Tobias (17) aus Augsburg

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Tobias (17) aus Augsburg
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Tobias spricht über seine Liebe zur Musik, von seinem romantischstem Augenblick und seinem ersten Freund, der seine Rettung war. Der dbna'ler des Monats März 2012.

Tobias, eine deiner größten Leidenschaften ist Musik. Wie kamst du überhaupt dazu und was verbindet dich mit ihr?
Tobias: Musik sehe ich als etwas Multidimensionales an, das sich nur schwer in Worte fassen lässt. Und genau das ist meiner Meinung nach das unglaublich Schöne an der Musik. Mit ihr kann man nämlich das ausdrücken, was einen wirklich bewegt und was sich mit unseren Worten nichtmehr beschreiben lässt.

Seit meiner Kindheit begleitet sie mich in den verschiedensten Formen durch den Tag. Dabei war sie meistens kein Begleiter im Sinne eines unbedeutenden, sanften Klangteppichs, von dem man sich stundenlang berieseln lässt. Vielmehr ist Musik für mich eine Art akustischer Spiegel meiner Seele, der - ähnlich einer Droge die Gefühle in jede Richtung intensiviert. Wenn mir die Seele brennt - ganz egal ob durch positive oder negative Emotionen dann lasse ich mich von der Musik forttragen und (er-)lebe meine Gefühle.

Durch Musik sind für mich auch kleine Zeitreisen möglich. Im Laufe meines Lebens sind bestimme Situationen und teilweise ganze Lebensabschnitte, in meiner Erinnerung mit einem Lied, einem Album, einem Künstler oder einem Genre verschmolzen. Wenn ich das jeweilige Lied dann wieder höre, dann wallen in mir sofort wieder exakt die Gefühle, die ich damals empfunden habe, auf. Das hat etwas Magisches

Was ist deiner Meinung nach deine größte Begabung?
Tobias: Meiner  Auffassung nach kann ich ein sehr angenehmer, aufmerksamer und fordernder Gesprächspartner sein. Das wurde mir schon des Öfteren von anderen bescheinigt und ich stelle  auch fest, dass man gerne mit mir redet und diskutiert. Das liegt, denke ich, unter anderem daran, dass ich wirklich zuhören kann. Erstens gebührt das der Respekt und zweitens möchte ich in der Lage sein, eine anständige Antwort abzugeben.

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Zudem liebe ich es mit Worten zu spielen und sie bewusst einzusetzen, denn jedes Wort erzielt eine bestimmte Wirkung auf den anderen. Großen Wert lege ich darauf, dass ich niemanden verletze mit dem, was und wie ich etwas sage. Hauptsächlich tue ich das aus dem Grund, dass ich ein sehr sensibler Mensch bin, der mit weniger feinsinnigen Menschen nur schwerlich zurechtkommt.

Meinem an sich eher etwas ernsten, ruhigen und vor allem tiefen Gemüt ist es zu verdanken, dass man mit mir auch ernste Töne anschlagen und ein Gespräch mit ordentlichem Tiefgang führen kann. Dabei darf aber Humor nicht fehlen. Trocken, lakonisch, subtil und rabenschwarz.

Welche Charaktereigenschaft schätzt du an dir selbst besonders?
Tobias: Meiner Meinung nach bin ich ein sehr rücksichtsvoller, umsichtiger und zuverlässiger Mensch. Das ist auf ein großes Empathievermögen meinerseits zurückzuführen, das sich bei mir unter anderem durch viele kleine Gesten ausdrückt. Wenn ich etwas tue, dann wäge ich ab, welchen Einfluss das auf andere hat. Manchmal übertreibe ich das auch und denke an Kleinigkeiten, an die kein anderer denken würde einen schlechten Eindruck hat das aber noch nie gemacht.

Außerdem denke ich zuerst über das, was ich von mir gebe, nach. Ich versetze mich dann auch gerne in den anderen hinein und merke so, wann man das Thema wechseln sollte, ob man eine Frage besser nicht stellt und wann man einfach mal still sein sollte.

Aufmerksam bin ich ebenso im Hinblick auf die Charaktereigenschaften und Interessen von anderen. Man kann einfach nicht mit jedem gleich reden und jedem dasselbe auf die gleiche Art und Weise erzählen. Jeder Mensch ist verschieden und ich versuche da so gut es geht drauf einzugehen. 

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Welche Charaktereigenschaft hättest du am liebsten gar nicht?
Tobias: Manchmal bin ich ziemlich angespannt und verkrampft. Wenn etwas noch nicht ganz im Klaren ist, dann macht mich das nervös. Da wird bei mir schnell aus der Fliege ein Elefant. Und hinterher ärgere ich mich immer grün und blau, da es selten so kompliziert gewesen ist, wie ich mir das ausgemalt hatte. Ich bewundere Menschen, die vieles einfach auf sich zukommen lassen können, die Ruhe bewahren und pure Gelassenheit ausstrahlen.

Ich habe aber festgestellt, dass ich mich auf einem guten Weg befinde. Heute bin ich schon deutlich langmütiger und entspannter, als ich es noch vor zwei Jahren gewesen bin. Trotzdem kommt es immer wieder vor, dass ich mich schon weit im Voraus verrückt mache und mir dadurch selbst im Weg stehe.

