Böses Blut

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Böses Blut
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Menschen wie Christian darf es eigentlich nicht geben. Der 27-jährige Hamburger ist schwul. Und er spendet regelmäßig Blut, alle paar Monate, weil er helfen möchte. Wegen seiner sexuellen Identität gehört er aber zur Risikogruppe, ist damit kategorisch vom Blutspenden ausgeschlossen. Christian geht trotzdem.

Dass er schwul ist, gibt er nicht an. Er ist mit seinem Partner seit fünf Jahren zusammen, glücklich, treu und regelmäßig getestet. Sicher ist sicher.

So wie Christian machen es nicht wenige Schwule. Sie setzen sich über die "Richtlinien zur Gewinnung von Blut und Blutbestandteilen" hinweg. Der Europarat ließ im März vergangenen Jahres Daten zur Sicherheit der Blutspende erheben. Dabei gaben knapp zwei Prozent der deutschen Spender homosexuelle Aktivitäten an.

Die Transfusionsmedizin steckt in einem Dilemma. Seit Jahrzehnten dürfen Schwule keine Lebensretter sein - obwohl viele wollen, obwohl gerade in den Sommermonaten Blut fehlt. Gerade einmal zwei bis vier Prozent der Deutschen sind regelmäßige Spender, je nach Statistik. Es gibt immer wieder Blutknappheit bei Operationen, Krebstherapie und Notfallversorgung. Mehr und dauerhafter Nachschub ist notwendig.

Trotzdem ist Blut nicht gleich Blut, das gibt die Bundesärztekammer in ihren Richtlinien vor. Schwules Blut ist nicht gut. Als Diskriminierung will Friedrich-Ernst Düppe den Ausschluss von Homosexuellen aber nicht verstanden wissen. Der Sprecher des Blutspendedienstes beim Roten Kreuz verweist auf medizinischen Fakten, mit dem der Ausschluss begründet wird - und die ihm erst einmal recht geben.

Das Robert-Koch-Institut rechnet vor: Drei Viertel aller HIV-Neuinfektionen betreffen Homosexuelle. Die nackten Daten sind deutlich. Setzt man die geschätzte Zahl der Schwulen in Deutschland ins Verhältnis zur geschätzten Zahl der Neuinfektionen, dann lag die Quote unter Homosexuellen im Jahr 2012 bei 0,2 Prozent. Das Risiko, sich anzustecken, war damit 300 Mal höher als unter den Heterosexuellen.

Trotzdem ist der grundsätzliche Ausschluss falsch. Er diskriminiert, weil er Homosexuelle einem Generalverdacht aussetzt. Daran hat auch die Anpassung der Richtlinie im Jahr 2010 im Kern nichts geändert. Nach der sprachlichen Kosmetik werden Homosexuelle zwar nicht mehr explizit genannt, aber weiterhin mit dem Begriff MSM (Männer, die mit Männern Sex haben) rot markiert. Und grundsätzlich auf eine Ebene mit Prostituierten und anderem sexuellen Risikoverhalten gestellt.

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Bisher muss man auf einem Fragebogen angeben, ob man mit anderen Männern Sex hat. Kreuzt man das mit JA an, so wird einem die Blutspende verweigert.

Bisher muss man auf einem Fragebogen angeben, ob man mit anderen Männern Sex hat. Kreuzt man das mit JA an, so wird einem die Blutspende verweigert.

Die Regelung ist politisch korrekter geworden. Sinnvoller wurde sie damit nicht. Sie schließt zwar auch heterosexuelle Männer mit häufig wechselnden Partnerinnen aus. Sie stigmatisiert aber weiterhin alle Homosexuellen. Schwul bleibt schwul bleibt gefährlich. Die Regelung ignoriert, dass nicht die sexuelle Identität entscheidend ist, sondern das Sexualverhalten. Sex ist kein Risiko, nur weil er zwischen Männern stattfindet. Er wird zum Risiko, je öfter und ungeschützter er stattfindet. Das gilt auch für den Hetero, der den Club grundsätzlich nicht allein verlässt, und für Menschen, die mit Verhütung so viel anfangen können wie mit den Regelungen des Erneuerbare-Energien-Gesetzes.

Langsam tut sich etwas. Der pauschale MSM-Ausschluss stößt auch bei Experten auf Widerstand. Sie fordern eine neue Definition, die nicht mehr die subtile Gefahr zur Maßgabe hat, sondern stärker die Realität berücksichtigt: Dass sich die meisten Schwulen nämlich überhaupt nicht sexuell risikoreich verhalten, dass sie keine zwanghaften Fremdgeher sind, dass Vorurteile nicht wissenschaftlich sind. Diskutiert wird eine zeitlich befristete Rückstellung, eine Art zeitliche Sperre nach dem letzten riskanten Sex. Italien und Spanien melden gute Erfahrungen damit.

Alle Seiten würden gewinnen, prognostizieren diese Experten. Wer mehr Spendewillige auch tatsächlich an die Nadel lässt, verbessert damit auch die Versorgung der Patienten mit dringend benötigtem Blut. Außerdem könne der Verzicht auf den generellen Ausschluss in Verbindung mit einer Kampagne die Ehrlichkeit der homosexuellen Spender erhöhen. Sie müssten sich nicht mehr durchmogeln, sondern würden es akzeptieren, wenn das individuelle Risiko abgefragt werde.

Dass es aber zu einer schnellen Neuregelung kommt, ist eher unwahrscheinlich. Zu groß sind noch die Vorbehalte und Fehleinschätzungen. Die Bundesärztekammer duckt sich hinter angeblichen EU-Vorgaben weg, obwohl die Sicherheit der Blutspende nationale Aufgabe ist. Und auch die Aussagen von Oliver Ewald, Sprecher im Bundesgesundheitsministerium, lassen zweifeln. Homosexualität, sagt er, sei kein Ausschlusskriterium bei der Blutspende. Die Kriterien seien längst risikobasiert. Ein Ausschluss aufgrund der sexuellen Orientierung wäre diskriminierend.

Wo für ihn der Unterschied besteht zwischen Schwulen und "Männern, die mit Männern Sex haben", sagt er nicht.

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