Philipp (20) aus Laatzen

Redaktion Von Redaktion
Philipp (20) aus Laatzen
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Philipp spricht über seinen Sport, sein Coming-out sowie seine Meinung über die Szene. Der dbna'ler des Monats April 2012.

Philipp, Du beschreibst Sport als Deine große Leidenschaft was treibt Dich an?
Philipp: Ich glaube das Fahrradfahren ist eins der schönsten Dinge auf der Welt. Wenn wir es lernen, ist es die erste Möglichkeit unabhängig zu sein, die erste Möglichkeit, einfach allen Sorgen davonzufahren oder mit den besten Freunden an einem Sommerabend durch die Straßen der Sonne entgegenzufahren. Es ist das pure Freiheitsgefühl und das erste Mal, dass wir dieses Gefühl wirklich erleben, ist, wenn wir gelernt haben Fahrrad zu fahren.

Angefangen hat alles damit, dass mein Opa im Sommer immer die Tour de France im Fernsehen oder auch auf Frankreichs Straßen live verfolgt hat. Und nun sah ich immer diese verrückten Radfahrer und meine Eltern drängten mich, ich solle doch irgendeine Sportart als Ausgleich zum Schulalltag betreiben. Also habe ich mich, aufgrund meiner damaligen Faulheit, eher widerwillig bei einem Radsportverein informiert. Doch als der Trainier mir sofort leihweise ein Rennrad in die Hand drückte, wurde ich ernsthaft neugierig und wollte das unbedingt mal ausprobieren.

Und was treibt mich nun an? Zum einen ich selbst, da ich mir meine sportlichen Ziele sehr hoch stecke. Zum anderen der (zugegeben sehr kitschige) Gedanke, dass mein Opa, der kurz nach meinem Start im Radsport gestorben ist, imaginär irgendwo am härtesten Ansteig steht und mich anfeuert. Das treibt mich an. Das, und die Tatsache, dass mir nach 187km Bundesligarennen jemand über Funk ins Ohr schreit, dass die Verfolger nur 17Sekunden Rückstand haben und ich gefälligst schneller fahren solle (lacht).

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Als Leistungssportler bist Du geoutet wie hat Dein sportliches Umfeld auf Dein Coming-out reagiert?
Philipp: Ach, es war gar nicht so das Coming-out im herkömmlichen Sinne. Ich bin nicht irgendwann mit einer Regenbogenflagge bei einem großen Radrennen aufgetaucht und habe "Alle Macht den Schwulen" gebrüllt. Es ist einfach mehr und mehr durchgesickert, weil ich es nicht einsehe, meine Sexualität zu verstecken. Und ähnlich waren auch die Reaktionen. Es wurde zu Kenntnis genommen, aber ich kann nicht sagen, dass ich dadurch mehr oder weniger Freunde im Fahrerfeld habe. Aber viele Sportler trauen sich nicht, sich zu outen und ich kann es ihnen im Grunde auch nicht verdenken, denn wenn man Pech hat, gilt man dann als die Schwuchtel, mit der niemand zusammen in den Gemeinschaftsduschraum möchte. Aber wenn man selbstbewusst ist und mit einem lauten "Achtung Mädels, ich bin da, ab jetzt nicht mehr die Seife fallen lassen" in den Duschraum kommt, ist die Stimmung gelockert und dann ist es doch ganz egal, ob man nun auf Männer oder auf Frauen steht.

Und die Menschen sind offener mir gegenüber und ich gebe zu: Es ist auch einfach lustiger, weil die Sexualität dann doch öfter mal zum Gesprächsthema wird.

Ein Beispiel: Ein Fahrer zeigt im Rennen auf seinen Hintern und sagt zu mir "Da ist dein Platz". Gemeint ist natürlich, dass ich in seinem Windschatten fahren soll, bis er mich in eine anständige Position zum Attackieren gebracht hat. Aber ihr könnt euch ja vorstellen, dass so eine Äußerung in meiner Gegenwart schon das ein oder andere (absolut nicht negativ gemeinte) Gelächter auslösen kann.

Man sieht also: Auch im Leistungssport ist ein Coming-out absolut kein Problem und ich kann es nur jedem Sportler empfehlen. Es gibt nämlich absolut keinen Grund es nicht zu tun, man muss nur zu 100% dahinter stehen.

