Als ich 17 war, merkte ich, dass in meinem Leben etwas gewaltig schief lief. Den Grund sollte ich erst später herausfinden, denn ein paar große Steine lagen auf meinem Weg, ja ganze Berge.

Udo, 23: Irgendwann mit 18 Jahren stand ich alleine da mit dem Gefühl, keine Freunde zu besitzen und nichts wert zu sein. Und während ich lange eine Begründung dafür suchte, versank ich nur noch mehr in Selbstmitleid und hasste die Welt.

Die Verachtung kam nicht von ungefähr, sondern war ein unbewusster Teil meiner Erziehung. Meine Eltern traten schon kurz nach meiner Geburt den Zeugen Jehovas bei und so wurde auch ich ein Kenner der Wahrheit Gottes. Schon als kleines Kind musste ich mit zu den Versammlungen, drei Mal die Woche für jeweils knapp zwei Stunden. Dort musste ich lernen, ruhig sitzen zu bleiben und zuzuhören.

Ich wurde älter und verstand auch immer mehr von dem, was dort eigentlich erzählt wurde. So wurde aus dem kleinen Kind ein Zeuge Jehovas. In der Schule war ich natürlich immer der Außenseiter, denn ich sollte ja keinen weltlichen Umgang pflegen, ließ mich von Faschings- oder Weihnachtsfeiern befreien und fuhr nie mit zur Klassenfahrt. Freunde mit nach Hause nehmen undenkbar!

Irgendwann fiel mir auf, dass ich gar nicht an Gott glaubte oder zumindest nicht so, wie es die Zeugen für richtig hielten. Jeder Spaß war mir vergönnt und selbst beim Baden mit Glaubensbrüdern und schwestern durfte die Bibel und der Wachturm nicht fehlen. Mir blieben nur die zwei Möglichkeiten: alles hinschmeißen oder mich noch mehr zu engagieren.

Ich entschied mich für die einfachere Variante. Ich ließ mich taufen, ging in den Predigtdienst und hoffte zumindest jetzt etwas mehr von Gott zu spüren. Nichts, aber auch gar nichts geschah in der Folgezeit! Langsam fühlte ich mich betrogen, wenn ich schon alles entbehrte, was im Leben Spaß machte, dann müsste ich doch zumindest glücklich sein können?

Eines Tages kamen wir in der Schule auf das Thema Sekten, da meldete ich mich natürlich freiwillig zu einem Vortrag. Als ich mich wie gewöhnlich einen Tag vor der Präsentation wirklich damit auseinandersetzte, fiel mir auf, dass ich noch nie selbst über mich und Gott nachgedacht hatte. Auch die Punkte auf der Checkliste, die ein Sektenmitglied charakterisieren, passten alle: Ich war nur mit dem unangenehmen Predigtdienst, dem Bibelstudium und Ausarbeiten des Wachturms beschäftigt, hatte keine Freunde und benutzten zum Argumentieren die zigmal zitierten Bibelstellen der Zeugen Jehovas.

Ab diesem Zeitpunkt versuchte ich mehr Abstand zu gewinnen und Anschluss in der abtrünnigen Welt zu finden. Zum Glück waren meine Eltern auch nicht mehr so begeistert von den Zeugen Jehovas. So musste ich nicht mehr so oft mit zu dem Versammlungen. Irgendwann wurde ich dann von einem Ältesten zu einem Gespräch gebeten. Während des Gespräches stellte sich heraus, dass ich beim Rauchen erwischt worden war und so führte das Verhör zu der Frage, ob ich noch auf dem rechten Weg sei.

Ich lief rot an und, ohne dass ich wusste, was ich eigentlich gerade von mir gab, sagte ich, dass ich austreten möchte. Meine Eltern waren natürlich überrascht, doch umso schockierter waren sie, als sich meine Schwester mir anschloss. Die Luft war raus, zuerst fühlte ich mich schlecht, aber nach und nach wurde mir und meiner Schwester bewusst, dass es die richtige Entscheidung war. Allmählich hörte auch das schlechte Gewissen auf zu wirken: Endlich war da keiner mehr, der einen schlecht anschaute, weil man sich weltlich gab, keinen Bibelstudium gemacht hatte, etc.

