Wenn der Ferne Osten rockt...

Redaktion Von Redaktion

Moderne japanische Kultur wird zu Zeiten der Globalisierung rundum den Erdball getragen. Was einst zu ihnen kam, kommt nun zu uns. Auch die japanische Rockmusik erfreut sich trotz mangelnder Sprachkenntnisse im Westen immer größerer Beliebtheit. dbna hat sich dem Phänomen J-Rock angenommen.

"Kann ich dich lieben, in dieser schimmernden Nacht? So wie du bist, bewege dich schneller, und mehr Deine nassen Lippen nehmen mir den Atem, Baby, da gibt es keinen Bedarf mehr für Worte."

Während Gackt einer der bekanntesten Vertreter des J-Rock diese Zeilen singt, reitet er wild auf einem seiner Gitarristen, der auf dem Rücken liegt. Auch sonst finden während des Liedes immer wieder homoerotische Szenen statt.

Anhaltend kokettieren auch andere J-Rock-Musiker bewusst mit Homosexualität sie kleiden sich sehr feminin, schminken sich und sind insgesamt sehr androgyn in ihrem Auftreten. Doch was steckt hinter diesem Konzept? Was ist J-Rock eigentlich?

Viele komplizierte, hohe und schnelle Gitarrensoli

Letztendlich ist J-Rock bzw. auch J-Pop erstmal ein Sammelbegriff außerhalb Asiens für fast alle modernen, japanischen Musikstücke, die in den westlichen Kulturbereich schwappen. Die beiden Begriffe lassen sich aufgrund dessen auch nur schwer voneinander abgrenzen. Zumindest aber kann man bei den Bands sagen, ob sie mehr zu einem poppigen oder einem rockigen Stil neigen, beinhaltet J-Rock doch häufig viele komplizierte, hohe und schnelle Gitarrensoli.

Nicht nur von Album zu Album oder von Lied zu Lied wechselt dabei oft der Stil, sondern auch innerhalb eines Liedes kommen nicht selten unterschiedliche Musik-Komponenten vor. Das beginnt bei Balladen und geht über Pop-, Rock- und Metal-Bestandteile bis hin zu Klassischer Musik.

Viele J-Rock-Fans außerhalb Japans werden über die Titellieder von Animes (japanische Zeichentrickserien) wie Dragonball oder eben auch Konsolenspiele wie Final Fantasy an diese Musik herangeführt. Und über die modernen Kommunikationstechnologien ist es sehr leicht, sich damit näher zu befassen, wie es dann auch Sebi (17) gemacht hat. Es werden Liedtexte und Übersetzungen gesucht, Bilder der Künstler, ihre Biographien und neue Lieder.

"J-Rockern ist die Meinung anderer vollkommen egal."

Das war zwar bei Sebi nicht der Fall, aber bei seinen Freunden. Über diese ist er auf J-Rock gestoßen und ist heute ein ganz großer Fan. "Am Anfang fand ich es doof, weil ich nicht mitsingen konnte", sagt er. Aber je mehr er auf die Melodie und den Klang geachtet hat, desto mehr begeisterte es ihn. Für ihn ist es richtig gute Rockmusik, die sein Leben bereichert. "Es ist eben von der Art her anders als die amerikanische oder englische Rockmusik." Auch mag er die Art der Künstler: "J-Rocker sind offener und ihnen ist die Meinung anderer vollkommen egal, das beeindruckt mich."

Das ist für den gebürtigen Thüringer auch der Grund, warum sich viele J-Rocker homoerotisch geben. Er vermutet gar, dass die meisten schwul oder bi sind und in Wahrheit nur Scheinehen führen. Zwar schränkt Sebi ein, dass es auch sein könnte, daß die J-Rocker nur damit kokettieren, dies glaubt er aber nicht. "Auf der Bühne sind die Jungs mehr als häufig sehr, sehr intim, dann rutscht ihnen oft etwas in einem Interview raus und es gibt Photos, die eindeutig sind", erzählt er von seinen Recherchen. Aber letztendlich müsse nach Sebi jeder selbst entscheiden, was er davon halten solle.

Geprägt ist J-Rock von starkem westlichen Einfluss nach dem 2. Weltkrieg. Impulsgeber der Kategorie Rock und Pop waren unter anderem Bob Dylan, Jimi Hendrix, die Beatles, die Rolling Stones und Led Zeppelin. Allerdings sind auch die Pioniere der elektronischen Musik, so z.B. Kraftwerk und Brauhaus, adaptiert worden. Allerdings trifft das nicht alleine auf die Kategorien J-Rock und J-Pop zu.

Liebeslieder, Sex und Poesie

Genauso vielfältig wie das Klangrepertoire und die Einflüsse sind auch die Texte. Zuständig für das Schreiben sind die jeweiligen Sänger der Gruppen. Die meisten sehen es als Verantwortung oder aber auch Ehre an, dies zu tun. Dabei können Liebeslieder entstehen, Lieder über Sex wie eben das eingangs zitierte Lied "Vanilla" von Gackt oder auch sehr poetische Texte. Genauso können sie auch sehr morbide Inhalte haben. Die meisten Sänger sind dabei sehr direkt und erzeugen sehr eindeutige Bilder in den Köpfen der Zuhörer. Allerdings gibt es auch Texte, deren Sinn sich nicht erschließen lässt. Auffällig ist, dass gerne Fremdwörter oder halbe Sätze aus dem Englischen, aber auch dem Deutschen, Französischen oder manchmal Russischen in die Lieder eingebaut werden, die man aber oft kaum versteht.

Gefragt nach seinem Lieblingslied nennt Sebi "Made In Heaven" von Hyde. "Der Rock ist einfach genial und wie der die Gitarre beherrscht und dazu seine Stimme es passt einfach alles", schwärmt der Azubi, den es nach Hessen verschlagen hat. Er trumpft auch gleich mit seinem Wissen über das Lied auf und erzählt, daß Hyde in der Rolle als Vampir singe, der es auf andere abgesehen habe, und seiner Lust folgend nehme, was er kriegen könne. Aber nicht nur dieses Lied von Hyde gefällt ihm, sondern dieser ist auch sein Lieblingskünstler dieses Genres. "Man merkt einfach, daß er seine Musik lebt. Ich kann mich mit seiner Musik identifizieren und seine komplette Art ist faszinierend."

Fest hat Sebi auch schon eingeplant, dieses oder spätestens nächstes Jahr zu Dir en Grey zu gehen eine J-Rock-Gruppe Japans, die häufig auch durch Europa tourt. Das wäre für ihn nicht nur ein Höhepunkt, sondern auch das erste Mal, dass er endlich bei einem J-Rock-Konzert dabei ist. "Komme, was wolle, ich geh dahin," kündigt er an und seine Augen leuchten.




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