Steh dazu!

Redaktion Von Redaktion

Alles ging so schnell. Die Angst nicht zu wissen, wie das Umfeld reagiert. Verlustängste. Ein in der Gesellschaft etablierter Junge outet sich als schwul. Dieser Junge war ich.

Philipp, 19: Seit Jahren wusste ich, wie ich ticke und was ich fühle, doch wahrhaben wollte ich es nicht wirklich. Ich habe verdrängt, dass ich so bin, wie ich bin. Bis die erste Liebe kam und ich wusste, dass es kein Zurück mehr gibt. Erfahrungen mit anderen Jungs, die das gleiche fühlen wie ich, habe ich im Internet gemacht. Jahre lang. Über Jungs in meinem Alter, die bereits offen dazu standen, dass sie schwul sind, lachte ich. Ich wollte nicht, dass jemand merkt, dass ich eigentlich genauso bin, aber viel zu feige war um es offen auszusprechen. Schon immer war ich jemand, der kein Blatt vor den Mund genommen hat. Ich habe meine Meinung immer frei geäußert, meine und die Interessen von anderen vertreten und verschaffte mir somit viel Ansehen und Respekt in meinem Umkreis. Nicht nur bei Gleichaltrigen, sondern auch bei Lehrern oder anderen älteren Personen. Ich habe es lange ausgehalten. Lange ausgehalten den Schein zu wahren, bis meine erste Liebe um die Ecke kam und mir völlig den Kopf verdrehte. Das Schlimmste daran war, dass er mein bester Freund war. Wir haben alles miteinander gemacht, über alles geredet, alles voneinander gewusst.

Am Ende der 10. Klasse bei unserer Abschlussfahrt in ein langweiliges und kleines Örtchen auf der Insel Rügen passierte es dann: ich habe ihn geküsst. Wir haben nie wieder darüber gesprochen, doch die Abweisung seinerseits nach diesem Kuss war mehr als eindeutig. Gut, dass ich danach auf ein Gymnasium wechselte und wir nicht mehr jeden Tag miteinander zu tun hatten. Ich kam nach Hause und hatte richtige Schmerzen. Dieses Gefühl hatte ich noch nie. Tage lang lag ich in meinem Bett, habe nichts gegessen und bewegte mich nur aus meinem Zimmer, um zu duschen und um auf Toilette zu gehen. Das alles in der Prüfungszeit. Ich habe es dennoch gut überstanden und habe meine Gefühle zu ihm verarbeitet. Er ist zwar heute immer noch eine tolle Person, aber mehr als sich zwischendurch mal treffen ist nicht drin.

Noch in den Sommerferien nach meinen Abschluss habe ich dann meinen ersten Freund kennengelernt. Es ging schnell. Doch so schön es auch war, ich habe es am ersten Tag in meiner neuen Schule und in meiner neuen Klasse beendet. Aus Angst. Kaum einer kannte mich. Die Angst hielt lange an, bis ich meinen zweiten Freund im Jahr darauf kennenlernte. Ich habe dieses Gefühl wieder verspürt, welches ich bei meinem besten Freund hatte. Ich glaube, es war Liebe. Dann war es mir egal und ich dachte, wenn man eine Person liebt, dann kann man auch dazu stehen, denn ich wollte mich nicht verstecken müssen. Dann habe ich es getan: ich habe meinen Beziehungsstatus bei Facebook bekannt gegeben und es meinem Vater erzählt. Alle reagierten sehr gut, es flogen keine Beleidigungen und ich wurde auch deswegen nie geärgert, was vielleicht auch an dem Status in meiner neuen Schule lag, der als engagierter Schüler sehr gut ist. Auch meine Oma und meine Geschwister wussten es. Nur vor einer Person hatte ich Angst: meiner Mutter.

Da ich auch politisch engagiert bin, habe ich an einer Talkrunde zum Thema Gleichstellung in unserem schwul-lesbischen Zentrum teilgenommen. Das erzählte ich meiner Mutter natürlich. Seit ich meinen Freund hatte, hielt ich mich dort oft auf. Kannte also schon einige Personen. Eine Woche darauf war ich zu einem 18ten Geburtstag eingeladen. Auch wieder da. Auch das erzählte ich meiner Mutter. Sie fragte dann ganz nüchtern: "Aber schwul bist du nicht?" und lachte. Ich wusste nicht mehr, was ich sagen sollte, ich wollte nicht mehr lügen und sagte ihr, dass ich schwul bin. Ihr fiel sichtlich alles aus dem Gesicht. Sie wollte und konnte es zu diesem Zeitpunkt nicht verstehen, nannte es ekelhaft und abartig, warf mir vor, dass sie mich für so etwas nicht in die Welt gesetzt hat und dass es so etwas in ihrer Familie nicht gibt. Sie wollte es einfach nicht glauben.

Es war eine Woche Funkstille, sie redete keinen Ton mit mir. Auf einfachste Fragen bekam ich keine Antwort. Ich beschloss, dass ich nochmal mit ihr reden wollte. Doch leider änderte sich ihre Meinung zu diesem Thema auch nach Wochen nicht, egal was für Argumente ich brachte und egal, wie sehr ich versuchte alles zu entschärfen. Ich habe den Beschluss gefasst, meine Mutter zu verlassen und auszuziehen. Das setzte ich auch schnell in die Tat um. Als meine Mutter dann merkte, dass es ernst wird und ich das durchziehe habe ich gehofft, dass sie sich entschuldigt. Hat sie leider nicht getan. Die ersten Tage in der eigenen Wohnung waren schwierig. Ich hatte nichts. Keine Einrichtung, kein Bett. Einfach nur meine eigenen Sachen, die ich aus der Wohnung mitnahm. Mittlerweile habe ich mir einen guten Hausstand aufgebaut, auch wenn es schwer war. Meine Mutter nahm dann auch nach drei Monaten wieder Kontakt auf. Unser Verhältnis ist gut, auch wenn sie noch nicht will, dass ich ihr jemanden vorstellen. Vorausgesetzt es gibt jemanden. Wir können noch nicht darüber reden, aber ich gebe ihr die Zeit, denn ich habe nie aufgehört meine Mutter zu lieben und sie dafür zu hassen, was sie mir angetan hat.

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