Nils (20) aus Bad Hersfeld

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Nils (20) aus Bad Hersfeld
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Nils spricht über seine Arbeit als Au Pair, die Szene in Austin, Texas und sein Coming-out. Der dbna'ler des Monats Juni 2012.

Nils, du arbeitest zurzeit als Au Pair in den Vereinigten Staaten von Amerika. Hat man es als Schwuler nicht schwer, in eine solche Kinderbetreuung reinzukommen?
Nils: Ja und Nein. In der Regel suchen die Gastfamilien nach weiblichen Au Pairs, da leider!! der Ruf um uns Jungs als Kinderbetreuer nicht gerade der beste ist, insbesondere wenn es sich bei den Kids um kleine Mädchen handelt. In der Hinsicht sind die Amerikaner wahnsinnig vorsichtig und vorurteilsbehaftet. Von allen Au Pairs, die jährlich hier herüber fliegen, bilden Jungs gerade mal einen Anteil von höchstens 2%, wenn überhaupt. Die Wahrscheinlichkeit, als Junge genommen zu werden, liegt also nicht allzu hoch.

Es ist jetzt aber schwer zu sagen, ob man es als Schwuler dann nochmal schwerer hat. Ich würde fast sagen, dass man es gegebenenfalls sogar einfacher haben kann. Es gibt Familien, die schwule Jungs bevorzugen, weil sie ihnen mehr vertrauen und weniger "Angst um ihre kleine Tochter" haben. Ebenso gibt es homosexuelle Eltern, die deswegen auch speziell nach homosexuellen Au Pairs suchen. Man hat es also allgemein als Junge schwerer, aber wenn man dazu noch schwul ist, macht das keinen großen Unterschied. Es ist eher witzig, wie ich hier sehr häufig direkt gefragt werde, ob ich schwul sei, wenn ich mich als Au Pair vorstelle.

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Wie bist du überhaupt auf die Idee gekommen, dich als Au Pair zu bewerben?
Nils: Ich wollte unbedingt zwischen Abitur und Uni ein Jahr "raus". Ich dachte erst an Work&Travel, aber das war ziemlich teuer. Dann hat mir eine ehemalige Klassenkameradin aber erzählt, sie habe sich als "Au Pair" für Amerika beworben. Mit ihr habe ich mich ziemlich lange darüber unterhalten, denn es klang echt vielversprechend, zumal es um Welten günstiger ist als Work&Travel.  Ich habe mich dann auch bei derselben Agentur beworben, bei der sie sich auch angemeldet hat und nun sind wir sogar beide zur selben Zeit hier drüben sie oben in Boston, ich hier unten in Austin.

Dein "Einsatzort" ist nicht gerade für seine liberalen Ansichten verschrien. Nun bist du in Texas gelandet. Hattest du darauf gar keinen Einfluss?
Nils: Man darf am Anfang Einschränkungen machen, wohin man gerne möchte. Im Grunde genommen könnte man eine einzige Stadt nennen, um nirgendwo anders zu landen. Der Haken ist nur: Je mehr man seine Ortsauswahl einschränkt, desto kleiner wird die Wahrscheinlichkeit, am Ende eine Familie zu finden. Und da ich es als Junge ja ohnehin schon schwerer habe, kamen Einschränkungen für mich nicht in Frage; ich habe also alles offen gelassen.

Als ich dann hörte, ich komme nach Texas, war ich natürlich erst einmal geschockt, wegen meiner Vorurteile, die ich damals hatte: Wüste, konservativ, schwulenfeindlich usw. Ich habe auch nie wirklich etwas von der Stadt Austin gehört. Ich war fast schon ein wenig traurig, nicht in eine große bekannte Stadt zu kommen.

Aber jetzt, da ich hier bin, könnte ich mir keine bessere Stadt zum Leben vorstellen. Austin an sich ist schon sehr schön und sauber. Dann sind die Leute hier so unglaublich freundlich und offen, sowas kann man sich in Deutschland nicht vorstellen. Ich gehe nur durch den Supermarkt und werde von unbekannten Leuten und Angestellten gefragt, wie es mir geht und wie mein Tag war. Auch wenn es einfach nur eine Höflichkeitsfrage ist, man fühlt sich wahnsinnig wohl!

Austin ist aber scheinbar auch eine Ausnahmestadt hier in Texas. Der ganze Rest ist wohl wirklich eher konservativ und nicht besonders offen für Homosexualität. Das war auch der Grund, warum ich ungeoutet hier herüber kam. Austin ist aber tatsächlich fast wie ein eigener Staat und passt so gar nicht nach Texas. Die Stadt hat ihren eigenen Spruch, der heißt: "Keep Austin weird!", was bedeutet: "Bewahre Austin verrückt!" Und so ist es wirklich! Der Anteil an Homosexuellen ist in Austin auch größer als in allen anderen Städten von Texas.