Welcher Augenblick war für dich bisher der romantischste?
Tobias: Der erste Kuss es war wie im Bilderbuch. Es war ein richtig schöner Tag im Juli, als ich das erste Mal einen anderen jungen Schwulen getroffen habe. Wir waren zuerst in der Stadt und haben uns dann in einen großen Park zurückgezogen. Da waren romantische Bänke unter einer Platanenallee. Die Sonne schien durch die Bäume, da waren Vögel Es hat gar nicht lange gedauert, bis wir dort Arm in Arm saßen und dann war es soweit, der erste Kuss.

Ich habe noch nie so wenig von meiner Umwelt wahrgenommen und mich selten so auf eine Person konzentriert. Dass drei Stunden auf einer Parkbank so spannend, so schön und so romantisch sein können, das hätte ich nicht für möglich gehalten.

Was darf für dich in einer Beziehung niemals vorkommen?
Tobias: Abgesehen von Untreue ist mir persönlich gegenseitige Rücksichtnahme wichtig. Das heißt, auch die Eigenheiten des anderen zu respektieren, anstatt ihn großartig zu verändern wollen. Zum Positiven hin beeinflussen ist wünschenswert, doch wenn es um Grundsätzliches geht, dann sollte man sich darüber klar werden, ob man damit leben kann oder nicht.

Wann und wie hast du überhaupt selbst festgestellt, dass du auf Männer stehst?
Tobias: Es war bei mir ein mehr oder weniger langer Prozess, der mir diese Erkenntnis brachte. Rückblickend kann ich mich schon immer an ein undefinierbares Gefühl der Andersartigkeit gegenüber gleichaltriger Jungen erinnern. Das wurde mit der Zeit immer stärker, bis ich mich mit zwölf etwas verliebte und zwar in einen Jungen. Ich habe das zunächst nicht hinterfragt, das Gefühl war einfach da und es war schön. Wahrscheinlich war ich noch zu jung, um meine Gefühle und meine Sexualität zu reflektieren. Mit vierzehn war es mir eigentlich klar, dass ich schwul bin. Trotzdem habe ich mich erst ein Jahr später wirklich damit auseinandergesetzt und mich bei einer Freundin geoutet.

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Gibt es eine Situation, eine Person oder einen Moment, über die/den du sagen würdest, das war deine Rettung?
Tobias: Ja, da gibt es sogar mehrere. Der letzte große Retter war mein erster Freund, denn er war der Erste, der mir gezeigt hat, wie unglaublich schön es sein kann, schwul zu sein.

Die Homosexualität war nie ein großes Problem für mich. Trotzdem war es nicht immer leicht, darin etwas Gutes zu sehen. Anfangs war ich damit allein und zweitweise überfordert mit meinen Gefühlen. Es war dann auch sehr befreiend sich bei Freunden zu offenbaren und etwas Unterstützung zu kriegen. Das hat aber nicht ausgereicht, ich brauchte etwas mehr Bestätigung. Die ganze Sache hatte sich bis jetzt nur in meinem Kopf abgespielt. Die Gefühle, die ich über Jahre im Geheimen für andere Jungs hegte, wurden mir das erste Mal von einem Jungen entgegengebracht, als ich mit meinem ersten Freund zusammen kam.

Das war sehr heilsam. Mit der Zeit hatte sich eine große Sehnsucht nach etwas, das ich nicht kannte, aber davon täglich träumte, aufgebaut. Wir waren keine Ewigkeit zusammen, doch es war eine sehr prägende Zeit, denn seitdem weiß ich, dass es richtig ist, dass es das ist, was ich möchte. Dadurch glaube ich, auch einiges an Selbstbewusstsein in Bezug auf meine Sexualität gewonnen zu haben.

Ergänze den Satz: "Familie bedeutet mir..." 
Tobias: mehr als alles andere. Ich fühle mich mit nichts anderen so verbunden wie mit meiner Familie. Es gibt mir Sicherheit und Ruhe in meinem Alltag zu wissen, dass ich jederzeit einen Zufluchtsort habe, der Liebe und Rückhalt birgt.

Familie geht für mich auch fließend in den Freundeskreis über, der mir genauso Halt gibt. Mit dem kleinen Unterschied, dass die Familienbande auf Lebenszeit unbrechbar sind.

Was ist dein Lebenstraum?
Tobias: Das ist wirklich keine leichte Frage. Momentan muss ich mich damit beschäftigen, was ich mal aus meinem Leben machen möchte und wovon ich eigentlich träume. Inzwischen glaube ich, dass man das gar nicht voraussehen kann, was einen wirklich glücklich macht. Man stellt sich vieles wunderbar vor, dann erreicht man es und man ist unzufrieden. Deswegen habe ich meinen "Lebenstraum" nicht so sehr spezifiziert.

Wenn ich Erfüllung und Ausgeglichenheit erfahren würde egal wie diese dann aussieht dann wäre ich sehr zufrieden. Erfüllung ist für mich ein Beruf, der mir das Gefühl gibt etwas zu bewegen, etwas Sinnvolles zu tun, und mir nebenbei noch Spaß macht; aber auch eine Beziehung, die einem all das gibt, was man braucht.

Ausgeglichenheit, darunter verstehe ich ein gutes Gleichgewicht zwischen Karriere, Liebe, Freundschaft, Familie und Selbstfindung.

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