So stürzte ich mich ins Leben mit viel Alkohol. Aber so recht glücklich fühlte ich mich trotzdem nicht. Ich wurde zunehmend depressiver, weil ich mittlerweile glaubte, die falsche Entscheidung getroffen zu haben. Denn schließlich hieß es ja immer bei den Zeugen, dass ein ausschweifender Lebenswandel zu großem Unglück und Problemen führe. Als dann meine Schwester auszog, fehlte ein wichtiger Teil in meinem Leben. Uns trennten zwar nicht viele Kilometer, aber mit begrenztem Taschengeld und schlechten Arbeitszeiten (ich war mittlerweile Zivi, sie Azubi) sahen wir uns nur noch selten. Ich war auf mich alleine gestellt und erlebte die depressivsten Zeiten meines Lebens.

Ich wusste zu diesem Zeitpunkt schon länger, dass ich Jungs attraktiver fand. Aber allein der Gedanke daran, schwul zu sein, empfand ich als einen Fluch, als Konsequenz für meinen schlechten, gottesverachtenden Lebenswandel. Dabei war ich noch Jungfrau (mit 18!) und hatte sonst noch längst nicht so viel erlebt wie meine Altersgenossen.

In dieser Zeit fühlte ich mich von allen angegriffen, hatte kein Selbstbewusstsein, fand mich hässlich und zog mich schließlich an den Computer zurück. Eines Tages Gott segne ihn kam mein Vater endlich der Bitte nach, mir einen Internetanschluss zu gewähren.

Es dauerte nicht lange und ich konnte mich überwinden, nach schwulen Themen zu suchen. Anfangs hatte ich immer noch das schlechte Gewissen, doch je mehr ich las, umso freier fühlte ich mich. Ja, es gab noch andere, die schwul waren und: Es waren nicht wenige! So entschied ich mich all meine Bedenken in Bezug auf Religion, Gott und Erziehung über Bord zu werfen. Ich surfte auf diversen Foren, lud Pornos herunter und schloss einen Pakt mit mir selbst und Gott: Solange ich keinen Freund finde, der mich liebt und den ich liebe, solange werde ich die größte Hete aller Zeiten bleiben!

Es sollte nicht lange dauern, gerade einmal vier Dates, und ich fand jemanden, der meinen Ansprüchen an Musikgeschmack, Lebensphilosophie und Bildung gerecht wurde. Natürlich fiel mir es immer noch schwer, alte Denkweisen abzulegen und mich auf ihn einzulassen. Aber er Christian ist sein Name verführte mich nach Strich und Faden, nahm mich mit in schwule Discos und Bars.

Anfangs hatte ich Probleme damit, mich in der Öffentlichkeit zu zeigen. Ein Kuss an der Haltestelle, eine Frau beobachtete mich Horror! Ständig dieses schlechte Gefühl, erwischt zu werden, aber irgendwann normalisierte sich das und ich dachte mir: Was kann daran so falsch sein?

Nach zirka einem Jahr konnte ich zwar nicht mit endgültiger Sicherheit behaupten, dass ich Christian liebte, doch ich stellte endlich fest, dass Schwulsein nichts Schlimmes sein konnte und mich zudem glücklicher machte, als ich es je zuvor war. Ich gewann mehr und mehr an Selbstbewusstsein, bis ich den Druck der ewigen Lügen nicht mehr länger standhalten wollte. Ich beschloss reinen Tisch zu machen. Leichter gesagt als getan.

Zuerst erzählte ich es meiner Schwester natürlich hatte sie es geahnt und nach einem vierstündigem Gespräch war mir klar, dass ich mir selbst mehr im Weg stand, als ich dachte. Beflügelt von der positiven Erfahrung, aber mit langsamer Vorsicht, ging ich an meinen Freundeskreis. Zuerst weihte ich meine langjährigen Kumpel Thomas ein und dann Daniel. Beide waren stark überrascht, dass ich nicht die Vollbluthete war, die ich zu sein vorgegeben hatte, aber sie kamen damit klar. In der Hoffnung, es würde sich von selbst verbreiteten, erzählte ich es erst einmal keinem mehr.

