Auf einen Kaffee mit Max Reimer

Fabian Schäfer Von Fabian Schäfer
Auf einen Kaffee mit Max Reimer
dbna/Fabian

Der junge Musiker aus Frankfurt sprach mit dbna über sein Coming-out, seine ukrainische Herkunft und über seine Single, die heute erscheint.

Hi Max, wo kommst du denn gerade her? Du hast ja deine Violine noch bei dir.
Max Reimer: Ich komme gerade von einer Filmmusikaufnahme für die Hessische Filmakademie, wir haben nämlich Musik für einige Kurzfilme im Konservatorium mit dem Orchester aufgenommen.

Du studierst also hier in Frankfurt?
Max: Ja, genau. Ich studiere an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Geige und Songwriting.

Wie kamst du denn überhaupt zur Musik?
Max: Damals in der Ukraine, wo ich ja herkomme, hatte ich in der Kita schon früh Musikunterricht. Die Lehrerin empfahl mir, Geigenunterricht an der Musikschule zu nehmen, was ich dann auch im Alter von acht Jahren getan habe. Zu der Zeit ging die Motivation vor allem von meinen Eltern aus und erst, als ich mit zehn Jahren nach Deutschland kam, hat mich mein neuer Geigenlehrer sehr motivieren können, noch mehr zu tun. Mit dem Singen habe ich so mit vierzehn Jahren angefangen und beides zusammen wurde nach und nach immer ernster.

Deine Songs schreibst du ja alle selbst. Welche Themen behandelst du denn?
Max: Ich schreibe nicht über irgendetwas Abgefahrenes, sondern über Beziehungen, meine Liebe zur Musik oder Alltagssituationen, dass ich mich gegenüber jemandem beweisen muss oder so. Selten schreibe ich auch ernstere Songs, das hat dann aber immer einen Anlass. So habe ich Ende 2010 das Interview mit Marcel über seine HIV-Erkrankung bei dbna gelesen und war so tief berührt, dass ich darüber einen Song geschrieben habe. Er heißt "Never Thought" und handelt davon, wie man sich bei so einer Diagnose wohl fühlen könnte und wie man damit umgeht.

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Wie Du schon gesagt hast, kamst Du mit 9 Jahren über die Ukraine nach Deutschland. War es anfangs schwer, hier zu leben? Gab es Schwierigkeiten?
Max: Auf jeden Fall war die Sprache ein Problem, ich konnte ja kaum ein Wort Deutsch. Ich war dann acht Monate hier in einem Vorbereitungskurs, dort war vor allem der erste Monat sehr hart, denn ich kannte niemanden und habe auch keinen verstanden. Danach ging es aber immer besser, als Kind lernt man ja schnell. Nach diesem Kurs kam ich dann in die vierte Klasse einer Grundschule, wo ich eher zugehört habe und noch nicht bewertet wurde. Die fünfte Klasse verbrachte ich dann zur ersten Hälfte auf der Hauptschule, danach auf der Realschule, bis ich in die sechste Klasse eines Gymnasiums wechselte. Es war anfangs schwer, neue Freunde zu finden, denn die meisten kannten sich ja schon aus Kindergarten- oder Sandkastenzeiten. Doch auch das wurde mit der Zeit zum Glück besser.

Hattest du denn je mit Ausländerfeindlichkeit zu kämpfen?
Max: Nein, denn die Gegend in Karlsruhe, wo ich vor meinem Umzug nach Frankfurt wohnte, war sehr international. Da fiel man als Ausländer also gar nicht auf. Und auch hier an der Hochschule in Frankfurt gibt es so viele Nationalitäten, da ist es nichts Besonderes.

Wie lange weißt du denn schon, dass du schwul bist? Wann wurde dir das klar?
Max: Ich wurde sehr konservativ erzogen, außerdem ist es generell in Osteuropa so, dass es das Thema Homosexualität nicht gibt. Es gibt zwar ein paar bekannte Schwule im Fernsehen, aber die sind dann immer so überzeichnet und klischeehaft. Man denkt gar nicht, dass es die auch "in echt" gibt und so dachte ich das auch immer. Mit 17 hatte ich eine Freundin, aber es war für mich eher wie eine Freundschaft und keine Liebe. Ich war auch wirklich kein guter Freund und so hat sie mit mir Schluss gemacht. Ein Jahr später war ich dann auf einer Orchesterfahrt, wo nach den Proben immer ordentlich Alkohol floss. So landete ich mit einem anderen Jungen im Bett das war ein sehr komisches Gefühl. Wir haben uns beide eingeredet, dass es nur zum Spaß war und nichts zu bedeuten hat.

