Noah (16) aus Karlsruhe

Fabian Schäfer Von Fabian Schäfer
Noah (16) aus Karlsruhe

Der Schüler erzählt uns von seinem Plan, nach England auszuwandern und wieso er seinen ersten Fallschirmsprung langweilig fand. Außerdem erklärt er, was seine zwei Tattoos bedeuten und wieso die Trennung von seinem Freund das Schlimmste war, was er bisher erlebt hat.

Noah, du hast neulich ein Praktikum bei einem Bestatter gemacht. Wie bist du denn darauf gekommen?

Wir müssen von der Schule aus ein Praktikum machen und ich wollte eines haben, wo noch nie jemand war. Das hat mich einfach interessiert. Aber bei mir ändert sich fast täglich, was ich werden will. Ich hatte da keine Berührungsängste, als wir die Toten abgeholt haben oder ins Krematorium gebracht haben. Da habe ich sogar gesehen, wie die gerade verbrennen. Für eine Woche war das okay, aber fürs ganze Leben ist mir das nicht spannend genug.

Nach der Schule willst du erst einmal ins Ausland. Wohin solls gehen?

Eigentlich wollte ich gerne in die USA für ein Jahr oder 18 Monate als Au-Pair. Aber dafür braucht man Abitur oder einen Realschulabschluss plus Ausbildung. Das fällt also weg, weil ich gleich nach der Schule weg möchte und nicht erst nach der Ausbildung. Jetzt finde ich England oder Australien am besten für work and travel. Das ist auch eine gute Gelegenheit, mein Englisch zu verbessern.

Du würdest ja sowieso gerne auswandern

Ja, genau. Ich finde Deutschland einfach zu langweilig, da kann man nichts machen, und das Wetter ist Müll. Ich würde gerne nach England, aber gut, da ist das Wetter auch nicht besser (lacht). Aber es ist einfach das geilste Land, das ich bisher gesehen habe. Am liebsten würde ich gleich nach der Ausbildung gehen.

Ganz alleine, ohne Freunde und Familie hast du da keine Angst vor?

Nein, die Freunde können ja mitkommen (lacht). Aber wirklich: Bevor ich an andere denke, denke ich eher an mich. Und England ist ja eigentlich nicht so weit weg. Ich brauche was, woran ich wachsen kann. Ein Abenteuer.

Noah
Noah vor dem London Eye: Am liebsten würde er nach England auswandern.

Noah vor dem London Eye: Am liebsten würde er nach England auswandern.

Du sagst von dir selbst, dass du ein spannendes Leben hast. Inwiefern denn?

Ich bin viel unterwegs und die meiste Zeit nicht daheim. Ich bin immer für spontane Ideen zu haben. Am Wochenende bin ich meist feiern, das ist mit 15 in meinem Kaff kein Problem, und ich habe auch nur ältere Freunde. Zum Glück habe ich ein gutes Verhältnis zu meiner Mutter, die mir da vertraut, und die meine Freunde auch kennt.

Und du hast schon einen Fallschirmsprung gemacht

Ich bin ein Fan von Adrenalin. Erst habe ich an einen Bungee-Sprung gedacht, aber das darf man mit 14 noch nicht. Dann hatte ich die Idee, dass ein freier Fall aus 4000 Metern geil sein könnte. Also habe ich einen Tandemsprung gemacht. Das heißt, dass ich vorne bei jemandem angebunden war, der den Fallschirm zieht und runtergleitet.

Und, hat dir das den gewünschten Kick gebracht?

Wenn ich jemandem erzähle, wie es war, sage ich meist, dass es langweilig war. Der Kick war nur am Anfang im Flugzeug war, kurz vor dem Absprung. Am Anfang ist es richtig gut, aber das Fallen an sich fand ich langweilig. Ich hatte mir irgendwie mehr erhofft.

Wie kamst du eigentlich auf die Idee für deine zwei Tattoos?

Ich habe mir das Geburtsdatum meiner Mutter auf die Wade tätowieren lassen. Viele denken, dass man sich erst ab 16 stechen lassen darf, aber es geht schon mit 14, wenn ein Elternteil dabei ist. Meine Mutter war  dagegen, aber mein Vater war dabei. Sie meinte, ich sei mit 15 zu jung dafür. Damit hat sie ja auch irgendwie Recht, aber ob ich 16 oder 15 bin, ist auch egal. Ich bereue es auf jeden Fall nicht.

Noah
Von seinem ersten Fallschirmsprung war Noah nicht so begeistert: "Das Fallen an sich fand ich langweilig."

Von seinem ersten Fallschirmsprung war Noah nicht so begeistert: "Das Fallen an sich fand ich langweilig."

