Eingeredetes Glücklichsein

Redaktion Von Redaktion

Coming-out war für mich nie ein Thema. „Ich bin so, wie ich bin und das ist gut so, aber das muss ja keiner wissen“ – so oder so ähnlich habe ich früher gedacht. Heterolike bin ich sowieso, also kam auch nie jemand auf die Idee, dass ich schwul sein könnte.

Andy, 27: Ganz im Gegenteil: Einige hielten mich für asexuell. Asexuell von wegen! Obwohl ich, wenn ich jetzt so zurückblicke, weiß, warum sie so gedacht haben! Jedenfalls hatte ich für mich immer das Gefühl, dass alles gut war,so wie es ist, nur ich und mein kleines Geheimnis. Bis zu diesem einen Abend...

An diesem Abend feierte der Freund einer Freundin seinen Geburtstag. Sie waren schon länger zusammen, ich kannte ihn aber kaum. Je später der Abend wurde, umso enger tanzten sie und ich, bis sie mir schließlich, zwar leicht angetrunken aber durchaus Frau ihrer Sinne, ins Ohr flüsterte, dass sie gerne mit mir aufs Klo verschwinden würde. Zunächst hielt ich das auch für einen Scherz, aber sie ließ nicht locker, so dass ich es ernst nehmen musste. Auch nicht mehr ganz nüchtern sagte ich ihr, dass das wohl ein sehr verlockendes Angebot sei, wenn ich nicht schwul wäre... Wow, ich hatte gerade mein Leben, so wie ich es bisher geführt hatte, über den Haufen geworfen.

Mit einem Du willst mich doch verarschen-Blick nahm sie mich am Arm und verschwand nun doch in Richtung Toilette mit mir. Ich weiß nicht mehr, wie lange wir vor den Toiletten standen und geredet haben, ich weiß auch keine Einzelheiten mehr. Nur weiß ich noch, dass ich direkt danach am Liebsten die ganze Welt wieder bis zu dem Zeitpunkt zurückgedreht hätte, an dem außer mir noch keine Menschenseele gewusst hatte, was nun auch sie wußte.

In den darauffolgenden Tagen habe ich mir darüber Gedanken gemacht, warum ich wollte, dass niemand davon erfährt. Und ich kam auch drauf: Ein ehemals sehr guter Freund aus unserer Clique war bzw. ist sehr homophob und hat mir wohl immer das Gefühl gegeben, dass ich als Schwuler in unserer Clique nichts verloren gehabt hätte und wahrscheinlich noch mehr. Zum Zeitpunkt, meines ersten Comin-outs war der Kontakt zu diesem einen Freund allerdings bereits nicht mehr so eng und zu anderen hatte er auch nur noch sporadisch Kontakt gehalten, kurz gesagt, er hat angefangen zu saufen und sich immer mehr zurückgezogen (Raum für Interpretation - nennen wir es Schicksal). Aber so hat er es mir wohl leichter gemacht, es überhaupt jemandem zu sagen und dadurch darüber nachdenken zu müssen.

In den Wochen danach habe ich mich bei meiner besten Freundin, meinem besten Freund und einigen weiteren engen Freunden geoutet und von allen nur positive Rückmeldung bekommen. Sie waren es sogar, die mich auf schwule Partys geschleppt haben. Seitdem weiß ich jedenfalls auf wie viel Lebensqualität ich all die Jahre verzichtet habe.

Eigentlich ist um mich herum alles gleich geblieben, nur ich habe ein ganz anderes Lebensgefühl. Früher ist es mir nicht aufgefallen, wie sehr sich bei mir alles darum gedreht hatte bloß keinen Anlass zu geben, dass ich nicht auch nur im Entferntesten schwul rüberkommen könnte. Nicht dass ich über alles nachgedacht hätte, ich habe es automatisch so gemacht, was natürlich dazu geführt hatte, dass mich viele für asexuell hielten.

Heute weiß ich, warum: Meine Freiheit war eingeschränkt. Ich habe ja wirklich nichts Sexuelles gesagt oder getan und es geht auch noch weit darüber hinaus und mir fallen ganz banale Dinge auf, unter anderem, dass ich jetzt z.B. gutaussehenden Typen hinterherschaue.

Zu allem Überfluss habe ich mir auch noch eingeredet, dass ich damit glücklich war! Ich war es aber einfach nicht, dass weiß ich jetzt! Wenn mich heute jemand darauf anspricht oder wir auf das Thema kommen, stehe ich dazu und es tut einfach gut, weil ich nicht DAZU stehe, sondern ZU MIR!

Coming-out

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