Coming-out in der Feuerwehr

Redaktion Von Redaktion

Mein Coming Out in der Feuerwehr war eine langer Weg, welcher in der Jugendherberger in Todtnauberg beginnt.

Patrick, 25:

Der Kaugummiautomat hing in der Toilette der Jugendherberge. Dabei haben mich und meinen Jugendfeuerwehrkollegen nicht die Kaugummi-Päckchen interessiert sondern eher das ganz linke Fach. Da gab es Kondome: 4 Stück für 2 EUR. Als 15- oder 16-Jähriger fanden wir das natürlich sehr spannend. Wir haben uns gleich eine Packung mit Kondomen gekauft und anschließend brüderlich geteilt. Und abends wollten wir die Kondome natürlich dann auch ausprobieren. Mann, waren wir aufgeregt. Schließlich mussten wir ja immer damit rechnen, entdeckt zu werden. Und wir hatten ja auch nur diese beiden Nächte. Dann war nämlich unser Trainings-Wochenende mit der Jugendfeuerwehr zu Ende. Ich wusste, dass mich Sex mit Jungs und so etwas interessierte, aber ich war heterooder nicht?

Jedenfalls kehrte ich um eine Erfahrung reicher und mit dem festen Vorsatz, dass es unbedingt eine Wiederholung geben muss, nach Hause zurück. Diese kleinen Experimente hab ich damals noch so als Frauen-Ersatz-Erfahrung abgestempelt. Schließlich hatte ich damals noch nicht mit einem Mädchen geschlafen. Irgendwie wollte ich, andererseits habe ich mir es auch immer schon mit Jungen ganz toll vorgestellt. Nach einiger Zeit kam dann die erste Freundin. Ich war ein so genannter Spätzünder. Woran das lag, war mir damals noch nicht bewusst. Irgendwie hat es mir gar nicht gefallen. Nach einer Pause in Sachen Beziehung habe ich mich dann immer öfter selbst ertappt wie ich andere Jungs beim Sport bewunderte und ihnen auf der Straße heimlich hinterhergeschielt habe.

Wenn ich so zurückdenke, war das eigentlich auch früher schon öfter so gewesen. Ich hab es nur nicht so richtig realisiert und an ein Coming Out war damals noch nicht zu denken, ich wusste ja selbst noch nicht genau was mit mir los war. Als in meiner Jugendfeuerwehr Wahlen für den Posten des Jugendwartes anstanden, und wir herausgefunden haben, das unser Kandidat Lukas mit einem Mann zusammenwohnt, haben wir alle zuerst gedacht, dieser wäre sein Bruder. Mit der Zeit wurde uns aber klar, dass sein Bruder gar nicht in unserem Ort wohnt. Also war Lukas schwul, oder? Wir wussten damals nichts so richtig damit anzufangen, hatten keine Vorstellung, was es bedeutet, schwul zu sein. Irgendwann kam ganz zaghaft sein Coming Out im kleinen Kreis. Ich habe Lukas damals klipp und klar gesagt, dass mich das nicht stört und eher interessiert. Mit der Zeit sind wir richtig gute Freunde geworden. Wir haben viel zusammen unternommen, mit einmal gehörte er bei unserer Feuerwehr-Clique dazu. Ich habe mir dann zunehmend Informationen über Homosexualität besorgt. Es hat mich interessiert.

Irgendwann habe ich dann Internet in mein Zimmer bekommen. Und als erstes habe ich sämtliche Gay-Seiten abgesurft, mich informiert, selbst die Antworten auf meine Fragen gesucht. Gesurft, gechattet, auf Anzeigen geantwortet, schließlich auch Anzeigen geschaltet und nach Coming Out Geschichten recherchiert. Als wir mal wieder alle unterwegs waren, hat mich Lukas in einer ruhigen Sekunde gefragt, ob ich auch schwul wäre? Ich habe damals noch alles abgestritten, ihm was von Frauen vorgeschwärmt. Schließlich musste ich erst mal zu mir selbst finden und mir darüber im Klar werden, dass ich auch schwul sein könnte. Ich habe oft nachts nicht schlafen können und überlegt, ob ich schwul bin und ein Coming Out brauche. Ich war im Alltag total abgelenkt, konnte mich auf nichts richtig konzentrieren.

