Der Brief zum Jahreswechsel

Redaktion Von Redaktion

Ich bin Joshua, momentan 18 Jahre alt und ich bin schwul.

Joshua, 18:

Rausgefunden habe ich das im Sommer 2011. Ich habe mir früher nie viele Gedanken über meine Sexualität gemacht, hatte zu diesem Zeitpunkt schon zwei Freundinnen, welche ich auch beide geliebt habe (die eine ist nach wie vor meine beste Freundin). Allerdings hat sich mein Onkel Im Frühjahr 2011, genauer gesagt am 1. April (jaja, was ein Datum) als Schwul geoutet. Ich saß in diesem Moment direkt neben ihm, und ich habe gezittert. Extrem gezittert. Meine Familie nahm sein Outing sehr gut auf, was aufgrund teilweise starkem Glauben und Konservativität überraschend war. Aber für mich begann ab diesem Tag erst meine Tour.

Nachdem ich mich schließlich lange im Internet informiert habe, kam eines Abends die Erkenntnis: Ich bin schwul! Ich weiß nicht wieso, aber plötzlich wusste ich es einfach. Ich fand es auch nicht schlimm oder so, mein inneres Coming Out ging also sehr schnell vonstatten. Direkt am nächsten Tag habe ich dann auch direkt meine Ex und beste Freundin eingeweiht, die dies super auffasste. Damit war das Thema erst mal gegessen. Im Winter desselben Jahres habe ich mich dann bei dbna.de angemeldet und schon kurz darauf erste Kontakte geknüpft.

Für das neue Jahr (2012) nahm ich mir dann vor, mich bei meinen Eltern zu outen. Aber das dauerte noch. Zuerst geschah natürlich nichts, bis mich plötzlich irgendwann eine Freundin vom Sport Verein fragte, ob ich nicht mit ihr auf ein Konzert von Billy Talent gehen wolle. Natürlich ging ich mit und wir wurden super Freunde. Zwischenzeitlich so gute Freunde, dass ich mir nicht mehr sicher war, ob ich wirklich schwul war, da ich sie wirklich sehr mochte. Das zog sich über zwei, drei Wochen hin und war wirklich eine Qual, bis ich endlich genau sagen konnte, dass es eben doch nur mögen und nicht lieben war. In einer langen Nacht voller SMS erzählte ich ihr dann alles, und sie war überrascht, hatte auch kein Problem damit. Allerdings war sie damit ein wenig überfordert woraufhin sie mit meinem Einverständnis ihre beste Freundin einweihte, auch diese hatte kein Problem damit. Irgendwie wurden wir dann zu einer Clique, zu der sich schnell noch der ein oder andere dazugesellte. Bei denen habe ich mich dann mithilfe eines Youtube Clips aus der TV-Serie Ugly Betty (tolle Serie) geoutet, weiterhin keine negativen Reaktionen.

Wenig später waren wir bei Verwandten, und meine Mutter erzählte von meinem Onkel. Dabei erwähnte sie auch, dass sie nicht wisse, wie sie reagieren würde wenn sich einer ihrer Söhne outen würde Schluck! Das machte mir Angst, aber ich hatte noch einen Vorsatz einzuhalten, was ich dann an Silvester tat. Wir feierten bei einem Kumpel und ich nutzte die Gelegenheit und schrieb meinen Eltern einen Brief (den Erstentwurf hab ich als Bild auf mein Profil hochgeladen), den sie lesen konnten während ich bei meinen Freunden war. Um Mitternacht dann das obligatorische Telefonat mit meinen Eltern, kein Wort über den Brief! Natürlich machte ich mir sofort Gedanken: Haben sie ihn gelesen? Wie verhalte ich mich jetzt? Und so weiter. Ich konnte eh nichts daran ändern, also versuchte ich den Abend zu genießen.

Am ersten Januar 2013 sprachen mich meine Eltern dann abseits meiner Brüder darauf an und fragten mich, ob ich denn sicher sei. Ich bejahte und sie akzeptierten es. Dann bat ich sie noch, dass ich mich selbst beim Rest outen würde, was aber wieder dauerte. Die Zeit strich ins Land und im August machte ich mich dann auf den Weg nach Amerika, auf ein Auslandsschuljahr. Da ging dann wieder alles von vorne los. Niemand wusste Bescheid, aber schnell erzählte ich es meiner besten Freundin dort. Nach und nach weihte ich immer mehr Leute ein, aber irgendwer konnte den Mund nicht halten und bald wusste es die ganze Schule. Oder vermutete es. Niemand hatte mich darauf angesprochen, aber ich hatte als Austauschschüler auch einen Sonderstatus.

Also verlief mein Jahr in Amerika friedlich und meine Eltern holten mich am Ende ab, um noch ein bisschen Urlaub mit mir zu machen. Dabei besuchten wir meine Cousine, die als Au Pair ebenfalls in Amerika war. Gemeinsam besuchten wir Boston, wo wir zufällig in den Boston Pride rein gerieten, einen der größten CSDs in Amerika. Ein wenig besorgt, meine Cousine wusste noch nicht Bescheid, schauten wir ihn uns an. Wenige Tage später sprach mich meine Cousine darauf an, ihr war aufgefallen, dass ich vermehrt Jungs hinterher gucke. Ebenfalls kein Problem, also zurück nach Deutschland.

Inzwischen hatte sich meine Homosexualität fast an der kompletten Schule rumgesprochen, aber da ich eh nicht da war, verlief alles ruhig. Im September 2014 begann dann die Schule wieder, und wenig später erfuhr ich auf dem Geburtstag meines Bruders, dass viele meiner Verwandten schon über mich Bescheid wussten, anscheinend hatte es jemand hinten rum erzählt. Nicht sicher wie ich damit umgehen sollte, ermutigte mich eine Freundin, mich nun komplett zu outen. Ich tat dies über den schnellsten und einfachsten Weg, über facebook. Ich schrieb einen Ellenlangen Text, und nachdem ich mehrere Stunden von Freunden dazu ermutigt wurde auf posten zu drücken, tat ich es am 15.09.14 endlich. Und die Reaktionen daraufhin waren einfach großartig. Ich bekam nur positive Kommentare, sogar von Personen die ich selbst gar nicht kannte. Klar fanden es manche Schade, dass ich es ihnen nicht persönlich gesagt habe, und ich finde auch selbst, dass es nicht der beste Weg war, aber es war für mich in dem Moment der einzig mögliche.

Nachdem nun im Prinzip alle eingeweiht waren, fehlten nur noch meine Großeltern. Diesen erzählte ich es auch ziemlich bald und seitdem lebe ich vollkommen offen damit. Wer mich fragt, bekommt eine klare Antwort. Und damit bin ich mit meiner Coming-Out Geschichte fertig. Ich hoffe der ein oder andere hat sie sich durchgelesen und sie ermutigt auch andere, sich zu outen. Es gäbe zwar noch viel mehr zu erzählen (über erste Liebe, J.i.M. (unsere queere Jugendgrupe) und so weiter), aber dann wäre der Text bestimmt doppelt so lang geworden. Als Fazit kann ich sagen, dass ich sehr froh bin solche tollen Freunde und Verwandte zu haben, ich habe nach wie vor keine negativen Kommentare oder sonst was abbekommen und bin echt dankbar, dass das so ist.

Coming-out

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