Und wieso glaubst Du, dass man Dir Dein Schwulsein nicht anmerkt?
Philipp: Ich lebe einfach mein Leben. Ich gehe locker mit meiner Sexualität um, verstecke sie nicht, ich dränge sie aber auch niemandem auf. Es hat den Menschen doch egal zu sein, ob ich mit einem Jungen oder mit einem Mädchen zusammen bin, das ändert ja nichts an meinem Charakter oder generell an meiner Person.

Ich bin also nicht "der Schwule", ich bin eher "der Student" oder "der Rennfahrer". Und ich glaube, das ist auch schlussendlich die Sichtweise, bei der ein Coming-out am problemlosesten ablaufen kann. Man darf nicht verstecken, wer man ist, man sollte es aber auch nicht zu sehr raushängen lassen. Natürlich hat es auch mal Spaß gemacht, in der Abi-Mottowoche als Schneewittchen zu gehen, aber das bleibt ja dann doch eher die Ausnahme (lacht).

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Wie war die Reaktion deiner Eltern, als du dich geoutet hast?
Philipp: Sehr unterschiedlich. Ich war einer von denen, die viel zu feige waren, um es den Eltern direkt zu sagen. Also habe ich, in meinem Frust, meinen Eltern einen Brief geschrieben und dort alles erklärt. Meine Mutter hat es sofort verstanden, akzeptiert und war glücklicherweise so klug, den Brief noch rechtzeitig vor meinem Vater zu verstecken.

Mit meinem Vater wurde es dann etwas schwieriger. Natürlich fehlt einem der Mut, wenn man weiß, wie oft extrem schwulenfeindliche Witze gemacht wurden und er wirklich jeden erkennen ließ, dass er die Schwulen hasste. Da überwiegt dann selbstverständlich die Vorsicht, doch trotzdem fasste ich mir ein Herz, da ich es ja so oder so irgendwann machen musste, und schrieb auch ihm einen, etwas defensiver verfassten Brief.

Es las den Brief, den ich meiner Mutter zur Übergabe zugesteckt hatte, doch anstatt erst einmal nachzudenken, hatte er die üblichen, von "uns Schwulen" so verhassten Vorurteile wie "Das kann er doch noch gar nicht wissen" oder "Er hat nur noch nicht das richtige Mädchen getroffen".

Er schlief viele Nächte überhaupt nicht und redete wochenlang kein Wort mit mir. Dann, irgendwann, aus heiterem Himmel kam er in mein Zimmer, "um mit mir zu reden. Und erstaunlicherweise hatte er  begriffen, dass er sich nicht aussuchen kann, welche sexuelle Orientierung sein Sohn hat. Er hat mir sehr aufrichtig über all seine Vorstellungen und Befürchtungen berichtet und seit diesem Gespräch denke ich, mich besser mit ihm zu verstehen, als jemals zuvor.

Und in der Schule haben Deine Klassen- und Schulkameraden wie reagiert?
Philipp: Das war ähnlich wie in den "sportlichen Kreisen". Allgemein gefasst würde ich behaupten, vor dem Schul-Coming-out wesentlich weniger Freunde gehabt zu haben, als danach. Ich glaube nicht, dass dies am Coming-out an sich lag, sondern vielmehr daran, dass ich einfach offener für alle wurde. Ich wurde also vom Einzelgänger zu dem, der alle kennt und mit jedem klarkommt.

Ansonsten war es aber extrem unspektakulär. Ich habe mich nicht vor die Klasse gestellt und gesagt: "Hey Leute, ich bin übrigens die Jahrgangsschwuchtel", sondern es ist eher langsam durchgesickert. Und wenn die Leute mich ganz ehrlich und direkt gefragt haben, ob ich denn schwul sei, so habe ich auch immer ehrlich und direkt geantwortet. Vielleicht hat mir genau das auch manch eine negative Reaktion erspart.

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Was hältst du von der "Szene"?
Philipp: Oh, eine schwere und sehr interessante Frage, zumal ich quasi mit der Szene groß geworden bin, was aber nicht unbedingt heißt, dass ich ein großer Befürworter bin. Mein erster Freund schleifte mich beinahe gegen meinen Willen damals auf eine dieser Szene-Partys. Es war eigentlich nicht mein Ding  und so gingen wir auch relativ früh wieder nach Hause.

