Magersucht – nur ein Frauenproblem?

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Magersucht – nur ein Frauenproblem?
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Wenn es um Essstörungen geht, dann sind meist Frauen und Mädchen im Fokus der Berichterstattung. Allerdings ist die Zahl der männlichen Patienten nicht unbedeutend und steigt stetig an. Dabei leiden homosexuelle Männer öfter an Essstörungen als heterosexuelle.

Wenn es um Essstörungen geht, dann sind meist Frauen und Mädchen im Fokus der Berichterstattung.  Jetzt hat sich der Ex-Telekom-Manager Christian Frommert in einem Buch zu seiner Magersucht bekannt und macht auf  die stetig steigende Anzahl an männlichen Essgestörten aufmerksam.

"Dann iss halt was!" ein magersüchtiger Manager erzählt von seiner Krankheit

Am 11. März 2013 erscheint das Buch "Dann iss halt was!" von Christian Frommert, dem ehemaligen Manager der deutschen Telekom. Der einst übergewichtige Karrieremann ist durch den Doping-Skandal um den Rad-Profi Jan Ulrich gewaltig unter Druck geraten. Durch weiteren privaten Stress ist er in die Hungerfalle getappt und hat fünf Jahre an Magersucht gelitten. Jetzt veröffentlicht er zusammen mit Jens Clasen, dem Chefautor der deutschsprachigen Mens Health ein Buch über seine Leidensgeschichte.

Im Zuge des Hungerwahns sind in den vergangenen Jahren zahlreiche schockierende Magersuchtromane auf dem Markt erschienen. Geschrieben wurden sie von magersüchtigen und/oder bulimischen Frauen. Allerdings ist mindestens jeder zehnte Magersüchtige ein Mann. Mit dem Buch "Dann iss halt was!" wird deutlich, dass Essstörungen kein reines Frauenproblem sind.

Betroffene Männer sind durchschnittlich älter als betroffene Frauen

Die Magersucht gilt als eine typische Frauenkrankheit, doch eine nicht unerhebliche Anzahl von Patienten ist männlich. Betroffene Männer suchen seltener und später als Frauen ärztliche Hilfe auf, da Essstörungen als Frauenkrankheiten stigmatisiert sind. So sind Schätzungen zufolge bis zu 20 Prozent aller Betroffenen männlich.

Essstörungen treten bei Männern durchschnittlich erst zwischen dem 18. und dem 26. Lebensjahr auf. Bei Frauen liegt das durchschnittliche Erkrankungsalter jedoch zwischen zwölf und 18 Jahren. Das liegt zum einen darin begründet, dass Jungen etwas später in die Pubertät kommen und zum anderen, dass sich Mädchen auch deutlich früher und intensiver mit ihrem äußerlichen Erscheinungsbild beschäftigen.

Es wurde auch festgestellt, dass die Magersucht bei Männern nur selten mit einer Diät beginnt. Viele haben anfangs rein athletische Motivationen und wollen möglichst viel an Muskelmasse zulegen. Wenn diese Bestrebungen außer Kontrolle geraten, dann spricht man vom Adoniskomplex, der auch Muskelsucht genannt wird. Dabei wird mit allen Mitteln versucht Muskelmasse aufzubauen. Gleichzeitig wird die Nahrungsaufnahme mit strengsten Maßnahmen gedrosselt. Zudem kontrollieren Männer ihr Gewicht häufiger mit exzessivem Sport, als mit dem Verzicht auf Nahrung.

Homosexuelle Männer leiden öfter an Essstörungen als heterosexuelle

Da es bislang nur sehr wenige Studien über Essstörungen bei Männern gibt, lassen sich kaum repräsentative Schlussfolgerungen ziehen. Dem Mental Health eJournal zufolge treten bei  homosexuellen Männern Bulimie und Magersucht gehäuft auf. Diese Tatsache dürfe jedoch nicht falsch interpretiert werden. Homosexualität per se sei kein Auslöser für Essstörungen, doch könne allerdings "Betroffene", die Schwierigkeiten mit dem Anerkennen ihrer eigenen sexuellen Orientierung haben, in Depressionen stürzen. Diese wiederum können zu einer Essstörung führen. 

Das Ablehnen der eigenen Sexualität ist eine häufige Ursache von Essstörungen. So konnte bei Männern sowie bei Frauen beobachtet werden, dass die Anorexia nervosa (Magersucht) vor allem mit dem Eintritt in die Pubertät auftritt und damit eine Reaktion auf den Prozess der sexuellen Reifung ist. Durch den akuten Nährstoffmangel stagniert die körperliche Entwicklung. Somit können das Peniswachstum und die Ausbildung einer typisch männlichen Statur ausbleiben bzw. gehemmt werden. Auch kommt es bald zum Erliegen der Libido.

Svea Anais Perrine. / photocase.com

Essstörungen sind vielfältig

Ein merkwürdiges Essverhalten muss nicht gleich bedeuten, dass man an einer Essstörung leidet, doch die Übergänge sind fließend. Gefährlich wird es, wenn das Thema "Essen" nicht mehr aus dem Kopf zu kriegen ist und Essen nichts mehr mit Genuss zu tun hat.
Inzwischen geht man davon aus, dass sich die meisten Essstörungen nicht in die drei Hauptgruppen Magersucht, Bulimie und Binge-Eating-Störung zuordnen lassen. Damit entstehen, aus den unterschiedlichsten Symptomen, individuelle Mischformen.

Die Ursachen für eine solche Störung können unterschiedlichster Art sein. Der Schlankheitswahn spielt natürlich eine Rolle, doch ist sicher nicht allein ausschlaggebend für eine Essstörung. Viel schwerwiegender als kulturelle Einflüsse sind die individuelle psychische Gesundheit sowie die familiären Strukturen. Außerdem wird eine genetische Veranlagung für Essstörungen vermutet.

Einmal krank - immer krank?

Magersucht tritt schleichend auf und können wenn überhaupt nur in langwierigen Therapien "geheilt" werden. Da die Krankheit oft erst nach vielen Jahren entdeckt wird,  sind die Betroffenen in ihrem pathologischen Verhalten gefangen. Der Weg zurück ist lang und mühsam. Je früher das Problem erkannt wird und je früher Maßnahmen dagegen ergriffen werden, desto höher die Heilungsaussichten.

Trotzdem berichten Geheilte immer wieder davon, dass man zwar wieder lernen könnte normal zu essen und das Normalgewicht zu halten, aber ganz ablegen kann man solch eine Krankheit nicht. Erschreckenderweise gehört Magersucht zu den psychischen Krankheiten mit der höchsten Sterberate. Man geht davon aus, dass etwa 15 bis 20 Prozent ihrer Krankheit erliegen, wobei die wenigsten tatsächlich verhungern.

Die Folgeschäden von jahrelangem Erbrechen und akuter Mangel- und Unterernährung sind verheerend. Meist kommt es zu tödlichem Herz- und/oder Nierenversagen. Auch wählt ein nicht zu verachtender Anteil der Erkrankten den Freitod.

Wer sich nicht sicher ist, ob sein Essverhalten noch normal ist, der kann ganz anonym den Bodycheck der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) machen: www.bodycheck.bzga.de

Mehr Informationen, Hilfe und Ratschläge für Betroffene, Freunde und Angehörige sind zudem auf der Homepage der BZgA zu finden.

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