Schließlich hatte ich bei Lukas mein geheimes Coming Out in dem ich ihm erzählt habe, dass ich schwul war. Er hat mir damals viel geholfen. Wir haben nächtelang geklönt, er hat mir Mut gemacht für ein Coming Out und mir geraten es einfach auf mich zukommen zu lassen und rum zu experimentieren. Das mit dem experimentieren habe ich mir nicht zweimal sagen lassen. Ich habe Anzeigen im Internet geschaltet. Hatte dann auch regen eMail-Kontakt mit einem süßen schwulen Jungen, der in einer vergleichbaren Situation war wie ich gerade. Wir haben uns immer wieder geschrieben, mehrmals täglich. Da er in einer anderen Stadt wohnte, hat er vorgeschlagen, mich doch mal an einem Samstag zu besuchen. Wir haben uns dann am Bahnhof verabredet. Mensch, war ich aufgeregt. Wir hatten vorher nämlich keine Bilder getauscht. Zum Glück habe wir uns dann auch gefunden und sind durch Einkaufsstraße, Park und Kneipen gezogen. Uns ging nie der Gesprächsstoff aus. Wir haben uns prima verstanden, hatten viele gemeinsame Interessen, haben über Politik diskutiert, waren schick essen und das alles an einem Tag. Er war einfach so süß. Sah gut aus, ein wenig tapsig und nen kleinen Dialekt. Als ich ihn dann fragte, wann er wieder zu Hause sein wollte schließlich war er ja über eine Stunde gefahren sagte er nur, er müsse erst am Montag wieder arbeiten. So nach dem Mot(to): Kann ich nicht bei Dir übernachten? Zum Glück waren meine Eltern im Urlaub. Insofern hatte ich sturmfrei. Zuerst hatte ich zwar leichte Bedenken, jemanden mitzunehmen, den ich ja erst einen Tag kannte. Andererseits war es natürlich die Gelegenheit. Wir haben bei mir dann noch angestoßen und uns dann beide in mein 90 cm breites Bett gequetscht.

Bis dahin hatten wir uns noch nicht berührt. Im Laufe der Nacht änderte sich das aber. Ich habe das erste Mal einen Jungen geküsst. Es war super. Er war ein echtes Ass im Küssen. Schnell nannte er mich mein kleiner Feuerwehrmann. Mehr ist in dieser wundervollen Nacht nicht passiert. Leider ist unsere Beziehung mit der Zeit im Sande verlaufen. Er war nicht bereit, eine Fernbeziehung zu führen. Zu diesem Zeitpunkt wusste nur Lukas von mir, dass mich Mädchen nicht (mehr) interessierten. Er war es auch, der mich aufgemuntert hat, als ich auf Feuerwehr-Feiern regelmäßig leicht depressiv wurde, weil entweder Schwulen-Witze gerissen wurden oder mir einfach nur mein Typ zum Kuscheln fehlte. Auch meinen Eltern hatte ich es zu dem Zeitpunkt noch nicht erzählt. Irgendwie habe ich mich noch nicht getraut. Und irgendwie wollte ich mir auch erst ganz sicher sein. Lukas hat mich dann mal mit auf eine schwule Party genommen. Es war super. Gute und friedliche Stimmung, viele heiße Boys waren auch da. Unter Ihnen Christopher. Wir haben lange gefeiert, getanzt und getrunken. Auf dem Heimweg hat mich Christopher dann in seinen Arm genommen. Es war ein unbeschreiblich schönes Gefühl in dieser kalten Nacht auf menschenleerer Straße umarmt zu werden. Christopher ist überwiegend geoutet und hat nirgendwo ein Problem damit, Händchen zu halten. Das Problem war ich: ich wollte nicht gesehen werden. Hatte panische Angst, entdeckt zu werden.

