Angeborener Freifahrtschein?

Redaktion Von Redaktion

Ein deutscher Forscher fand heraus, warum Affen immun gegen AIDS sind. Doch auch einem kleinen Teil der Menschheit kann die Seuche nichts anhaben. Und es gibt immer noch Forscher, die AIDS bestreiten. Warum ist das so?

Die Finnen wieder. Alles besser da, das Schulsystem, die Staatsfinanzen. Jetzt auch noch das mit dem AIDS: Knapp jeder siebte Lappe ist immun gegen die Seuche. "Angeborene Genanomalie" nennen Mediziner das. Andere würden einfach nur Glück sagen. Überhaupt die Nordeuropäer. Hier sind besonders viele Menschen vor der Krankheit genetisch geschützt. Wie viele es insgesamt sind, weiß man nicht genau, man schätzt den Anteil auf etwa fünf Prozent der Weltbevölkerung, aber wer lässt sich schon testen, ob er diese Genanomalie hat, und vor allem: Wer weiß eigentlich, dass es einen genetischen Schutz gegen AIDS gibt?

Immun zu sein gegen AIDS, das ist für die 56.000 HIV-Infizierten in Deutschland, darunter 34.000 schwule Männer, ein Szenario fernab der Realität. Bei 8.700 Menschen deutschlandweit ist momentan AIDS ausgebrochen. Letztes Jahr gab es 2.700 Neuinfektionen. Das sind bedenkliche Zahlen. Sie sehen klein aus, sie sehen danach aus, als dass man sich bei einem Abenteuer ohne Schutz schon nicht so einfach infizieren wird.

Die Schwierigkeiten mit der Seuche

Aber AIDS ist nicht heilbar. Es gibt immer wieder Meldungen, dass es einen Impfstoff gebe, aber den gibt es noch nicht. Es gibt ein Mittel, Aidsvax genannt, das es als Erstes im klinischen dreistufigen Testverfahren am Menschen in die letzte Phase geschafft hat. Das ist vielleicht ein Lichtblick, den bereits Infizierten hilft das wenig. Die Schwierigkeit, ein Heilmittel zu finden, liegt vor allem darin, dass man nicht genau weiß, an welcher Stelle das HI Virus angreifbar ist, denn es verändert sich ständig. Kaum hat man ein wirksames Mittel, verändert sich das Virus - und schon ist die Medizin unwirksam. So schnell wie sich das Virus ändert kann man das Gegenmittel gar nicht anpassen.

Inzwischen hat man einen Bereich gefunden in der Virusstruktur, der sich scheinbar nicht verändert, und inzwischen gibt es gegen diesen Bereich auch Antikörper. Ein Durchbruch ist das nicht, vielleicht eine Chance, aber wer weiß das schon. Auch das ist eine Schwierigkeit, man kann nicht sagen, ob die Reaktion des Viruskörpers jetzt gut war für den Menschen oder nicht. Und so liegt der therapeutische Ansatz bei AIDS immer noch darin, die Virusmenge durch geeignete Medikation möglichst gering zu halten. Dies führt zu einer Verzögerung des Krankheitsverlaufes und damit zu einer längeren Lebenserwartung. Am Ausbruch von AIDS ändert das nichts. Und es ändert nichts daran, dass das HI-Virus inzwischen gegen manche Medikamente resistent ist. Und auch das ist eine Tatsache, die immer bedrohlicher wird. Wer weiß schon, wie lange die gefundenen Medikamente überhaupt noch wirken?

Was weiß man eigentlich?

Vorbild in der AIDS-Forschung sind Affen. Von ihnen weiß man, dass sie immun gegen HIV sind. Dazu hat auch ein deutscher Forscher beigetragen, der jetzt mit dem höchstdotierten deutschen Forscherpreis für Naturwissenschaften, dem Paul-Ehrlich- und Ludwid Darmstädter-Nachwuchspreis, dotiert mit 60.000 Euro, ausgezeichnet wurde.

Normalerweise wird das Virus über Körperflüssigkeiten wie Blut oder Sperma übertragen. Wenn diese Flüssigkeiten in blutende Wunden oder aber auf die Schleimhäute geraten, beginnt das Virus, sein Erbgut in jede Zelle des Körpers einzuschleusen. Sobald der Körper einen Fremdkörper entdeckt, aktiviert er das Immunsystem. Dazu hat jede Zelle außen einen bestimmen Proteinkomplex, das sogenannte MHC. Sobald eine Zelle angegriffen wird, wird das MHC aktiviert. Es ist eine Art Signal und sagt den T-Helferzellen des Immunsystems, dass diese Zelle befallen ist. Das HI-Virus aber schleust das MHC ins Innere der Zelle, so dass das Immunsystem nicht mehr erkennt, dass die befallene Zelle infiziert ist. Und diese Zelle infiziert dann wiederum neue Zellen,, die dann wieder weitere Zellen infizieren. Alle so befallenen Zellen können also nicht mehr die Information übermitteln, dass sie krank sind, weil das Protein dafür eingesperrt wurde. Dadurch wird das System angreifbar für jede Art von Krankheit. Bis die ersten Symptome auftreten, kann es bis zu 15 Jahre dauern, aber sobald eine bestimmte Zahl von Zellen infiziert ist, bricht das gesamte System zusammen. Deswegen stirbt der infizierte Mensch meist an eigentlich harmlosen Krankheiten.

