"Sissy Boy"

Redaktion Von Redaktion

Nachdem ich selbst hier seit Jahren schon mitlese, habe ich mich dazu entschlossen, auch meine eigene Geschichte hier zu veröffentlichen.

Jonas, 20: Alles begann als ich 16 war. Gut, ein aufmerksamer Beobachter hätte es vielleicht schon früher feststellen können, ich war in mancher Hinsicht ein richtiger "Sissy Boy", habe lieber mit Puppen gespielt als mit Autos, in diversen Rollenspielen meiner Kindheit war ich oft eine Frau und ich habe schon früh eine Vorliebe für "Heldinnen", "Bösewichtinnen" und "Diven" entwickelt. In der Volksschule habe ich aber doch recht schnell gemerkt, dass das "Anders-Sein" weniger toll ist, und so habe ich mich relativ verstellt, auch Fußball gespielt und auch einfach wirkliche Interessen entwickelt, die man als typisch für einen Burschen bezeichnen würde.

Das ging dann so weiter in der Unterstufe eines Gymnasiums einer größeren Provinzstadt, wo ich auch eigentlich, da ich immer recht beliebt war, und zu den "Coolen" in der Klasse gehört habe auch, nicht wirklich jemals ein Mobbing-Opfer geworden bin, obwohl ich doch oft nicht sehr "Mainstream-Burschen-Interessen" gehabt habe, von Musicals und klassischer Musik bis hin zur Literatur. Doch mit dem Beginn der Pubertät habe ich recht schnell gemerkt, dass ich mich doch eher zu Männern hingezogen fühle. Was für mich zwar keine erfreuliche Entdeckung war, aber mir auch nicht die großen Probleme bereitet hatte. Ich habe auch nie wirklich an ein echtes "Coming-Out" gedacht, bis ich eines Tages auf "bare: a pop opera", ein amerikanisches Pop-Musical, welches von der tragischen Liebesgeschichte zweier schwuler Highschool-Schüler in einer katholischen Privatschule handelt, stieß. Die Musik und die Texte haben mir einen anderen Zugang zu der Thematik, abseits von CSD und Life Ball eröffnet, die ich mir nie erträumen hätte lassen.

Plötzlich war das Thema "Coming-Out" in meinem Kopf. Ich habe es zwar lange verdrängt, aber es ist immer wieder gekommen. Nach einer doch sehr interessanten, schönen und durchaus auch erfolgreichen Schulzeit, folgte ein Jahr Zivildienst, welches mir vor allem eines verschaffte: Zeit zum Nachdenken: "Wer bin ich? Was will ich von meinem Leben?" Doch auch das hat nicht wirklich Abhilfe geschaffen und ich habe meine Sorgen und meinen Kummer allwöchentlich in ausgedehnten "Sauftouren" mit meinen Freunden ertränkt. Einen wirklichen Schritt nach vorne hat dann mein Umzug in unsere Hauptstadt gebracht, weg aus der Provinz ins "richtige Leben". Ein Profil auf einer der Dating-Plattformen war schnell erstellt, und ich habe mich ins Abenteuer "Neues schwules Leben" gestürzt.

Neben einigen Ausflügen in die "Damenwelt" hatte ich auch immer wieder Dates mit Männer, welche oft wirklich interessant, oft doch sehr eigenartig waren. Bis ich schließlich einen netten Burschen, nennen wir ihn Lukas kennen lernte, der zwar sehr nett, aber auch schon etwas älter als ich war. Wie es das Leben so wollte, habe ich mich wirklich in ihn verliebt und wir hatten auch das was wir eine "Beziehung auf Probe" nannten. Es schien alles sehr schön für mich, doch der Druck wurde immer größer, vor allem die Ausreden, warum ich an Wochenenden und Feiertagen plötzlich in der Hauptstadt bleiben wollte, haben einiges an Kreativität abverlangt. Mir wurde alles zu viel, auch der Altersunterschied, und schließlich war ich irgendwie erleichtert, als ich einen Grund fand, mich von ihm zu trennen.

Lange Rede, kurzer Sinn, wir nähern uns dem eigentlichen Coming-Out: Besagter Lukas hatte mir einige Postkarten mit Liebesbekundungen geschrieben, welche ich wohlweislich bei Besuchen meiner Eltern und nach dem "Beziehungsaus in einem Ordner aufbewahrte. Da habe ich nicht mit der Neugier meines Vaters gerechnet, der beim Saubermachen nach handwerklichen Tätigkeiten in meiner Wohnung "zufällig" auf die Karten stieß. Nach einem jämmerlichen Versuch meinerseits das abzustreiten, war die Sache ziemlich klar, ich habe geweint und mich auf den Boden gesetzt, und mein Vater hat die "große" Frage gestellt: "Jonas, bist du schwul?", ich, in Tränen aufgelöst habe ihm dann alles erzählt. Wie eigentlich nicht erwartet hat mein Vater sehr gefühlsbetont reagiert, mich in den Arm genommen und mir versichert, dass das für ihn keinen Unterschied macht und da ich ja hin und wieder auch etwas mit Frauen "am Laufen habe", vielleicht mich doch irgendwann für ein "klassisches Lebensmodell" entscheide.

So weit so gut. Wir beschlossen es also noch am selben Tag meiner Mutter zu sagen, zu der ich eigentlich immer ein sehr gutes Verhältnis hatte. Sie hat entsprechend schlechter reagiert, geweint, und gemeint "eine Mutter spürt so etwas" und "sie hätte es geträumt". Im Endeffekt hat aber auch sie gemeint, dass ändere nichts an ihrer Zuneigung zu mir und mein Vater hat das alles noch damit bekräftigt, in dem er meinte sie werden immer hinter mir stehen, ganz egal für welchen Lebensweg ich mich entscheide. Nach einigen Tagen peinlicher Gespräche und weiser Worte meines Vaters, ich sollte auch mögliche Auswirkungen auf meine Karriere bedenken, hat sich die Sache relativ schnell wieder beruhigt, aber es war immer wieder Spannung in der Luft, u.a. auch weil meine Mutter immer in Frage gestellt hat, mit wem ich mich wirklich treffe, wenn ich etwas unternommen habe und sie hin und wieder Anmerkungen in Gegenwart Fremder machte, welche Sorgen ich ihr nicht bereite, was natürlich für allgemeine Verwirrung gesorgt hat.

Nun habe ich heute mir ihr zum ersten Mal offen über alle Probleme die auf mich zukommen könnten und über meine Situation geredet, was für sie anscheinend eine große Überwindung bedeutet hat, doch schien sie mir nach diesem Gespräch ungewöhnlich erleichtert, und sie hat mir auch noch danach eine SMS geschrieben, wie wichtig ihr das Gespräch war, und dass sie mich sehr lieb hat. Alles in Allem also bis jetzt ganz gut gelaufen, für meine Schwester und meinen engeren Freundeskreis war das sowieso nie ein Problem, die wussten ja schon länger davon. Jetzt stehe ich mir nur noch selbst gegenüber, mit dem ich ausringen muss, was ich von mir und meinem Leben will - und natürlich als sehr gläubiger Katholik die ewige Frage, ob Gott das alles so für mich will.

Coming-out

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