Brief vs. SMS

Redaktion Von Redaktion

Mein Coming-Out war relativ schwierig, obwohl es eigentlich ganz einfach war zu sich selbst zu stehen, doch der Weg dahin, war steinig, lang und schwer.

Tom, 18: Geoutet habe ich mich am Ende der zehnten Klasse auf der Abschlussfahrt bei meinen Mitschülern aus der Klasse, dass diese es im Jahrgang weitererzählen würden, war relativ klar für mich. Die Reaktionen fielen allerdings sehr unterschiedlich aus, doch zuvor, muss ich erklären warum es schwierig war. Meine ersten homosexuellen Erfahrungen hatte ich so mit 11, ein Kumpel und ich hatten aneinander rumgespielt, dann bin ich umgezogen und hatte ein völlig neues Umfeld. Lange Zeit war ich ein Außenseiter, obwohl ich auch Freunde hatte, irgendwann kam es nach einem Poolbesuch mit einem Kumpel dann zu einem Blowjob, da hab ich dann wirklich bewusst gemerkt, dass ich anders bin und es war okay für mich.

Als ich dann auf die weiterführende Schule kam, wurde dann doch alles irgendwie anders. Ich wurde als Schwuchtel betitelt und gemobbt, dass ich zu dick sei. Das ging bis in die 9. Klasse, selbst im Sportverein ging das so, die ganze Mannschaft hat das gemacht und mir bekam das gar nicht. Wie oft ich weinend unter der Dusche stand, weiß ich heute gar nicht mehr. Ich hab dann versucht ins Bild zu passen, mir eine Freundin suchen wollen und sogar zu Gott gebetet, dass ich nicht schwul bin und es auch nicht sein möchte - damit ich akzeptiert werde, das ging etliche Monate so, aber irgendwann, hat meine Psyche dann rumort.

Eines nachts bin ich aufgewacht, hab keine Luft mehr bekommen und hyperventiliert. Beim ersten Mal hat es Zuhause niemand mitbekommen, aber später ist meine Mom immer wach geworden und mit mir zu allen möglichen Ärzten gerannt. Als es ihr dann zu bunt wurde, hat sie mich in eine Klinik einweisen lassen, auf eine Station für psychosomatische Krankheiten - dort bringt man auch Menschen mit Ess- und Verhaltensstörungen hin. Ich hab mich zwar dort in ein Mädchen verliebt, aber nach zwei Monaten Beziehung und einigen sexuellen Erfahrungen festgestellt, dass es das nicht ist - zu mal ich den Stationsarzt ziemlich süß fand. Von außen betrachtet muss das ziemlich bescheuert klingen.

Als ich dann für mich realisiert hatte, dass ich schwul bin und auf Männer stehe, ging es mir besser. Ich hatte keine Anfälle mehr und habe mich auch dann einer guten Freundin anvertraut, nicht meinen zwei besten Freunden, weil ich Angst vor ihrer Reaktion hatte. Zu dieser Zeit habe ich auch in einem Musical bei uns an der Schule mitgewirkt, das hat wirklich Spaß gemacht und mir auch geholfen, mich selbst zu finden. Auf der Abschlussklassenfahrt in London war ich dann eines Abends bei strömendem Regen mit einer Gruppe aus meiner Klasse unterwegs, wir waren alle noch nicht 18 und wollten uns aber Zigaretten besorgen - was dann auch geklappt hat. Jedenfalls saßen wir dann unter einem Busunterstand und rauchten und ich habe es einfach, völlig zusammenhangslos vom Gesprächsthema gesagt, alle sahen mich an und ich sagte einfach nur noch: "Ja, ich bin schwul." Interessanterweise sagten dann genau die zwei Jungs, welche mich mitunter am meisten gemobbt hatten und auch in diesem Sportverein gewesen waren, wenn sie das gewusst hätten, hätten sie mich nicht gemobbt und haben sich entschuldigt.

In den letzten zwei Tagen habe ich mich dann noch, ganz unverfänglich und eher nebenbei, den anderen geöffnet, fast alle nahmen es positiv auf. Nur meinem besten Freund konnte ich es nicht in die Augen sagen, in den Ferien fragte er mich über Skype ob es wahr sei und wir klärten ab, dass ich nicht auf ihn stehe und alles war gut. Das hat mir sehr viel bedeutet damals. Der letzte und schwierigste Schritt war meine eigene Familie, mein Vater ist ziemlich schwulenfeindlich und generell ist es nicht meine Familie, die sich über einen CSD oder Gleichstellungsgesetze freut. Da kam mir ein Theaterworkshop in Polen ganz recht, welcher mich 10 Tage aus der Schussbahn holte. Ich schrieb also zwei Briefe, einen für meine Schwester und einen für meine Eltern. Mitten in der Zeit vom Workshop bekam ich dann ellenlange SMS von meiner Familie. Meine Schwester versprach nach den Workshop mit ihrem Freund bei uns zu sein und mir zu helfen und sagte, sie würde mich lieben, so wie ich bin. Mein Vater schickte eine ähnlich positive SMS, welche mir Hoffnung machte.

Insgesamt habe ich es nicht schlecht getroffen, obwohl die Aktion mit den Briefen etwas feige war, aber für mich den Umständen entsprechend richtig. Heute, knapp ein Jahr nach meinem Outing, läuft alles wunderbar für mich.

Coming-out

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