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Weiß die Familie, für die du arbeitest, überhaupt, dass du schwul bist?
Nils: Meine Gastfamilie weiß nicht, dass ich schwul bin, zumindest haben wir noch nie drüber geredet. Ich bin keiner, der von sich aus direkt darüber redet und schon bei der Begrüßung gleich als Thema in den Raum wirft. Solange sie mich also nicht fragen, spreche ich auch nicht darüber. Ich habe aber eine super Familie erwischt, bei denen ich mir ziemlich sicher bin, dass es sie nicht stören würde.

Wie gehst du überhaupt in deiner Freizeit drüben mit deiner Homosexualität um?
Nils: Ich bin wie gesagt kein Mensch, der sich direkt als Schwuler vorstellt. Solange mich also keiner drauf anspricht, rede ich auch nicht drüber. Ich muss ja niemandem meine Sexualität aufdrängen.

Am Anfang war ich aber definitiv noch vorsichtiger. Ich wollte ungeoutet bleiben, einfach des Vorurteils wegen, man sei hier so konservativ. Nach einem guten halben Jahr, war es mir dann aber egal. Da ich nun weiß, wie "weird" Austin ist, habe ich keine Probleme, ehrlich zu antworten, wenn man mich fragt, ob ich schwul sei.

Ich habe hier auch das erste Mal richtig gute heterosexuelle Jungs als Freunde gefunden. In Deutschland hatte ich den Eindruck, dass mit dem Coming-out viele Heterojungs weniger in Kontakt mit dir treten. Hier wirst du genau so akzeptiert, wie du bist, was vielleicht auch mit der extrem starken Gläubigkeit hier drüben zusammenhängt.

Gibt es in Austin, Texas überhaupt so etwas wie eine Szene? Welche Erfahrungen hast du diesbezüglich gemacht?
Nils: Es gibt einige Gay-Clubs. Ich habe auch gehört, dass es in Ost-Austin eine größere Szene gäbe. Ich kam bisher aber noch nie dazu, mich selbst davon zu überzeugen und ich habe es auch nicht unbedingt vor ich war in Deutschland für kurze Zeit in der Szene, vermisse es hier drüben aber gar nicht! Ich weiß nur so viel, dass das Schwulsein hier in Austin (von ganz Texas) am stärksten auch öffentlich ausgelebt wird.

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Doch nun mehr zu dir selbst. Wann hast du überhaupt gemerkt, dass du "anders" als der Rest bist?
Nils: Langsame Anfänge hat es während meiner Konfirmation gemacht, denn ich hatte einen anderen Jungen in meiner Gruppe, zu dem ich mich seltsam mehr hingezogen fühlte als "normal". Wir haben uns auf unserer Konfi-Freizeit dann auch ein wenig "ausgetestet". Er ist nach wie vor hetero, bei mir hat es sich seitdem aber in die andere Richtung gebogen.

Wie haben deine Eltern auf dein Coming-out reagiert?
Nils: Meine Eltern sind der Wahnsinn und ich liebe sie dafür sehr, denn sie haben sich deswegen nicht verändert, sondern unterstützen mich ebenso sehr wie vor meinem Coming-out. Meiner Mama habe ich angemerkt, dass ich ihr damit keinen Gefallen getan habe, sie meinte: "Andersherum wäre es mir zwar lieber, aber wir haben dich immer noch lieb und das einzige, was wir wollen ist, dass unsere Kinder glücklich sind." Mein Papa war ganz locker und sagte nur: "Ja, ich hatte mich schon einmal mit diesem Gedanken beschäftigt."

Gibt es etwas, was du bereust? Würdest du etwas anders machen?
Nils: Ich bereue nichts. Ich habe am Anfang sehr lange damit gekämpft bzw. mich gezwungen, wieder auf Mädchen zu stehen, aber ich musste auch feststellen, dass man sich in der Liebe eben zu nichts zwingen kann. Ich habe es so akzeptiert und ich kann mich auch immer noch im Spiegel anschauen und trotzdem stolz auf mich sein.

Alles was ich bisher in Sachen Liebe erlebt habe, waren Erfahrungen und aus Erfahrungen lernt man, die sollte man nicht bereuen. Ich kann deshalb auch nicht sagen, dass ich etwas anders machen würde, denn alles weitere, was ich erlebe, werden auch Erfahrungen und ich hoffe, sie werden gut.

Auf was freust du dich am meisten, wenn du wieder zurück in Deutschland bist?
Nils: Zurück in Deutschland freue ich mich am meisten natürlich auf das Wiedersehen mit meiner Familie und Freunde. Ich freue mich auch auf Kleinigkeiten, die man hier vermisst, wie zum Beispiel das gute Vollkornbrot. Aber vor allem freue ich mich auf einen ganz besonderen Jungen, den ich letztes Jahr um diese Zeit schweren Herzens zurücklassen musste.

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