„Beichte“ bei SchülerVZ

Redaktion Von Redaktion

Mein Coming-Out könnte man wohl als recht unspektakulär betiteln, allerdings habe ich das Bedürfnis meine kleine Geschichte hier niederzuschreiben. Angefangen hat alles kurz vor meinem 14. Geburtstag, als ich durch einen unglücklich-glücklichen Zufall ins Grübeln gekommen bin, wie es denn so um mich steht, was meine Sexualität angeht.

Erik, 16: Die geriet nämlich ins Wanken, denn auf einmal merkte ich: Oh, Jungs sind ja doch echt hübsch! Ich bin wahrscheinlich nicht der Einzige, der dann dachte: Ach, du willst einfach nur so sein wie der, deshalb findest du ihn toll! Mit der Zeit jedoch geriet auch dieser Gedanke immer mehr unter Beschuss von Zweifeln.

Das war wohl auch der Grund, weshalb ich in der 8. Klasse in ein tiefes Loch gefallen bin, ich hatte des Öfteren Selbstmordgedanken, habe viel geweint und daran gezweifelt, mein Abitur jemals schaffen zu können kein Wunder, wenn der Schnitt auf dem Zeugnis um eine ganze Note nach unten rutscht.

Irgendwann in dieser Zeit hatte ich sogar noch eine Freundin, immerhin bestand ja Hoffnung, dass ich mich vielleicht ja irre bzw. nur eine Phase durchmache. Kurzum: Nach einem Monat war Schluss. Sie hat sehr geklettet, toller Vorwand also, um die Beziehung zu beenden. Ironischer-, oder eher interessanterweise gehört sie heute zu meiner Mädels-Clique und wir verstehen uns blendend.

Zeit, um eine weitere Person ins Spiel zu bringen: Max. Max war ein mittelgroßer, blauäugiger, blonder, sportlicher Fußballer, ich würde ihn mal als Klischee-Deutschen bezeichnen, etwas kräftiger, aber eher muskulös als dick. Während der ganzen Zeit war ich sozusagen hoffnungslos in ihn verliebt. Ich weiß nicht, ob er das gemerkt ha, ich glaube aber nicht. Ausgenutzt hat er es trotzdem, dass ich so an ihm gehangen bzw. so oft wie möglich versucht habe, bei ihm und seiner Truppe zu sein. Er war sozusagen das Alpha-Tier dieser Gruppe (ich muss lachen, wenn ich das lese, aber das beschreibt es nun einmal am besten), was ich äußerst attraktiv fand.

In dieser Gruppe wurde ich eher abgelehnt bzw. ich hatte das so aufgegriffen, freundlich behandelt wurde ich jedenfalls nicht. Das lag sehr wahrscheinlich auch daran, dass mein Selbstbewusstsein im Keller war vorausgesetzt, ich hatte überhaupt eins. Ich war dick, nicht sonderlich gut aussehend, was mit meinem komischen Kiefer zusammenhängt, aber das ist eine andere Geschichte, die sich zum Glück mittlerweile geklärt hat.

Um wieder zum Eigentlichen zurück zu kommen. Mir wurde immer mehr bewusst, dass ich anders war. Gegen Ende der 8. Klasse hatte ich das dann auch soweit akzeptiert. Vor meinem Coming-Out kam allerdings noch Jemand wichtiges hinzu. Ich sage nur: Gott sei Dank habe ich Latein gewählt! Da ich, wie gesagt, nicht sonderlich selbstbewusst und entsprechend introvertiert war, war ich auch nicht sonderlich beliebt in meiner Stufe. Daher saß ich in meinem neuen Latein-Kurs auch alleine, so wie Alexan...dra! (Ausnahmsweise ein Mädchen und nicht wie so oft der lang ersehnte neue Junge, der in 90% der Fälle schwul ist.) Das gefiel unserem Lehrer nicht, weshalb er uns prompt nebeneinander setzte.

Alexandra und ich verstanden uns sehr gut. Durch sie lernte ich ihre beste Freundin Isabel kennen, die mit Alexandra nun auch meine beste Freundin ist. Zu ihnen habe ich großes Vertrauen gewonnen, weshalb ich, nachdem ich mich schon bei mehreren Freunden aus dem Internet geoutet hatte, mir kurzerhand ein Herz gefasst hatte und Isabel auf SchülerVZ gebeichtet habe, dass ich schwul bin. In meinem ganzen Leben war mein Puls noch nie so hoch. Sie fragte, ob das ein Scherz sei und die Situation war wirklich komisch. Im Endeffekt fand sie es nicht schlimm, ganz im Gegenteil. Jedoch musste sie sich auch an den Gedanken gewöhnen, ich hatte allerdings Verständnis dafür, ich hat ja selbst ein ganzes Jahr gebraucht.

Das hat den Stein ins Rollen gebracht. Isabel hat die Neuigkeit dann auch an Alexandra weitergegeben, heute meine besten Freundinnen, wie gesagt. Ich bin froh, dass sie es wissen. Kurz darauf habe ich mich auf Rat von einem Internet-Kumpel hier bei dbna.de angemeldet. Ja, auch dbna hat zu meinem Outing beigetragen.

Nach Wochen, in denen ich mir hier die anderen Geschichten durchgelesen habe, habe ich mich angemeldet und dann nach einigen Enttäuschungen Stefan kennen gelernt meinen jetzigen Freund. Ich schrieb mit ihm, wir verlagerten uns nach Skype und dann auch aufs Handy. Glücksgefühle, all die wunderbaren Ereignisse einer Beziehung waren die Folge. Stefan war nochmal ein Ansporn mich zu outen.

Dann kam der Tag, an dem ich meine Mutter darauf ansprechen wollte. Ich tat es, es lief Glee im Hintergrund und welch Wunder mit der Klischee-Schwuchtel Kurt. Ich nahm all meinen Mut zusammen und erzählte es meiner Mutter, ich habe mich ausgeweint, denn es kam so über mich, das musste sein. Sie nahm es weder positiv noch negativ auf.

Irgendwie hat es mich nicht gewundert, aber das Gespräch schlug dann auf ein anderes Thema um, nämlich, dass ich jetzt mit 15 Jahren so langsam mal nach Ferienarbeit Ausschau halten sollte. Das war wirklich ernüchternd. Es kam die alte Leier, dass ich doch mal Initiative zeigen sollte und Abitur kein Garant auf Arbeit wäre, sie mag Recht haben, aber in der Situation war es das Letzte was ich hören wollte. Aber so ist meine Mutter nunmal, vielleicht hat sie die Situation so leichter ertragen/verarbeiten können.

Nun, heute führe ich eine glücklich Fernbeziehung mit meinem Schatz Stefan, alle meine Freundinnen wissen, dass ich schwul bin, sowie meine Familie. Mir hat es geholfen, ich habe unglaublich viel Selbstbewusstsein aufgebaut, es war einfach DIE Befreiung überhaupt. Ich weiß nicht, ich habe 15 Kilo abgenommen, nicht durch Hungern, einfach so, was mein Selbstbewusstsein noch weiter gesteigert hat (hört sich wie Erfolgsgeschichten von Weight Watchers an...). Ich kann es wirklich nur Jedem empfehlen sich zu outen. Ich habe auch viele Berichte gelesen, in denen es weniger glimpflich ausgegangen ist, aber versucht es einfach, es lohnt sich!

Coming-out

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