Und was ist das zweite Tattoo?

Als ich gesagt habe, dass ich noch ein zweites will, hätte mir meine Mutter am liebsten den Kopf abgerissen (lacht). Am rechten Handgelenk habe ich mir Berge tätowieren lassen. Ich fand einfach das Motiv schön, hatte Geld übrig, aber es hat keine tiefere Bedeutung. Und im Januar habe ich wieder einen Termin: Ich will mir auf den linken Oberschenkel die La Catrina stechen lassen, genau wie meine Schwester es hat. Das ist eine mexikanische tote Frau und ich finde das Motiv mega geil.

Du scheinst ja ein gutes Verhältnis zu deinen Eltern zu haben. Wie war denn dein Coming-out?

Zuerst habe ich mich bei meiner besten Freundin geoutet. Das war im November vorletztes Jahr. Sie stand nämlich auf mich, war total verliebt. Dann habe ich ihr nachts auf WhatsApp geschrieben, dass das nichts wird, weil ich schwul bin. Sie war am Anfang schockiert. Am 13. Dezember 2014 hat es dann meine Mutter erfahren.

Wie lief das ab?

Ich war bei meiner besten Freundin und habe mit meiner Mutter telefoniert, weil sie am Wochenende außer Haus sein würde. Also hat sie gesagt, ich sollte zu meinem Opa gehen. Ich wollte aber, dass mein Exfreund bei mir schlafen kann. Wir haben dann ewig rumdiskutiert, bis meine beste Freundin das Telefon genommen und gesagt hat, dass ich schwul bin und dass mein Freund bei mir schlafen soll. Dann hat sie aufgelegt.

Und was ist passiert, als du nach Hause kamst?

Ich kam nach Hause und sie meinte zu mir, dass wir reden müssen. Sie hat gesagt, dass sie es nicht schlimm findet. Ich habe sie gebeten, dass sie es erst einmal niemandem sagen soll. Kurze Zeit später hat mir meine Schwester dann geschrieben, dass sie nichts dagegen hat. Meine Mutter konnte es einfach nicht für sich behalten (lacht). Stückchenweise haben es dann nach und nach immer mehr Freunde und Familie erfahren. Alle haben positiv reagiert.

Noah
Noah wird sich bald sein drittes Tattoo stechen lassen. "Als ich gesagt habe, dass ich noch ein zweites will, hätte mir meine Mutter am liebsten den Kopf abgerissen."

Noah wird sich bald sein drittes Tattoo stechen lassen. "Als ich gesagt habe, dass ich noch ein zweites will, hätte mir meine Mutter am liebsten den Kopf abgerissen."

Das hat sich aber geändert

Ja, als es auf einmal die ganze Schule wusste, habe ich viele negative Sprüche und Beleidigungen gehört. Ich bin selbstbewusst und es hat mir nichts ausgemacht. Und es war niemand, der mir wichtig ist. Ich bin zu einer Lehrerin gegangen und ihr davon erzählt. Wer einen blöden Spruch gebracht hat, musste sofort zum Rektor. Seitdem ist alles wieder gut.

Hat denn nun eigentlich dein Exfreund damals bei dir geschlafen?

Ja, hat er, aber davon hat damals niemand etwas gewusst (lacht). Es war auch keine richtige Beziehung, würde ich sagen. Das ging so zwei Monate lang, dann habe ich gemerkt, dass er nicht treu gewesen ist. Ich habe mich einfach nicht mehr wohlgefühlt.

Aber du hattest auch eine andere Beziehung, die nicht so gut ausging

Das war schon fast wie eine Ehe (lacht). Wir haben nur fünf Minuten voneinander weg gewohnt und uns jeden Tag gesehen. Heute haben wir aber keinen Kontakt mehr, weil wir uns total gestritten haben. Er hat sich im Juli nach vier Monaten getrennt, weil er meinte, er liebt mich nicht mehr.

Wie ging es dir nach der Trennung?

Das war das Schlimmste, was ich je erlebt habe. Ich bin jetzt darüber hinweg, aber noch nicht zu hundert Prozent. Ich sehe ihn fast jedes Wochenende im Pub, das ist immer komisch. Aber seine Freunde stehen hinter mir und sagen, ich sollte ihn vergessen, ich habe was Besseres verdient. Das Typische eben, was einem nichts bringt (lacht).

Was ist dir bei einem Jungen denn wichtig?

Dass ich so sein kann wie ich bin. Und er sollte kein häuslicher Typ sein. Er sollte wie ein bester Freund sein, nur dass man sich eben verliebt. Ansonsten habe ich keine richtigen Vorstellungen, außer dass er ein bisschen älter als ich sein sollte.

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