Irgendwann hatte ich genug von dem Versteckspiel. Ich hatte mir fest vorgenommen, es meinen Eltern zu sagen. Nur wie? Ich hatte keine Ahnung, wie liberal sie auf dieses Thema zu sprechen waren. Also habe ich mich dazu entschlossen, meine Eltern einfach mal ganz vorsichtig zu testen. Beim Essen habe ich erzählt, dass Lukas seinen Freund heiraten will. Nach einem verwirrten Blick meiner Mutter wurde das Thema dann auch schnell vom Tisch gefegt. Was sollte ich nun in diese Reaktion interpretieren? Ich wusste es nicht. Dann habe ich mich entschlossen, es einem weiteren guten Freund zu sagen. Ich hatte keine Lust mehr, dass er mir laufend Frauen zeigt. So nach dem Mot(to): Guck mal, wie findest du die denn? Also hab ich es ihm auf dem Weg in die Disko im Auto erzählt. Über tausend Umwege. Aber es hat funktioniert. Er war überrascht, fand das aber total in Ordnung. In der Disko haben wir erst Mal mit einem Cocktail angestoßen. Und an diesem Abend habe ich mich zum ersten Mal richtig frei gefühlt. Denn ich konnte Jungs hinterher gucken, ohne Angst zu haben, meinem Kumpel könnte es auffallen.

Dann kam der Akt mit meinen Eltern. Wir saßen stocksteif in der Stube. Mein Vater war zwar etwas verwundert, hat es dann aber hingenommen. Und mittlerweile kann er damit richtig gut umgehen. Bei meiner Mutter war ich mir nicht so sicher, dass sie das alles so gut verkraftet. Deshalb habe ich Ihr ein Coming-Out-Buch gekauft. Ich hoffe sie hat es auch gelesen, denn meine Mutter spricht nicht gerne darüber. Nach einiger Zeit habe ich mich dann auch getraut, Christopher mal mit nach Hause zu bringen. Man merkte große Unsicherheit bei meinen Eltern, was sich aber mit der Zeit gelegt hat. Und wenige Tage später habe ich es auch einigen ausgewählten Kollegen aus meiner Feuerwehr erzählt. Überall nur positive Reaktionen. Sicherlich auch durch die Vorbildung: schließlich kannten ja alle Lukas. Und insofern war ich nur der Zweit-Schwule, der genauso akzeptiert wurde wie Lukas. Ich habe mit Christopher wirklich schon eine sehr schöne Zeit verbracht, auch wenn mich einige Dinge an ihm gestört haben. Aber wer ist schon perfekt?

Zu seinem Geburtstag habe ich ihm zwei Ringe geschenkt. Schließlich waren wir jetzt fast ein halbes Jahr zusammen. Bei einer Feuerwehr-Grillfeier im kleinen Kreis kam dann ein für mich sehr traumatisches Erlebnis: ich war etwas früher gegangen. Lukas und ein paar andere Kollegen waren noch da, als Lukas plötzlich gefragt wurde, ob ich schwul wäre. Entsetzlicherweise antwortete er mit ja. Und ich weiß nicht warum erzählte er meine Story! Also alles! Als ich das dann im nachhinein herausbekommen habe, war ich natürlich relativ sauer und habe Lukas zur Rede gestellt. Er hat dazu nichts weiter gesagt. Seither haben wir keinen Kontakt mehr. Schade eigentlich, denn Lukas gehörte zu meinen besten Kumpels. Er hat mir sehr gut weitergeholfen und konnte sich aber auch bei mir ausheulen. Daher war ich so schrecklich enttäuscht, das ausgerechnet er mich verraten musste. Christopher hat mich über die Zeit hinweggetröstet und mir genauso bei meinem Coming-Out geholfen, wie Alex, der mich einmal dazu ermuntert hat, mit Regenbogen-Pin am Hemdkragen rumzulaufen. Seit dieser Aktion und dem Verrat durch Lukas sickerte es in der Wehr immer weiter durch. Ich denke mittlerweile dürfte es jeden erreicht haben. Und meinen Christopher bringe ich jetzt auch gelegentlich mit. Auch wenn einige Kollegen manchmal ziemlich doof aus der Wäsche gucken, wenn wir ankommen. Warum sollte ich ihn nicht mitbringen? Die anderen bringen schließlich auch ihre Freundinnen mit. Es gibt bei mir in der Wehr leider einige, die etwas gegen Schwule haben und das auch bei jeder Gelegenheit bekannt geben. Aber da von denen bisher niemand auf mich zugegangen ist, denke ich immer öfter: Wenn damit jemand ein Problem hat, dann ist es sein Problem!

Coming-out

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