Der dicke Knoten in der Brust

Redaktion Von Redaktion

Mein Outing habe ich lange vor mich her geschoben. Diese ganze Sache gestaltete sich für mich eher schwierig, da ich bei den Mädchen nicht gerade unbeliebt bin und Schwulsein in meiner Familie nie ein Thema war. Und der Zeitpunkt es meiner Mutter und meinem Stiefvater zu beichten, war nicht gerade der günstigste, nämlich ihr Hochzeitstag.

Eric, 19: Also definitiv weiß ich seit meinem 14. Lebensjahr, dass ich schwul bin und für ein Mädchen nicht das Geringste empfinde. Ich wusste jahrelang nicht, wie ich das anstellen sollte, denn diesen berühmten Satz Mama, Papa, ich bin schwul! über die Lippen zu bringen, kostet eine Menge Überwindung für jemanden, von dem die Leute andere Dinge erwarten.

Den Entschluss, endlich den Mut aufzubringen, habe ich gefasst, als mich meine beste Freundin anrief und vor sich hinstammelte: Eric ähmm ich mag dich mehr als einen Freund! In dem Moment war ich platt und habe losgelegt. Ich hab ihr alles erzählt, einfach alles und sie hat es verstanden und akzeptiert. Ich wollte einfach nicht, dass sie sich falsche Hoffnungen macht, was mich betrifft. Sie ist wirklich keins der Mädchen, welches sich ein Junge in meinem Alter durch die Lappen gehen lassen würde, ganz im Gegenteil.

Und als dieser erste Schritt getan war, konnte ich Nächte lang nicht schlafen. Ich wusste, dass ich jetzt bereit war, alt genug bin und endlich den Arsch in der Hose haben muss, um selber mit dem Gedanken fertig zu werden, und nur dieser eine Schritt helfen kann, damit ich mich besser fühle. Am 19. Juni habe ich es satt gehabt. Ich habe gedacht, ich kann nicht mehr warten und habe als Bestätigung meine beste Freundin um 4 Uhr morgens angerufen. Sie hat mir Mut gemacht und mir gesagt, wie wichtig das sei, und dass meine Eltern es sicher verstehen. Sie hat mir gesagt, dass meine Eltern nicht drum herum kommen, es zu akzeptieren, denn für mein Schwulsein könne ich nichts und ich könne mich nicht zwanghaft ändern.

Und dann habe ich es gewagt, ohne daran zu denken, dass es der Hochzeitstag meiner Eltern ist. Meine Mutter war morgens gerade in Formulare und Bankenordnern vertieft, völlig durch den Wind aber trotzdem irgendwie fröhlich. Also zündete ich mir eine Zigarette an und starrte sie demonstrativ an, in der Hoffnung sie würde mich bemerken, tat sie aber nicht.

Nun sprach ich sie an: Mama? Hast du gute Laune? und sie: Wieso? Hast du was angestellt? Ich schüttelte den Kopf und sie fragte weiter: Hast du Schulden? Eine Freundin? Einen Freund? Ich fing an zu zittern und hatte einen dicken Knoten in der Brust und dann hat sie es gesagt: Eric, bist du schwul? Ich fing an zu heulen und bejahte die letzte Frage.

Sie kam augenblicklich zu mir und nahm mich in den Arm und erklärte mir, dass sie dagegen überhaupt nichts habe, die Hauptsache sei, dass ich glücklich sei, und dass das mein eigenes Ding sei und ich auf mich aufpassen solle.

Meinen Stiefvater hat sie heimlich auf der Arbeit angerufen und es ihm erzählt, damit ich es nicht machen musste, und er hat hinterher dasselbe gesagt wie meine Mutter zuvor.

Endlich! Das Schlimmste war erledigt. Jetzt kann ich endlich ich selbst sein und jeder, der mich fragt, erfährt es sofort. Den meisten zwinge ich es sogar auf, damit es raus ist. Und heute bin ich erstaunt, wie offen meine Familie dazu steht; wie mich meine Freunde unterstützen, um es mir so leichter zu machen, mit dem Gedanken schwul zu sein, endlich klar zu kommen und mich wohl zu fühlen. Natürlich gibt es noch die eine oder andere Person, vor der ich es aus Eigenschutz noch geheim halte, aber ich denke, das wird auch noch vergehen früher oder später.

Coming-out

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