Baustelle im Kopf

Patrick Fina Von Patrick Fina

Es ist eine Phase, die jeder einzelne Mensch durchleben muss: die Pubertät. Vor allem Lehrer können ein Lied von den Launen pubertierender Kinder singen, denn schulische Leistungen lassen zu wünschen übrig. Schuld ist die Baustelle in unserem Kopf.

Es ist eine Phase, die jeder einzelne Mensch durchleben muss: die Pubertät. Jeder kennt sie, doch niemand hat sie so schön beschrieben wie La Rochefoucauld: "Jugend ist beständige Trunkenheit; Sie ist das Fieber der Vernunft". Und das ist die traurige Wahrheit, denn ein Leben ohne Pubertät würde schon einiges leichter machen. Vor allem Lehrer und Eltern können ein Lied von den Launen pubertierender Kinder singen. Aber auch die Jugendlichen selbst erleben diese Zeit des Noch-Nicht-Erwachsen-Seins nicht immer nur positiv. Im Körper regen sich die "ersten" Gefühle, bei den meisten homosexuellen Jugendlichen findet das innere Coming-Out statt, Pickel bevölkern die Haut und sind nur Vorboten der "hormonellen Kapriolen" die noch bevorstehen. Nur ein kleiner Einblick in das Leben des Pubertierenden. Jetzt haben Wissenschaftler herausgefunden, dass sich in der Pubertät allerdings noch weitere, bisher unbekannte Mechanismen in Gang setzen.

Zugegeben: ganz unbekannt sind diese Mechanismen nicht. Bisher konnten Erziehungswissenschaftler nur spekulieren, ob es sie gibt oder nicht. Jetzt hat man es wenigstens handfest und schwarz auf weiß geschrieben. In der Pubertät, also zwischen den Klassen sieben und neun, ist der Lernzuwachs an den Schulen nicht der Rede wert. Über 170 Seiten dick ist die Hamburger Lernen-Ausgangslage-Untersuchung "LAU 9". Ohne jegliche Kritik ist dort aufgelistet, was die Erziehungswissenschaftler über mehrere Jahre getestet haben: die Leistungen der Schüler in Rechtschreibung, ihre Deutschkenntnisse, aber auch ihr Englisch oder die Rechenkünste in Mathematik. Das Ergebnis ist ebenso ernüchternd wie erschreckend. Vor allem die Klassenbesten der Jahrgangsstufe sieben hatten bis zur neunten Klasse kaum etwas dazugelernt. Eher glichen sich die Leistungen schwacher und starker Schüler nur mühsam einander an. Läuft also in der Schule irgendwas falsch? Oder sind es Freizeit, sexuelle Erfahrungen und so mancherlei andere Dinge, die wichtiger als die schulische Karriere zu sein scheinen. Mag sein, dass diese beiden Faktoren zufällig zutreffen, aber in den letzten Jahren haben Hirnforscher erkannt, was sich im pubertierenden Gehirn abspielt in dieser "Baustelle im Kopf". Und diese Forschungen geben uns Aufschluss über so manches Verhalten das Jugendliche aufweisen.

Warum brauchen Jugendliche beispielsweise mehr Schlaf als Erwachsene? Eine verzögerte Bildung des Hormons Melatonin verhindert, dass sie rechtzeitig müde werden. Viele gehen erst nach Mitternacht ins Bett und können trotzdem noch nicht schlafen. Eine Situation, in der jeder schon einmal gesteckt hat. In der Schule kann man sich dann tagsüber nicht gut konzentrieren, weil der nötige Schlaf fehlt. Aber das sind eher Peanuts im Vergleich zu dem, was Wissenschaftler noch alles herausgefunden haben. Der Neurologe Jay Giedd von den National Institutes of Health im US-Bundesstaat Maryland untersuchte mit fast 150 Teenagerhirne und belegte etwas, was der Hirnforschung bis dahin noch unbekannt war. Das menschliche Gehirn erlebt zu Beginn der Pubertät einen regelrechten Wachstumsschub. Die weiche, fettähnliche Masse Myelin, das die weiße Gehirnsubstanz bildet, tritt während der Pubertät immer häufiger auf. Bisher hatte man immer geglaubt, dass die Myelinbildung im zentralen Nervensystem bis zum fünften Lebensjahr nahezu abgeschlossen sei. Myelin hüllt die Axone ein, die langen Fortsätze der Nervenzellen im Gehirn. Die Nerven-Signale laufen dadurch 30 mal schneller sie erreichen eine Geschwindigkeit von 100 Metern pro Stunde! Allerdings hat diese Effizienz ihren Preis: Gehirnverbindungen sind nun starrer und nicht mehr so flexibel. Das erschwert die Lernfähigkeit. Bei Kleinkindern ist das noch nicht der Fall. Deshalb haben sie nicht die geringste Schwierigkeit, Fremdsprachen zu lernen. Sie lernen Vokabeln und Grammatik fast spielend. Von daher sei es für einen erneuten Fremdsprachenerwerb in der Oberstufe schon viel zu spät. Ihr seht in der Pubertät passiert einiges mit dem menschlichen Körper, das mit dem Lernen nicht immer kompatibel ist. Trotzdem ist Schule wichtig, und sollte selbst in der Pubertät nicht vernachlässigt werden. Und irgendwann ist sie vorbei, die "beständige Trunkenheit der Jugend".

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Weitere Quellen: Quarks&Co.