Valentino (20) aus Köln

Fabian Schäfer Von Fabian Schäfer
Valentino (20) aus Köln

Valentino erzählt über seine ehrenamtliche Arbeit bei einem Kinderhospizverein, über seine eigene schlimme Diagnose und weshalb seine Beziehung nach zwei Jahren alles andere als langweilig ist.

Valentino, du arbeitest ehrenamtlich in einem Kinderhospizverein...

Genau. Ich wollte so etwas machen, ohne was zu verdienen. Wenn man etwas Soziales macht und Geld verdient, hat man oft einen Zwang und kommt in einen Trott, es machen zu müssen. So ist es was anderes.

Was ist denn bei einem ambulanten Hospiz anders als bei einem stationären?

Der Unterschied zwischen einem ambulanten und einem stationären Hospiz ist grundlegend erst mal der, dass die "Betroffenen" nicht zu uns kommen, sondern wir kommen zu ihnen, also in die Familien. Unser ambulanter Kinderhospizverein ist kein Ort, wo sterbende Kinder eingeliefert werden und nie mehr das Tageslicht erblicken. Jeder Ehrenamtler nimmt sich, nach einer Prüfung der zuständigen Koordinatorin, einer einzigen Familie an. Da die Familien bereits ab dem Tag der Diagnose, also lebensverkürzt oder lebensbedrohlich erkrankt, zu uns kommen können, gehen viele Begleitungen über mehrere Jahre.

Und wie sieht die Unterstützung konkret aus?

Das kann ganz unterschiedlich sein, je nachdem was die Familie braucht. Zum Beispiel, zu Arztterminen begleiten, sich um das kranke Kind kümmern, spazieren gehen, vorlesen. Oder aber sich um die Geschwister kümmern, damit die Familie Zeit für sich hat. Eben das, was Eltern unterstützen kann. Es gibt da keinen festen Plan.

Was machst du bis zu deinem ersten Einsatz?

Um die Zeit zu überbrücken, mache ich den Verein an meiner Schule bekannter, weil so wenige junge Menschen das machen wollen. Viele Familien und auch die Kinder wollen nämlich lieber jüngere Erwachsene als Begleitung. Mit anderen Mitgliedern des Vereins kläre ich an meiner Schule über Kinderhospizverein und so weiter auf.

Valentino
Sein Beziehungsgeheimnis: Zusammenhalt.

Sein Beziehungsgeheimnis: Zusammenhalt.

Wie kamst du überhaupt darauf?

Ich wollte immer was Soziales machen, aber ich war zu faul und unmotiviert, mich darum zu kümmern. Der Anstoß war, dass ich selbst betroffen war. Vor drei Jahren hatte ich die Diagnose Tumor im Kopf. Da kam dann schnell eine heikle OP, die aber gut verlaufen ist. Als das vorbei war, habe ich gemerkt, wie wenig wir mit dem Tod zu tun haben. Viele können gar nicht darüber sprechen. Ich habe echt verrückte Erfahrungen gemacht, manche Freunde haben sich von mir verabschiedet, weil sie dachten, sie sehen mich nie wieder. Das war der Knackpunkt: Ich wollte bei etwas engagieren, was nicht viele machen. Über eine Freundin kam ich dann zum Kinderhospiz.

Wie wurde dieser Tumor denn festgestellt?

Ich bin eines Morgens aufgewacht und mein ganzes Kissen war voller Blut. Ich war total irritiert und müde, wie man eben so ist. Ich dachte erst, ich hätte Nasenbluten und habe meine Nase abgesucht. Ich bin dann zu meiner Mutter, die war total verpennt und hat große Augen gemacht. Das Blut kam aus dem Ohr. Dann sind wir zum HNO-Arzt gefahren, der schnell die Diagnose gestellt hat, dass ich einen Tumor hinter dem Trommelfell habe, der da durchgewachsen ist. Etwa ein Jahr lang muss der schon gewuchert haben, aber Symptome wie Kopfschmerzen habe ich lange ignoriert. Der Arzt hat mich vor die Wahl gestellt, ob ich eine OP möchte oder nicht.

Und was hast du gesagt?

Die Wahrscheinlichkeit war 40 Prozent, dass ich die Operation nicht überlebe. Außerdem hätten Geschmacks- oder Sehnerven beschädigt werden können. Aber ohne OP hätte ich auch bald den Löffel abgegeben (lacht). Das Ganze hat sechseinhalb Stunden gedauert, und meine Mutter hat die ganze Zeit im Krankenhaus gewartet. Es lief alles ganz gut, aber ich war anfangs auf dem linken Ohr taub. Nach einem Jahr hatte ich dann eine zweite OP, seitdem habe ich eine Prothese zum Hören.

Was geht einem bei so einer Diagnose durch den Kopf?

Meine Mutter beschreibt mich immer als Vollidioten (lacht), weil ich immer so locker und souverän bin, wie es geht. Aber rumheulen macht es auch nicht besser, und das hat meine Mutter sowieso schon genug. Und ich wollte bei klarem Verstand bleiben. Wenn man vor so einer Entscheidung steht, aber sich vorher nie damit befasst hat, habe ich mich gar nicht betroffen gefühlt. Ich glaube, meine Mutter hat mehr gelitten als ich. Die Realität kam erst nach der OP mit den Schmerzen. Die Zeit danach war viel intensiver als die Diagnose selbst.

