Ein bisschen nervös bin ich schon

Redaktion Von Redaktion

Roland wagt sich zur Wiener Aidshilfe und lässt sich auf das HI-Virus testen. Für dbna hat er einen Erfahrungsbericht geschrieben: Vom Wartezimmer über die Blutabnahme bis hin zum Ergebnis.

Freitag, 4. Juli 2008, 14:12 Uhr

Ein bisschen nervös bin ich schon. Hier sitze ich nun, ich und ein paar andere, ein paar Frauen, ein paar Männer, ein paar junge, wenige ältere. Bemüht starren alle ins Leere, in die herumliegenden Zeitschriften. Man vermeidet Augenkontakt. Kaum jemand spricht, leise klingt ABBA von der Decke.

"Vierundfünfzig rot." Jemand wird aufgerufen, ein Paar, ein Mann und eine Frau. Sie betreten das Zimmer, in dem die Beratung auf sie wartet und der Test. Lange wirds wohl nicht mehr dauern, bis ich dran bin, 58 rot. Die Roten, das sind die, die hier sind, um den Test zu machen. Blaue Zettelchen gibts auch; so einen werde ich nächste Woche brauchen, wenn ich mein Testergebnis abhole.

Ein bisschen nervös bin ich schon. Aber froh, dass ich den Laptop hierher mitgebracht habe, zur Aidshilfe, das erleichtert das Warten irgendwie ganz ungemein. Von 14 bis 18 Uhr machen sie hier in Wien am Freitag Aids-Tests; mindestens eine Stunde vor Ende der Öffnungszeiten soll man sich einfinden, des großen Andrangs wegen.

"Siebenundfünfzig rot." Mittlerweile spielen sie "Final Countdown" im Radio. Wie passend. Der Typ dort am Fenster sieht eigentlich ganz nett aus

"Achtundfünfzig rot." Ich bin dran.

Freitag, 4. Juli 2008, 14:37 Uhr

Ob ich zum ersten Mal da sei, musste ich sagen, und mir ein persönliches Kennwort ausdenken zum Ergebnis-Abholen nächste Woche. Und dann wieder draußen im Wartezimmer Platz nehmen. Zwei Mal werde ich noch aufgerufen werden, zuerst zu einem Beratungsgespräch, dann zum Test. Wird wohl noch ein bisschen dauern.

Freitag, 4. Juli 2008, 15:45 Uhr

Wieder zuhause. Es war nicht so schlimm, wie ich befürchtet hatte. Natürlich.

Nach einigen Minuten Warten wurde meine Nummer wieder aufgerufen, diesmal von einer Frau mit kurzen Haaren. Die bat mich in ein Beratungszimmer, wo mich sechs Stühle im Kreis erwarteten, auf einem durfte ich gleich Platz nehmen. Die Frau fragte mich, warum ich mich denn entschlossen hätte, einen Aids-Test zu machen ("Einfach, damit ich mal einen gemacht habe."), ob ich homo- oder heterosexuell sei, ob ich in einer monogamen Beziehung lebte und ob ich über die Ansteckungsmöglichkeiten Bescheid wisse. Mein eifriges Kopfschütteln angesichts der Frage, ob ich mit Frauen gar nichts anfangen könne, kommentierte sie mit den Worten: "Gut so, bleib dabei!" Das nenne ich eine Einstellung!

Dann saß ich wieder im Wartezimmer, harrte der Blutabnahme. Die Leute starrten weiterhin zur Decke. Eine Ampulle zapfte mir der Arzt ab, dann entließ er mich wieder in die Freiheit. In einer Woche komme ich wieder!

Freitag, 11. Juli 2008, 13:58 Uhr

Ein bisschen nervös bin ich schon. Hier sitze ich wieder. Kaum jemand spricht, leise klingen die Nachrichten von der Decke. Diesmal bin ich einer von den Blauen. Diesmal hole ich meinen Test ab. Ich mustere die anderen, die mit den roten Zetteln. Den einen habe ich in der U-Bahn gesehen. Ich wusste doch, dass der hierherkommen würde! Irgendwie schaut er nervös aus. Ob er wohl Angst hat?

"99 blau." Ich bin der Erste heute!

Freitag, 11. Juli 2008, 14:31 Uhr

Es war derselbe wie letzten Freitag, der mich aufgerufen hat. Im Zimmer musste ich wieder mein Kennwort sagen und ob ich von einer Frau oder von einem Mann beraten worden sei. Damit nicht irgendwer mit meinem Kennwort mein Ergebnis bekommen kann. Jetzt soll ich wieder draußen warten. Der aus der U-Bahn wird aufgerufen. Zittert er? Nein, das bilde ich mir wohl nur ein.

Ich versuche, souverän zu wirken, sitze betont locker auf meinem Platz. Ein bisschen nervös bin ich schon.

Ein weißhaariger Mann mit seinem Enkel kommt herein, er begrüßt die Anwesenden. Das tut man doch nicht. Offenbar will der Enkel einen Test machen. Der Opa spricht mit ihm, ganz normal, als wäre das hier nicht die Aidshilfe. Wundervoll! Ich grinse ein wenig, freue mich, dass wenigstens einer hier die Sache nicht gar so schwer nimmt.

"Null blau." "Eins blau." "Zwei blau." Die sind doch nach mir gekommen! Wollen die Aidshilfe-Menschen sich etwa mehr Zeit für mich nehmen, um mich schonend auf das Ergebnis und die Therapie vorzubereiten? Ich überlege schon, wen ich verständigen müsste und wo ich mir das Virus hätte einfangen können. Ob ichs meiner Mutter sagen soll, wir wollten morgen nach Frankreich fahren. Das kann doch gar nicht sein. Woher soll ich denn Aids haben? Von meinem besten Freund, damals, vor wasweißichwievielen Jahren? Der ist die einzige Möglichkeit, eigentlich. Aber wie kann er denn Aids gehabt haben, damals, vor wasweißichwievielen Jahren? Ich überlege, wie ich die SMS an ihn formulieren werde. Und dass mein Freund auch schleunigst einen Aids-Test machen muss. Ich habe ihn angesteckt!

"Neunundneunzig blau." Endlich. Die Frau vom letzten Mal. Zumindest sieht sie mich nicht gar so bemitleidend an. Mal sehen

Freitag, 11. Juli 2008, 14:58 Uhr

Negativ! Ein Glück! Jetzt noch die neue Sonnenbrille vom Optiker holen, morgen gehts nach Frankreich.

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