War es denn so?
Max: Nein, so war es nicht, immerhin waren wir drei Monate zusammen. Als er Schluss gemacht hat, war ich sehr aufgelöst, was meine Familie auch gemerkt hat. Ich habe es meinen Eltern dann gesagt und ihre Reaktionen waren furchtbar. Sie waren ratlos und fragten mich, wie ich ihnen denn so etwas antun könne und behaupteten, dass ich doch gar nicht wüsste, was Liebe eigentlich ist. Das ging zwei Tage so, danach war das Thema vom Tisch und es wurde eineinhalb Jahre nicht mehr darüber geredet. Das war in Ordnung, weil ich ja ohnehin dann nach Frankfurt gezogen bin und tun konnte, was ich will.

Hat sich die Einstellung deiner Eltern nicht geändert?
Max: Doch, mein Vater hat sich nämlich die ganze Zeit mit dem Thema beschäftigt, heute ist es für ihn und für meine Mutter in Ordnung. Es ist zwar immer noch komisch, wenn ich meinen Freund mit zu ihnen bringe, aber für sie zählt mittlerweile, dass ich glücklich bin und dass mir die Beziehung guttut.

Max Reimer/Mirko Plengemeyer

Angenommen, eine große Plattenfirma bietet dir einen Plattenvertrag an, verlangt aber von dir, dass du deine Homosexualität verschweigst. Würdest du unterschreiben?
Max: Puh, das ist eine schwierige Frage in so einer Situation war ich noch nie. Ich weiß nicht, vielleicht schon. Es kommt drauf an, in welchem Rahmen ich das verschweigen müsste. Die Zielgruppe wären dann wohl 14-jährige Mädchen. Bis zu einem gewissen Punkt kann das als Starthilfe also von Vorteil sein, hetero zu spielen, aber genau so gut könnte es ein Vorteil sein, sich sofort zu outen. Deswegen denke ich doch eher, dass es sehr wichtig ist von Anfang an mit offenen Karten zu spielen.

Du wirst dieses Jahr auch beim CSD in Köln, Frankfurt, Hamburg und Darmstadt auftreten. Was erwartet uns da?
Max: In Köln wird es eine 30-minütige Show geben, bei der ich nur Songs von mir präsentiere, wie immer ist auch meine E-Geige dabei. Es sollte für jeden was dabei sein, denn ich habe vom virtuosen Geigen-Solo über sehr intime und mitreißende Songs fast alles dabei. Es ist also ein sehr abwechslungsreiches Programm.

Ein Song von dir heißt "Remember My Name". Wieso sollten wir uns deinen Namen merken?
Max: Meine Kombi ist einfach nicht alltäglich: durch meine Herkunft bin ich geprägt durch einen internationalen Lebensweg, der sich auch musikalisch widerspiegelt. So habe ich sowohl Einflüsse aus der osteuropäischen Popmusik als auch wegen meines Geigenstudiums klassische wie Beethoven oder Bach. Das alles führt zu dem, was ich bin.

Einige deiner Titel wurden ja schon auf Radiosendern wie YouFM oder RadioSUB gespielt. Was hast du noch für die Zukunft geplant?
Max: Ich möchte auf jeden Fall so viele Konzerte wie möglich geben. Außerdem suche ich im Moment nach einem Produzententeam, das mich unterstützt und ein bisschen neuen Schwung in meine Arbeit bringt. Bald steht auch ein Videodreh für meine neue Single "Happy" an, die am 06.07.2012 bei iTunes und Amazon erscheint.

dbna/Fabian

Wieso freust du dich auf den Videodreh?
Max: Ich freue mich, weil es eine neue Erfahrung ist, weil ich gute Musikvideos sehr schätze und sowieso ein großer Fan von schönen Bildern zu Musik bin. Doch ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass ich cool bleibe und kein bisschen nervös bin. Aber mit einem langjährigen Freund, Mirko Plengemeyer, als Regisseur fühle ich mich ganz wohl.

Worum geht es im Song "Happy"?
Max: Es geht darum, dass man nach einer gescheiterten Beziehung eine neue eingeht und die Zeit des Kämpfens um den Exfreund hinter sich lässt. Und gerade als man das Gefühl hat, es geht einem wieder gut, meldet sich der Ex wieder. Obwohl man weiß, dass er einem gar nicht gut tut, hat er immer noch etwas, was einen nicht loslässt.

Was wird man im Video sehen?
Max: Das Video spielt an zwei Orten: der größere Teil spielt in einer Suite eines 5-Sterne Hotels in Frankfurt und der Rest im Treppenhaus eines Altbaus.
Das Video zeigt meine verstörte Gefühlswelt: nachdem ich eine Nachricht von meinem Ex bekommen habe, sehe ich ihn überall, obwohl er gar nicht da ist. Ich bin zwischen meinen beiden Nebendarstellern hin- und hergerissen und eine richtige Auflösung gibt es auch nicht...

Das klingt ja spannend, da können wir uns drauf freuen! Danke für das Gespräch. Wir wünschen dir für die Zukunft alles Gute!

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Weitere Quellen: Max Reimer/Mirko Plengemeyer/dbna/Fabian