Insofern müsste man also das Erbgut aus jeder menschlichen Zelle entfernen und die restlichen Viren abtöten. Das aber ist utopisch. Und deswegen hofft man, vielleicht ja die Veränderung der Zelle mit Hilfe von Medikamenten zu verhindern. Hier kommen nun wieder die immunen Affen ins Spiel. Sie tragen eine Genvariante mit sich, die das Eindringen des HI-Virus in die Zelle verhindert. Schuld daran ist ein Oberflächenprotein, das den Weg in die Zelle versperrt. Damit tragen die Affen zwar das HI-Virus in sich, aber es kann sich nicht mehr im Affenkörper vermehren. Und das Immunsystem der Affen bekämpft gleichzeitig das Virus nicht, weil es ja gar keinen Hinweis irgendeiner Zelle bekommt, dass es bedrohlich ist.

Kein Freifahrtschein für die Minderheit

Sobald aber ein Mensch zum Beispiel dieses Affenfleisch isst und somit die Viren aufnimmt, kann sich das Virus wieder vermehren. Überhaupt ist der Verzehr von Affenfleisch der größte Infektionsherd bei der Übertragung vom Affen auf den Menschen. Beim immunen Menschen ist das Protein ein anderes, das Prinzip allerdings das gleiche. Vor Kurzem entdeckte man eine weitere Genvariante im afrikanischen Raum, die auch auf diesem Prinzip aufbaut. Wichtig ist dabei also, zu unterscheiden: Diese Menschen sind zwar nicht gefährdet, die Krankheit AIDS zu bekommen, aber sie können die HI-Viren weiterhin übertragen. Deswegen ist Sex mit einem immunen Menschen kein Freifahrtschein und die Immunität nur eine bedingt positive Eigenschaft.

Dabei ist es erstaunlich, dass sich diese Mutation so schnell verbreitet hat und sie unter den Nordeuropäern so häufig ist. Es gibt verschiedene Theorien darüber, warum das so ist, gesicherte Erkenntnisse gibt es aber auch hier nicht. Eine weit verbreitete These baut auf der Tatsache auf, dass es schon früher große Seuchenzüge gab, wie beispielsweise die Pest, und diese auch durch bestimmte Viren verursacht wurde, die auf dieselbe Weise wie das HIVirus arbeiten. Vielleicht ist so durch eine zufällige Mutation diese Eigenschaft entstanden und hat sich bei den Nachkommen überlebt, wenn sie denn vererbt wurde.

Hepatitis hilft bei AIDS

Man weiß inzwischen, dass es weitere solcher Eigenschaften gibt, die eine Infizierung vielleicht nicht verhindern, aber die Wahrscheinlichkeit senken. So senkt eine Infektion mit einer Unterart des Hepatitis-Virus das Risiko und zögert auf bisher unbekannte Art und Weise die Erkrankung deutlich heraus. Auch eine Beschneidung, inzwischen von der WHO empfohlen, senkt das Infektionsrisiko deutlich, weil durch die verhornte Haut am Penis das Virus nicht oder nur schwer eindringen kann.

Neben all diesen Theorien gibt es aber auch Forscher, die das HI-Virus nicht für den Ausbruch der Krankheit AIDS verantwortlich machen. Sie sehen Drogen und Unterernährung als Krankheitsauslöser an, auch die Medikamente, die gegen AIDS verabreicht werden, machen sie für den Ausbruch verantwortlich. Ihr Hauptargument ist die unerklärbare Wirkung mancher AIDS-Therapien. Die Forscher haben sich in einer Gruppe zusammengeschlossen und kämpfen nun gegen die gängigen Lehrmeinungen, darunter auch Nobelpreisträger und der Erfinder des ersten HIV-Tests.

Und weil man also nichts Genaues weiß und alles auf Theorien und Thesen aufbaut, gibt es nur einen Schutz gegen die Ansteckung: die Benutzung von Kondomen oder aber der Verzicht auf Sexualkontakte.

Das gilt auch für die Finnen.

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Weitere Quellen: Süddeutsche Zeitung, Brockhaus Enzyklopädie Online, Encarta, WikipediaBilder: istockphoto, photocase.com