Valentino
Mit 17 erhielt Valentino die Diagnose: Tumor im Kopf.

Mit 17 erhielt Valentino die Diagnose: Tumor im Kopf.

Wie hat das deine Einstellung zum Tod geändert?

Ich hatte keine göttliche Eingebung oder so (lacht), aber man lernt doch, so gewisse Sachen anders wertzuschätzen. Einfach schon im Alltag: Als ich danach morgens aufgewacht bin, musste ich oft an das Blut denken. Man merkt, wie schnell man selbst betroffen sein kann. Solche Sachen treffen sonst nur Leute, die weit weg sind, da denke ich jetzt ganz anders. Jederzeit kann alles passieren.

Ganz, ganz anderes Thema: Nach deinem Abi nächstes Jahr willst du ein halbes Jahr mit deinem Freund ins Ausland. Wo soll's hingehen?

Kanada steht in der engeren Auswahl. Australien zum Beispiel machen so viele, das ist nervig. Aber wir sind noch unentschlossen. Im Idealfall ist Arne bis dahin mit dem Bachelor durch. Aber wir stressen uns nicht, wir haben ja noch Zeit.

Ihr seid seit fast zwei Jahren zusammen. Wo habt ihr euch denn kennengelernt?

Über eine ominöse App (lacht). Ich hatte die nur, weil ich es so lustig finde, was da für Leute sind. Er wollte sie eigentlich auch schon löschen, weil es ihm nicht gefallen hat. Durch Zufall und Glück haben wir dann dort geschrieben. Anfangs hat er mir Mathe-Nachhilfe gegeben, aber in der Klausur hatte ich trotzdem eine 5 (lacht). Er fand zuerst auch noch jemand anderes gut, aber das hat mich nicht daran gehindert, dafür zu sorgen, dass er mich gut finden soll die Konkurrenz musste eliminiert werden. Und das hat geklappt (lacht).

Wie war dein Coming-out?

Das war total unproblematisch mit 14 oder so. Ich kann mich gut erinnern: Ich dachte, ich habe Eier in der Hose, bin mit Entschlossenheit aus meinem Zimmer gegangen, um es meiner Mutter zu sagen. Dann habe ich sie gesehen, bin in die Küche abgebogen, habe einen Joghurt geholt und bin zurück. Scheiße, ich kann ihr das nie persönlich sagen, dachte ich. Also habe ich eine E-Mail geschrieben, die meine Mutter sogar immer noch hat. Sie war total gerührt und fand es voll süß. Natürlich hat sie kein Problem damit, hat sie gesagt. Auch bei Freunden habe ich keinerlei negative Erfahrungen gemacht.

Valentino
Auf sein Coming-out hat Valentino nur positive Reaktionen bekommen.

Auf sein Coming-out hat Valentino nur positive Reaktionen bekommen.

Das Coming-out bei deinem 10-jährigen Bruder war ganz besonders...

Das war vor ungefähr einem Jahr. Meine Mutter hat es ihm bei einer Gute-Nacht-Geschichte erzählt. Meine Mutter kam völlig aufgelöst zu mir und sagte, sie hätte einen schlimmen Fehler gemacht, weil er weint. Ich ging dann zu ihm, ich wusste ja nicht, wie ein Kind darauf reagiert oder was er versteht. Er hat dann nur gesagt: "Das kann gar nicht sein, weil wenn es so wäre, hätte er mir das als erstes gesagt", er war also nur enttäuscht, weil ich es ihm nicht zuerst gesagt habe.

Ist eure Beziehung nach zwei Jahren nicht so langsam langweilig?

Nein, nein, nein, gar nicht. Wir haben viele gemeinsame und auch nicht gemeinsame Interessen, und wir lassen uns viel aufeinander ein. Es fühlt sich auch gar nicht an wie zwei Jahre. Bei uns ist alles locker nichts verkrampft. Wir haben nie Streit oder waren nie auf Pause getrennt oder so. Ich bin eher impulsiv, er ist ein Ruhepol und sehr harmoniebedürftig. Wir ergänzen uns charakterlich ganz gut. Wir machen uns gegenseitig keinen Druck, weil wir dieselbe Vorstellung von Beziehung haben.

Hast du keine Bedenken, wenn ihr bald sechs Monate zusammen verreist?

Nö, eigentlich nicht. Er ist so ein lustiger Typ, wir sehen uns sowieso fast jeden Tag. Selbst da sagen wir schon, dass es zu wenig ist (lacht). Ich habe keine Panik, dass wir einen Beziehungskollaps bekommen, wenn wir aufeinanderhocken.

Zum Schluss: Ergänze den Satz "Liebe ist für mich..."

Zusammenhalt. Ich finde es super wichtig, dass man zusammenhält und in dieselbe Richtung denkt. Dass man sich zu nichts zwingt, dass man den Partner zu nichts zwingt, und dass man Kompromisse eingeht. "Zusammenhalt" fasst das ganz gut zusammen. Das ist unser Beziehungsgeheimnis, wenn man das so sagen kann (lacht).

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