Doch nach der Trennung wurde ich neugierig, was sich hinter dem großen Begriff "Szene" denn wirklich versteckt, also habe ich mich regelmäßiger dort blicken lassen. Ich lernte auch ein paar ganz nette Menschen kennen, doch wer auf der Suche nach der großen Liebe ist, sollte besser nicht auf der Tanzfläche suchen, wie auch mir bald klar wurde. Denn hier findet man doch im Grunde nur das, was viele Vorurteile besagen und dazu möchte ich mich auch nicht weiter äußern.

Auf der anderen Seite muss man sagen, dass man sich in der Szene auch durchaus wohl fühlen kann, wenn man gerne feiern geht, einen guten und stabilen Freundeskreis hat und nicht aus lauter Naivität versucht, dort den Partner fürs Leben zu suchen.

Wenn du dir deinen Traummann backen könntest, wie sollte er sein?
Philipp: Ich will mir meinen Traummann garnicht backen! Das wäre doch viel zu oberflächlich oder? Ich könnte auch gar nicht sagen, ob er blond und blauäugig sein sollte oder eher kurze, dunkle Haare haben muss. Natürlich gibt es gewisse Dinge, die stimmen müssen, wie ein gepflegtes Äußeres, Treue und ein starker Charakter. Aber ich könnte ihn mir nicht backen, weil mir im übertragenen Sinne sämtliche Rezepte und Zutaten fehlen.

Ich kann sagen, dass er nicht perfekt sein muss, da es ja langweilig wäre, ihn nicht mit seinen kleinen Macken ärgern zu können. Und natürlich träume auch ich davon, irgendwann eine langjährige Beziehung zu haben, genau wie Haus, Hund und vielleicht sogar Kinder. Ich mache mir darüber aber eigentlich wenig Gedanken. Wenn er kommt, werde ich es schon merken.

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Wie lang dauerte denn deine längste Beziehung?
Philipp: Sagen wir einfach, ich hatte bisher noch nicht das Glück, jemanden zu finden, der tatsächlich bereit ist, mit mir eine langfristige Beziehung zu führen. Natürlich hatte ich die ein oder andere Beziehung, die dann allerdings immer nach ein paar Monaten in die Brüche gingen. Das lag glücklicherweise nicht an Untreue oder Lügen, sondern vielmehr daran, dass es gefühltechnisch einfach nicht gepasst hat, doch das macht es ja auch nicht besser. Wie auch immer, ich werde nichts versuchen zu erzwingen und es einfach auf mich zukommen lassen. Natürlich ist das Leben in einer Beziehung schöner, aber auch das Single-Leben hat seine Vorteile, ich bin also kein Mensch, der "unbedingt einen Freund braucht". Mal sehen was die Zukunft so bringt.

Ergänze den Satz: "In der Öffentlichkeit ist Händchen halten mit meinem Freund für mich..."
Philipp: "eine interessante Angelegenheit." Wie ja schon erwähnt bin ich niemand, der anderen seine Homosexualität förmlich aufdrängt. Allerdings geht das schon mal, wenn es nicht grade auf einem komplett überfüllten Platz vorkommt.

Machen wir uns doch nichts vor: Die Gesellschaft ist noch nicht so weit, um bei öffentlicher Zuneigung gleichgeschlechtlicher Paare genauso (nämlich nicht) zu reagieren, wie bei heterosexuellen Paaren. Da wird natürlich hingeguckt und dann peinlich weggeschaut, da werden auch mal böse Sprüche ausgetauscht und es gab auch schon Situationen, in denen man sich im Kino von mir wegsetzte.

Trotzdem bin ich der Meinung, dass man auch in der Öffentlichkeit seine Zuneigung zum Ausdruck bringen darf, nur eben nicht unbedingt wenn tausend Menschen dabei zugucken. Das ist aber eine ganz sexualitätsunabhängige Meinung, die ich hier vertrete. Ich bin auch kein Mensch, der seinen Freund händchenhaltend beim Shoppen von einem Laden zum nächsten zieht. Aber wenn man seinem Freund in der Öffentlichkeit zum Beispiel kurz einen Kuss gibt, ist daran sicher nichts auszusetzen.

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