in der Gemeinde und deiner Umgebung zu deinem Engagement?

Miguel: Eigentlich recht positiv. Gerade ältere Mitglieder in der Gemeinde freuen sich unheimlich, dass sich Jugendliche und junge Erwachsene in der Gemeinde engagieren. Leute in meinem Alter fehlen in der Gemeinde total, da die meisten wegziehen um zu studieren.

Leute schätzen es, wenn man sich sozial engagiert. Da ist es so ziemlich egal, ob man das beim DRK, oder sonst irgendwo macht. Naja, fast egal. Es ist eben doch eine katholische Gemeinde und gerade bei Schwulen kommt das nicht so gut an. Verständlicherweise, denn was soll man auch von der katholischen Kirche halten, wenn der Papst und diverse Kirchenvertreter ständig gegen Homosexuelle und deren Gleichberechtigung wettern.

Ich versuch immer zu erklären, dass man die Führungsebene der Kirche von den einzelnen Gemeinden unterscheiden sollte. In den meisten Gemeinden, wie in unserer, ist jeder willkommen.

Wann und wie hast du festgestellt, dass du auf Männer stehst?

Miguel: Das frage ich mich auch oft. Wenn ich zurückblicke, war es schon immer klar. Ich hatte schon in der Grundschule nur Mädchen als Freunde und zu den anderen Jungs einen ganz anderen Bezug. Wann genau es mir klar wurde weiß ich nicht wirklich. Mit 14 Jahren war ich in meinen Nachbar verknallt. Ich vermute, da wurde mir irgendwie klar, dass das nicht ganz "normal" ist. Aber ob ich es verstanden habe, weiß ich nicht mehr.

Leider hab ich mir nie wirklich die Chance geben darüber nachzudenken. In der Schule hab ich nie was über Homosexualität gehört, in meiner Familie wurde nie darüber gesprochen und ich kannte auch keinen, der zumindest mal von irgendeinem Homosexuellen gehört hat. So bin ich halt weiter mit Mädchen zusammen gekommen - gehört sich ja so in dem Alter.

Das ganze ging so bis zum Beginn meiner Ausbildung. Ich war 16, hatte null Selbstbewusstsein und wurde in der Schule als "Schwuchtel" gemobbt. Da begann ich mich mit dem Thema wirklich zu beschäftigen. Meldete mich in Foren an und informierte mich im Internet über das Thema. Ich denke, dass genau das der Zeitpunkt war, wo es mir endgültig klar wurde - ob ich es wollte, oder nicht

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Wie war dein Coming-Out?

Miguel: Ich wollte nie schwul sein. Ich hatte Angst meine Familie, Verwandte, Freunde und Personen aus meinem Umkreis zu enttäuschen. Mit Anfang 17 "verliebte" ich mich in ein Mädchen. Ich begann mich mit dem Gedanken anzufreunden, einfach bi zu sein. Nach vier Jahren Beziehung entwickelten sind plötzlich wieder Gefühle für einen Jungen aus dem Internet. Ab diesem Zeitpunkt ging es mit meiner Gefühlswelt bergab.

Ich kämpfte Wochen mit mir. Trank viel Alkohol, lag Nächte lang wach und kaum noch zu Hause. Bedingt durch mein Verhalten bat mich meine Mutter zum Gespräch. Da jeglicher Versuch alles zu leugnen eh keinen Sinn machte, erzählte ich ihr, dass ich mich in einen Jungen verliebt hatte. Meine Eltern haben kein Problem mit der Homosexualität und sind allgemein sehr tolerant. Trotzdem ist es was anderes, wenn der eigene Sohn schwul ist. Es hat knapp ein Jahr gedauert, bis meine Eltern vollständig und offen damit umgehen konnten, aber alleine gelassen haben sie mich nie. Ganz anders bei meinen Geschwistern. Meine Schwester stand von Anfang an hinter mir, während mein Bruder es wohl immer noch nicht ganz glauben kann.

Mein unfreiwilliges, öffentliches Outing folgte kurze Zeit später. Ich war zwar bei meinen Eltern geoutet, trotzdem wollte ich es einfach nicht wahrhaben. Ich wollte nicht schwul sein.
Nach dem Osternachtgottesdienst hielt ich dem ganzen Druck dann nicht mehr stand. Ich brach auf der Straße vor der Kirche zusammen, was natürlich eine Menge Leute mitbekommen haben.

Großeltern, Verwandte und Freunde haben es alle positiv aufgenommen. Selbst in der Kirchengemeinde ist meine Homosexualität bekannt und überhaupt kein Problem.

Mein Hauptproblem war einfach der Kampf gegen mein eigenes ich. Heute bereue ich es, solange dagegen angekämpft zu haben und nicht einfach von Anfang an akzeptiert zu haben, dass ich schwul bin. Ich hätte schon mit 16 Jahren so glücklich sein können, wie ich es jetzt bin.

Ergänze den Satz: "In der Öffentlichkeit ist Händchen halten mit meinem Freund für mich

Miguel: ...kein Problem. Zumindest wenn ich mich in meiner Umgebung wohl fühle. Es ist einfach abhängig von dem Ort und den Leuten dort. Das ganze beschränkt sich aber nicht auf das Händchen halten. An dem Ort, wo ich meinen Freund nicht an die Hand nehme oder ihn küsse, bin ich nicht ich. Vor negativen Reaktionen habe ich keine Angst. Ich bin ja nicht auf den Mund gefallen. Es ist eher die Angst vor Gewalt, die einen dann doch ein bisschen vorsichtig werden lässt.

Zum Glück ist diese Angst nur noch selten. Ich finde es wichtig der Gesellschaft zu zeigen, dass Schwule auch ganz normale Männer sind und nicht alle klischeehaft mit Schminke und Handtasche durch die Stadt rennen.

dbna/Miguel

Wie stellst du dir ein perfektes Date vor?

Miguel: Kerzenschein, schöne Musik, . Nein, nicht wirklich. Das könnte ich auch mit meiner Oma haben. Das perfekte Date beginnt mit einer schüchternen Umarmung und endet mit einem langen Kuss. Ganz egal, ob man es mit Pizza essen, im Kino oder auf einer Decke im Park verbringt. Was ewig in Erinnerung bleibt, sind die Gefühle, wie das Kribbeln im Bauch, die Nervosität, die Angst etwas falsch zu machen und jede kleine Berührung, die das Herz höher schlagen lässt. Für mich ist genau das, das perfekte Date.

Was ist dein Lebenstraum?

Miguel: Ich möchte im Beruf erfolgreich sein, schön Leben können, einen Alfa Romeo oder Mercedes fahren und glücklich verheiratet sein. Das wäre so mein Traum. Wobei ich ehrlich gesagt zugeben muss, dass es mir völlig reicht glücklich zu sein. Ob als Single oder ohne Auto ist mir völlig egal. Hauptsache ich kann ohne Diskriminierung und Ausgrenzung glücklich und zufrieden alt werden.

Was bedeutet dein Nickname?

Miguel: feliz-chico ist spanisch und bedeutet "glücklicher Junge". Da ich stolz auf meine spanischen Wurzeln bin, habe ich den Nickname in dieser Sprache gewählt. Der Name "feliz-chico" steht für die Erfahrung mit dem Kampf gegen die eigene Homosexualität und der Einsicht, dass man nur wirklich glücklich ist, wenn man "sich selbst" ist und nicht jemand versucht jemanden darzustellen, der man gerne wäre.

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