Obwohl ich schon gar nicht mehr damit gerechnet hatte, kamen dann die ersten Mutigen auf einer Party auf mich zu. Sie stellten mir Fragen wie: Sag mal stimmt das, bist du wirklich schwul? etc. Und ganz entgegen meiner Erwartungen hörte ich nicht einen negativen Kommentar, alle brannten vielmehr darauf, meinen Freund kennenzulernen.

Trotz dieses Erfolges war ich immer noch skeptisch und ließ es langsam angehen, aber Christian tat sein Teil dazu. Irgendwann wusste es jeder und jeder kannte auch meinen Freund. Nun dann auf zu den Eltern! Oh Gott im wahrsten Sinne des Wortes. Doch da erfuhr ich schon, dass meine Schwester wie insgeheim erhofft meiner Mutti Bescheid gegeben hatte. Mir fielen ohnehin schon seit längerem Bemerkungen auf wie Mit dem Thomas verstehst du dich wohl gut? Ist der schwul? Auch wenn ich immer rot angelaufen bin, aber ich hatte zu der Zeit den eisernen Vorhang gewahrt.

Aber nun, als meine Schwester mir beichtete, gepetzt zu haben, lud ich meine Mutti auf einen Kaffee ein und fing mit sehr viel Zittern an, zu reden. Und siehe da, sie sagte nur, dass sie es schon länger wisse und sich ihre Gedanken darüber gemacht habe. Nach den üblichen Standard-Coming-out-Fragen drängte sie mich, ein Treffen mit Christian zu arrangieren. Überglücklich erfüllte ich ihr den Wunsch und freute mich, dass die beiden sich so wie es sich für Schwiegermutti und -sohn gehören sollte, verstanden.

Dann gingen wieder ein paar Monate ins Land und ich plante in Gesprächen mit meiner Mutter das Coming-out gegenüber meinem Vater. Das Problem bestand darin, dass ich eigentlich wenig emotionale Bindung zu meinen Vater hatte, aber nichts destotrotz war er eine starke Autoritätsperson, der ich nur kleinlaut beigeben konnte. So vertagte ich das Coming-out auf unbestimmte Zeit.

Eines Tages kam es wie es das Schicksaal wollte , dass ich ein Bier nach dem anderen trank und redselig wurde. Das Schlimme: Am nächsten Tag wusste ich nur, dass mein Fahrrad weg war, ich sechs Stunden für den Heimweg gebraucht hatte, unterwegs geheult hatte und geoutet war. Meine Mutter rief mich natürlich noch einmal an und wir besprachen alleine die weitere Vorgehensweise. Das Ende vom Lied war, dass bei einem weiteren Gespräch herauskam, dass mein Vater es nicht akzeptieren kann.

Seitdem reden wir nur über belanglose Sachen wie es eigentlich auch schon vorher war. Anfangs störte es mich und ich fühlte mich verletzt, doch da unser Verhältnis noch nie das Beste war, weiß ich heute, dass er mich noch nie akzeptieren konnte, egal ob schwul oder nicht. Er hatte immer etwas zu mäkeln. Daher habe ich einen Schlussstrich gezogen und betrachte ihn so hart wie es klingt nur als eine Person, die ich kenne, anstatt als meinen Vater.

Christian kenne ich nun schon seit vier Jahren und bin vor einem Jahr mit ihm zusammen gezogen und trotz aller Höhen und Tiefen: ich erinnere mich an meinen Pakt: Ja, ich bin glücklich, verliebt und in einer festen Beziehung in einer SCHWULEN Beziehung.

Manchmal wünschte ich, dass ich es mir eher eingestanden hätte, doch manche Sachen brauchen Zeit. Und egal, ob ich heute mehr an Gott glaube als zuvor: Ich will mit dieser Geschichte jedem Mut machen, der ein ähnliches Schicksaal erträgt, denn es wird nicht leicht, es geht nicht schnell, aber es wird irgendwann besser viel besser!

Coming-out

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